Ingrid Thurnher steht jetzt an der Spitze des ORF

Ingrid Thurnher ist neue vorläufige ORF-Chefin

Donnerstag, 12. März 2026 | 18:15 Uhr

Von: apa

Der ORF-Stiftungsrat hat am Donnerstag Ingrid Thurnher mit der vorläufigen Führung der Geschäfte des ORF-Generaldirektors betraut. Die Abstimmung in einer Sitzung des 35-köpfigen obersten ORF-Gremiums fiel einstimmig aus. Der Schritt wurde nötig, da Roland Weißmann am Sonntag von der Spitze des öffentlich-rechtlichen Medienhauses zurückgetreten ist. Ausschlaggebend waren Vorwürfe rund um Fehlverhalten gegenüber einer Mitarbeiterin, die Weißmann zurückweist.

Thurnher sprach im Anschluss an die Sitzung von einer “unglaublichen Ehre, die mir widerfährt, dieses Unternehmen leiten zu dürfen”. Allerdings seien die Umstände, unter denen sie an die Spitze des ORF gelangt sei, “alles andere als erfreulich”. “Das Bild vom ORF, das öffentlich vermittelt wurde, haben sich die 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht verdient. Sie leisten professionelle Arbeit, auch in Krisensituationen”, sagte sie.

“Volle Transparenz mit aller Konsequenz”

“Für mich ist ganz klar, es gibt in Zukunft nur volle Transparenz mit aller Konsequenz. Es muss alles auf den Tisch und aufgeklärt werden”, sagte die Neo-Chefin. Denn Vertrauen sei das wichtigste Gut des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. “Macht bedeutet Verantwortung und mit dieser werde ich schauen, dass es keine Form des Machtmissbrauchs in diesem Unternehmen geben darf”, sagte Thurnher. Diese Aufgabe wolle sie “noch heute Abend” angehen. Sollten bestehende im Haus verankerte Instrumente wie die Whistleblower-Hotline oder die Compliance-Stelle nicht ausreichen, werde man nachlegen müssen.

Die Funktion als ORF-Radiodirektorin übt Thurnher weiterhin aus. Die Ausschreibung für den ORF-Generaldirektorenposten bis Jahresende kündigte ORF-Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer für die nahe Zukunft an. Für diese Funktion wird sich Thurnher bewerben. Ob sie auch eine Bewerbung für die eigentliche nächste fünfjährige Generaldirektor-Funktionsperiode ab 2027 vornimmt, ließ sie offen. Die Ausschreibung dazu erfolgt Anfang Mai. Eine dafür noch nötige Gesetzesänderung passierte am Donnerstag den Verfassungsausschuss des Nationalrats.

Thurnher blickt auf 41 Jahre im ORF

Thurnher (63) ist eines der bekanntesten Gesichter des ORF und ließ in ihrer 41-jährigen Karriere kaum eine Station im größten Medienhaus des Landes aus. Der Weg der Vorarlbergerin führte sie von der TV-Ansagerin, dem NÖ-Landesstudio und der Innenpolitikredaktion beim Hörfunk über Moderationen in der “ZiB”, “ZiB2” sowie “Im Zentrum” bis zur Chefredakteurin bei ORF III und schließlich zur Radiodirektion.

Lederer: “Nie den Leuchtturm ORF aus den Augen verlieren”

Lederer zeigte sich am Donnerstag überzeugt, dass Thurnher “keine Sekunde zögern” werde, “alle Probleme mit voller Kraft” anzugehen. “Sie wird nie den Leuchtturm ORF aus den Augen verlieren”, so der Stiftungsratsvorsitzende.

Dass die 35 Stiftungsräte einstimmig für Thurnher gestimmt haben, sieht Gregor Schütze, stv. ORF-Stiftungsratsvorsitzender, als wichtiges Zeichen der Geschlossenheit. Zwei Empfehlungen sprach der Stiftungsrat an die neue Geschäftsführung aus: die Einrichtung einer Taskforce zur Führungskultur im ORF und die Beauftragung einer externen Firma zur Unterstützung bei der Aufklärung zur Causa.

