Von: apa
Gestern noch in der berühmtesten Popband aller Zeiten – wie nun weitertun? 1970 stand Paul McCartney nach dem Ende der Beatles, an dem ihm die Schuld zugeschoben wurde, vor dieser Frage. Der Film “Man On The Run” dokumentiert das Jahrzehnt des Musikers nach der Trennung – solo und mit The Wings. Er richtet sich an ein breites Publikum, eingefleischte Fans werden weniger Neues erfahren, sollten aber an der gut gemachten, teils sehr emotionalen Rückschau dennoch Freude haben.
Am Donnerstag und Sonntag dieser Woche wird die Produktion noch im Filmhaus am Spittelberg gezeigt, bevor sie ab 27. Februar auf Amazon Prime abrufbar ist. “Man On The Run” ist die audiovisuelle Ergänzung zur bereits veröffentlichten Kopplung “Wings” auf LP und CD (in mehreren Formaten) und zum Buch “Wings”. Außerdem erscheint zeitgleich mit dem Streamingstart der Soundtrack zur Doku auf Tonträger (mit “Deep-Cuts” und “Fan-Favoriten” aus einem Jahrzehnt McCartney, so die Ankündigung).
Zunächst solo, dann mit The Wings steuerte der ehemalige Pilzkopf durch die Siebziger, mal verkannt, mal erfolgreich. Regisseur Morgan Neville hat für “Man On The Run” tief in den Archiven gegraben und auch auf private Videos von McCartney zurückgreifen können. Der Ausnahmemusiker erzählt die Geschichte (aus dem Off) selbst, es sprechen aber auch andere Künstler wie Mick Jagger und Sean Ono Lennon, der Journalist Peter Doggett oder Chris Thomas, der Produzent des letzten Albums der Wings. Damit ergeben sich unterschiedliche Sichtweisen.
Ein schwieriges Jahrzehnt
Neville rollte das für McCartney schwierige Jahrzehnt chronologisch auf, schneidet das Material flott, verknüpft aktuelle Interviews mit alten Gesprächen, lässt Bilder “tanzen”, wo es kein Bewegtbild gibt, mischt Backstage-, Konzert- und Studioaufnahmen und lässt ins Privatleben des Paares Paul und Linda McCartney an ihrem Rückzugsort in Schottland blicken. Die harte Beatles-Trennung wird ausgiebig beleuchtet, um die Situation verständlich zu machen, an der sich der Mann aus Liverpool zu Beginn der Siebziger befand: Die Welt erwartete weitere Meisterwerke. Doch McCartney erfand mit seinem ersten Solo-Album “sozusagen LoFi”, wie es in der Doku heißt.
“Man On The Run” folgt der Spur zum großen Mega-Hit-Album “Band On The Run” der Wings, zu den erfolgreichen Tourneen “Wings Over America” und “Wings Over Europe”, berichtet vom Drogenfund bei McCartney bei der Einreise in Japan, womit nicht nur eine dort geplante Tournee platzte, sondern auch das Kapitel Wings so gut wie beendet war. Aber vor allem gibt der Film einen Einblick in das Seelenleben des Musikers, unterstreicht die Innigkeit und Wichtigkeit seiner Beziehung mit der 1998 verstorbenen Linda, erzählt von seiner Liebe zu John Lennon, vom Streit und der Versöhnung mit diesem, aber auch vom Schmerz nach der Ermordung seines Freundes und Mit-Beatle.
Die Dokumentation ist visuell höchst ansprechend. Als Soundtrack dienen nicht nur Hits und perfekte Aufnahmen, sondern auch rare, ungewöhnliche, raue Musikbeiträge. Und es wird nichts beschönigt. McCartney gesteht Fehler ein, ehemalige Bandmitglieder dürfen ihn kritisieren, McCartney wirkt in alten Aufnahmen manchmal überheblich oder zu gleichgültig (etwa, was Vorwürfe eines Wings-Musikers betrifft, er sei mit einem Hungerlohn abgespeist worden). Am Ende ergibt sich ein vielschichtiges, absolut sehenswertes rund zweistündiges Porträt eines Ausnahmepopstars, keine blinde Heldenverehrung, sondern trotz Ton im Dolby Atmos Format und aller Bilderflut ein intimes Bild, das vieles zurechtrückt, ohne zu beschönigen. Das schafft kein Biopic!
(Von Wolfgang Hauptmann/APA)
(S E R V I C E – www.manontherun.film )




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