Von: APA/AFP
Am Samstag entscheidet sich, wer Deutschland beim Finale des Eurovision Song Contest (ESC) am 16. Mai in Wie vertritt. Neun Acts treten am Abend (20.15 Uhr) im von der ARD übertragenen Vorentscheid gegeneinander an – vier Frauen, zwei Männer, zwei Bands und ein nichtbinärer Künstler. Letzterer namens wavvyboy ist Favorit. Organisiert wird die Show neuerdings vom Südwestrundfunk (SWR) – in den vergangenen 30 Jahren hatte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) die Verantwortung.
Für die vielen ESC-Fans in Deutschland dürfte nicht nur wegen des Senderwechsels vom NDR zum SWR das diesjährige ESC-Finale wegweisend werden. Nachdem in den Jahren 2019 bis 2023 ausschließlich Plätze am Ende des Teilnehmerfelds heraussprangen, reichte es in den vergangenen zwei Finals für Mittelfeldplatzierungen.
Zuletzt solides Mittelfeld
2024 wurde Isaak im schwedischen Malmö Zwölfter, im vergangenen Jahr belegte das Wiener Duo Abor & Tynna im schweizerischen Basel den 15. Platz. Damit war zwar der vom damaligen ESC-Chefjuror Stefan Raab zum Ziel erklärte Sieg in weiter Ferne – aber zweimal solides Mittelfeld ist für das beim ESC Niederlagen gewohnte Deutschland schon ein Erfolg.
Damit stellt sich nun die Frage, ob es noch weiter aufwärts geht oder ob Deutschland wieder zurück in die ESC-Bedeutungslosigkeit rutscht. Im Vorentscheid wird sich nicht nur zeigen, ob die vom SWR im Voraus ausgewählten neun Starter gute Lieder auf die Bühne bringen. Es wird sich auch zeigen, ob die Künstler bühnentauglich sind – manches im Radio gut klingende Lied scheiterte in den vergangenen Jahren beim weltweit am meisten beachteten Musikwettbewerb an der lahmen Performance der Starter.
wavvyboy überzeugt Fan-Gemeinde
Die auf der Internetseite esc-kompakt.de bereits vor dem Vorentscheid rege diskutierenden Fans machten für Samstag bereits einen Favoriten aus. Der aus Liechtenstein stammende und inzwischen in Köln lebende nichtbinäre Künstler wavvyboy, der sich weder als Mann noch als Frau fühlt, gilt mit “Black Glitter” dort als Favorit. Sollte wavvyboy tatsächlich gewinnen, würde Deutschland erstmals einen nichtbinären Künstler zu dem in der queeren Szene besonders stark beachteten Wettbewerb schicken.
Zum Favoritenkreis zählen die Fans auch die vom Namen her bekannteste Starterin Sarah Engels. Die mit der RTL-Show “Deutschland sucht den Superstar” und ihrer gescheiterten Ehe mit Pietro Lombardi bekannt gewordene Engels geht mit der Popnummer “Fire” ins Rennen. Weitere Teilnehmer des Vorentscheids sind der Sänger Bela mit “Herz”, die Gruppe Dreamboys The Band mit “Jeanie”, Sängerin Laura Nahr mit “Wonderland”, Sängerin Malou Lovis mit “When I’m with you”, Sängerin Molly Sue mit “Optimist (HaHaHa)”, der Sänger Myle mit “A OK” und die Band Ragazzki mit “Ciao Ragazzki”.
Jury sortiert aus, Publikum entscheidet
In der auf drei Stunden angelegten Show wird eine 20-köpfige Jury aus 20 ESC-Teilnehmerländern von diesen neun Startern die aus Jurysicht besten drei auswählen. Am Ende wird dann das Publikum aus diesen drei Juryfavoriten den deutschen Starter auswählen. Damit entschied sich der SWR mal wieder für ein neues Prozedere für den Ablauf des deutschen Vorentscheids – schon in den vergangenen Jahren hatte es kaum Kontinuität gegeben.
Als Moderatorinnen treten Barbara Schöneberger und Hazel Brugger in Erscheinung. Letzere war im vergangenen Jahr Teil des Moderationsteams, das durch den ESC in Basel führte. Dass sie nun auch den etwas kleineren deutschen Vorentscheid mitmoderiert, hält sie selbst im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur für bemerkenswert. “Ich bin bekannt dafür, dass ich oft nicht ganz nachvollziehbare Business-Entscheidungen treffe”, erklärte Brugger. “Nachdem ich den echten ESC moderiert habe, wollte ich ein Dreivierteljahr später unbedingt den Vorentscheid moderieren.” Vor Jahren sei sie aber ja auch aus der “steuerglücklichen” Schweiz nach Deutschland umgezogen. “Das sind alles Moves, um die Leute ein bisschen auf Trab zu halten.”
Moderatorin Brugger rät zu mehr Gelassenheit
Deutschland attestiert sie einen ausgeprägten Hang zum Pessimismus, wenn es um den ESC geht. Sie plädiert für mehr Gelassenheit angesichts der zuletzt oft schwachen Ausbeute. “Wir müssen alle mal den Druck rausnehmen und zeigen, dass Entertainment auch einfach nur Spaß machen darf.” Wenn das gelinge, glaube sie auch an einen positiven Schwung mit Blick auf das ESC-Finale.
Planbar sei ein Erfolg gleichwohl nicht, betonte die Moderatorin. Brugger glaubt sogar, dass zu viel Planbarkeit eher schadet. “Ich verstehe, dass das Deutsche wahnsinnig machen muss: Als Land der Ingenieure versucht man manchmal zu berechnen, was man tun muss, damit es funktioniert”, sagte sie. Ihr Ratschlag: “Da sage ich: Chill mal.”
Als gutes Beispiel nannte sie die bisher letzte deutsche ESC-Gewinnerin Lena Meyer-Landrut (2010). “Sie hat während der Performance nicht krampfhaft an den Sieg gedacht”, sagte Brugger. In der Schweiz etwa sei Lena damals sehr gut angekommen. “Wir sind dort ja nicht unbedingt für unsere Deutschland-Affinität bekannt, aber wir haben uns damals wahnsinnig gefreut, dass Lena gewonnen hat”, berichtete sie.




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