Westenthaler: Vorwurf der sexuellen Belästigung ausgeräumt

Vor Sitzungsstart trat Stiftungsrat Peter Westenthaler vor die zahlreich anwesenden Pressevertreter und forderte, dass “alles auf den Tisch” müsse. Doch: Der Sachverhalt sei “mehr schlecht als recht aufgeklärt” worden, sagte er danach. Ein Schreiben der betroffenen Frau sei verlesen worden, in dem sie ihre Eindrücke wiedergab. Der Vorwurf der sexuellen Belästigung sei ausgeräumt, meinte Westenthaler. Es liege kein Straftatbestand, aber dennoch ein Fehlverhalten Weißmanns vor. Westenthaler sprach davon, dass ihnen keine geschlossene Mailkette vorgelegt worden und damit die Reaktion der betroffenen Frau auf Nachrichten nicht ersichtlich sei. Eine klare Abwehrhaltung sei jedenfalls gegenwärtig nicht erkennbar.

Lederer: “Kein Freibrief, keine Vorverurteilung”

Lederer sagte, dass die Compliance-Stelle das mutmaßliche Fehlverhalten Weißmanns beurteilen müsse. “Mit uns gibt es keinen Freibrief, aber auch keine Vorverurteilung”, so der Stiftungsratsvorsitzende. Man habe sich jedenfalls sehr intensiv mit Anwälten besprochen.

In der Sitzung wollte Westenthaler, der von der FPÖ in das Gremium entsandt wurde, auch die Rolle des ORF-Managers Pius Strobl, der angeblich in die Causa verwickelt sein soll, und seinen Pensionsvertrag, um den es einen mehrjährigen Konflikt gebe, durchleuchten.

Strobl: Betroffene nicht motiviert

Strobl äußerte sich am Donnerstag in einem “Standard”-Interview zur Causa. Dabei bestätigte er, dass Weißmann eine ihm vom früheren ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz vertraglich zugesicherte Pensionsregelung nicht umsetzen wollte und er sie nun nach seinem ORF-Abschied Ende 2026 einklagen müsste. Die letzte Korrespondenz dazu habe aber bereits 2023 stattgefunden. Die Weißmann angelasteten Vorkommnisse würden in keinem Zusammenhang mit seiner beruflichen Tätigkeit stehen. “Täter bleibt immer noch Täter”, hielt Strobl fest. Für Weißmann gilt die Unschuldsvermutung.

Strobl bestätigte, dass er denselben Anwalt wie die Frau habe, die sich mit den gegen Weißmann gerichteten Vorwürfen an die Stiftungsratsspitze gewandt hatte. Er dementierte jedoch, dass er sie zur Erhebung der Vorwürfe motiviert habe. “Die betroffene Frau braucht(e) meine Motivation nicht, sondern nur ihren persönlichen großen Mut für diesen Schritt”, so Strobl.

Anpassung der Geschäftsordnung

In der Stiftungsratssitzung wurde mit einer großen Mehrheit der Stimmen eine Anpassung der Geschäftsordnung vorgenommen. Damit soll künftig eine straffere Debattenführung möglich werden. Im Falle von Störungen können Ordnungsrufe und der Entzug des Rederechts erfolgen. Zur Abkühlung der Gemüter soll es auch möglich sein, eine Sitzung zu unterbrechen.

Lederer hat am Mittwoch betont, dass die Änderungen an der Geschäftsordnung kein “Alleinwerk” seien, sondern es eine breite Debatte dazu gegeben habe. Das Verhalten von Westenthaler hatte in vergangenen Sitzungen mehrfach für Unmut unter anderen Stiftungsräten gesorgt. Westenthaler sprach mit Blick auf die neue Geschäftsordnung von “Diktatur” und einer “Lex Westenthaler”.

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