Von: apa
Wissenschaft brauche gerade in Zeiten von Social Media und den damit einhergehenden kurzen Aufmerksamkeitsspannen medial genügend Zeit und Raum, sagte die Journalistin und Autorin Mai Thi Nguyen-Kim im APA-Gespräch: “Nur beim ersten Interesse, dem Erheischen von Aufmerksamkeit, befürworte ich dieses Kurze, dieses Auf-Zug-Sein. Insgesamt ist es ein Fehler zu denken, dass Wissenschaft und Wissenschaftsjournalismus ‘snackable’ (dt. etwa: ‘Leicht verdaulich’, Anm.) sein müssen.”
Denn der Wesenskern von Wissenschaft liege in Komplexität und Details: “Das ist in den Medien natürlich ein systematischer Nachteil – aber es geht nicht anders”, so Nguyen-Kim, die am Mittwoch (22. April) auf Einladung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und dem Wissenschaftsfonds FWF im Vorfeld der “Langen Nacht der Forschung” an der Akademie zu Gast ist. Die 38-Jährige ist promovierte Chemikerin, Moderatorin auf ARD und ZDF, hat auf Youtube mit dem Kanal “MaiThink X” rund 1,5 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten und mehrere Bücher geschrieben, etwa “Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit” im Jahr 2021.
Ihr Rat: sich die Zeit nehmen, Einzelheiten, Quellen und Graubereiche zu beleuchten. “Erfolgreiche Verschwörungsideologen machen ja das Gleiche: Die haben teilweise stundenlange Videos und gehen extrem in die Details – die dann eben alle falsch sind. Ich vergleiche das ein bisschen mit Heilpraktikern: Leute gehen dahin, weil die sich Zeit nehmen und man sich ernst genommen fühlt”, sagte sie weiter.
Anfeindungen “proportional zum Impact”
Gerade um ein jüngeres Publikum zu erreichen, das mit Influencerinnen und Influencern aufgewachsen ist, seien auch authentische Stimmen aus der Wissenschaft wichtig. “Es ist vielleicht ein strapaziertes Wort, aber ich glaube, gerade in Zeiten von KI (Künstlicher Intelligenz, Anm.) wird Authentizität immer wichtiger – deswegen versuche ich, Forschende auch immer wieder zu motivieren, ihr Gesicht zu zeigen und direkt öffentlichkeitswirksam zu kommunizieren”, so Nguyen-Kim. “Denn: Menschen erreichen Menschen, Menschen hören Menschen zu, und der Weg in den Kopf geht über den Bauch.”
Ihren anfänglichen Youtube-Kanal nannte sie vor mehr als zehn Jahren “The Secret Life Of Scientists” (dt.: “Das geheime Leben von Forschenden”) – schon da ging es darum, Wissenschafterinnen und Wissenschafter explizit in ihrem Leben außerhalb der Forschung zu porträtieren. “Das war eine sehr oberflächliche Art zu berichten, ausgehend von dem Gedanken, dass Wissenschaft kein inhaltliches, sondern ein Imageproblem hat und, dass Inhalte Gesichter als kraftvolles Vehikel brauchen. Irgendwie komme ich immer wieder zurück zu diesem Anfang – aktuell eben im Zusammenhang mit KI”, so Nguyen-Kim.
Zwei strukturelle Probleme
Dabei gebe es zwei strukturelle Probleme: “Das eine Problem ist, dass man als Forscherin oder Forscher wenig zu gewinnen hat, wenn man sich jetzt etwa während der Pandemie zu Markus Lanz gesetzt hat”, erklärte Nguyen-Kim. “Das Beste, was einem passieren konnte, ist, dass man nicht komplett falsch verstanden und einem daraus keinen Strick gedreht wurde.” Dementsprechend brauche es Anreizsysteme, um gute Wissenschaftskommunikation für Forschende, die in der Forschung Karriere machen wollen, interessant zu machen.
Es müsse bessere Schutzmaßnahmen geben, etwa bei digitalen Gewaltandrohungen, die während der Coronapandemie deutlich zugenommen haben. “Ich versuche das auch positiv zu sehen: Die Anfeindungen sind immer proportional zum Impact und ein Zeichen, dass man relevant ist und auch irgendwo eine Bedrohung darstellt. So ist meine Bilanz unterm Strich positiv, auch weil ich ein tolles Team um mich habe, das mir diese Arbeit ermöglicht. Deswegen mache ich auch weiter”, resümierte Nguyen-Kim.
Gegen eine neutrale Wissenschaft
Vor der Coronapandemie sei sie unzufrieden gewesen, dass Wissenschaft in öffentlichen Debatten wie etwa Talkshows selten vertreten ist. “Während Corona habe ich dann gemerkt: Es bringt gar nichts, wenn mehr Forschende dort sitzen, wenn sie nicht die richtigen Formate bekommen – in diesem Kontext würde ich sogar sagen, zu viel mediale Aufmerksamkeit kann dem Verständnis von Wissenschaft schaden, wenn sie eben nicht den Raum für die Details und das ‘Einerseits-Andererseits’ bekommt”, erklärte Nguyen-Kim. Resultat davon sei bei vielen Menschen ein falsches Bild vom Forschungsbetrieb – gepaart mit dem “Missverständnis”, die Wissenschaft eigentlich gut zu kennen. Beispielsweise wurde man während der Coronazeit mit Zahlen und Fakten bombardiert, von Methoden habe man aber so gut wie nichts gehört.
Die Ansicht, Wissenschaft habe sich immer rauszuhalten, ist laut Nguyen-Kim ein “Neutralitätsfehlschluss”. Denn sie werde in politischen Debatten zum Thema gemacht und verzerrt – Stichwort Klimawandelleugnung. “Da muss die Wissenschaft eingreifen, um die eigene Neutralität zu wahren”, sagte sie.
Gleichzeitig zahle jede Art von Berichterstattung zu Wissenschaftsthemen auf eine Art “wissenschaftliche Allgemeinbildung” ein. “Wenn ich im Zusammenhang mit Musik etwas über physikalische Zusammenhänge lerne, wird mir diese Art zu denken vielleicht irgendwann dabei helfen, den Treibhauseffekt zu verstehen”, erklärte sie. Das heißt auch, dass für die Vermittlung eine große Themenvielfalt zur Verfügung steht.
(S E R V I C E – Link zum (ausgebuchten) Event “(Des-)Informationszeitalter: Wie sich Wissenschaft zwischen all dem Geschrei hörbar macht”: https://go.apa.at/EyApqjbN )




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