Von: APA/dpa
Ein Film mit einem Baum als Hauptdarsteller – kann das funktionieren? Wenn die Regisseurin Ildikó Enyedi heißt, auf jeden Fall. Die Ungarin, die 2017 mit “Körper und Seele” den Hauptpreis der Berlinale gewann, ist bekannt für poetisches, leises und märchenhaftes Kino. Das ist auch ihr neuer Film “Silent Friend”, der im deutschen Marburg spielt. Nach der Weltpremiere in Venedig kommt das Werk mit seinen einzigartigen Bildern und leisem Humor am Freitag ins Kino.
Handlungsort ist die Universität Marburg, in deren Garten ein Ginkgo-Baum steht, der über Jahrzehnte hinweg Zeuge des Geschehens um ihn herum wird. “Ich habe einen wunderbaren deutschen Ehemann, einen Literaturliebhaber aus Nordrhein-Westfalen, der mir vor 35 Jahren diesen alten, charmanten botanischen Garten mitten in Marburg gezeigt hat”, so Enyedi. “Als ich die Stadt zum ersten Mal besuchte, war ich erstaunt, wie sehr sie mit ihren dramatischen Höhenunterschieden wie geschaffen für Filme ist. Und vor allem war ich total begeistert davon, dass es mitten in der Stadt einen botanischen Garten gibt, was ziemlich ungewöhnlich ist”, so die Filmemacherin im dpa-Interview.
Drei Episoden ergeben ein Ganzes
Der Film ist in drei miteinander verwobene Episoden aufgeteilt. Sie spielen 1908, 1972 und 2020. Menschen, die an der Uni arbeiten oder studieren, suchen darin auf unterschiedliche Weise nach Nähe, Erkenntnis und Austausch. Ihr Verhältnis zur Welt wird dabei durch Begegnungen mit der Natur geformt und verändert. Unter anderem spielen Tony Leung (“In The Mood for Love”), Léa Seydoux und die Schweizerin Luna Wedler (“22 Bahnen”) mit, die in Venedig mit einem Nachwuchspreis ausgezeichnet wurde.
Wedler spielt die erste Studentin der Universität, die 1908 ihre Leidenschaft für die Fotografie entdeckt und sich gegen ihre patriarchale Umwelt zur Wehr setzen muss. In Fotoexperimenten dokumentiert sie Strukturen von Pflanzen. Enzo Brumm ist als junger Student zu sehen, der sich Anfang der 1970er Jahre in eine Kommilitonin namens Gundula (Marlene Burow) verliebt, aber zu unbeholfen ist, ihr seine Gefühle zu zeigen. Als sie Marburg vorübergehend verlässt, übernimmt er die Betreuung ihrer Geranie. Diese dient als Forschungsprojekt: mit einer eigens gebauten, technischen Konstruktion will Gundula beweisen, dass auch Geranien eine Wahrnehmung haben.
Tony Leung verkörpert einen Neurowissenschafter aus Hongkong, der 2020 während der Pandemie in Marburg strandet. Außer ihm und dem grummeligen Hausmeister (Sylvester Groth) ist niemand mehr an der Uni. Der Wissenschafter startet Experimente mit dem Ginkgo-Baum und tauscht sich in Videotelefonaten mit einer französischen Wissenschafterin (Seydoux) dazu aus.
Die Optik dominiert
Wie frühere Werke Enyedis zeichnet sich “Silent Friend” durch eine besondere Bildsprache aus. Die Optik unterscheidet sich je nach Zeitebene – manchmal sind die Bilder gestochen scharf, manchmal körnig analog, manchmal Schwarz-Weiß. Zwischendurch sind Nahaufnahmen von Pflanzen zu sehen, die wirken, als seien sie durch ein Mikroskop aufgenommen.
Charmant ist, dass Enyedi von großen Themen in kleinen, alltäglichen Momenten erzählt. Der Film lädt außerdem dazu ein, seine Umwelt mit frischer Neugier zu betrachten. “Wir müssen anerkennen, dass andere Menschen, Tiere und Pflanzen ihre eigene, sehr reichhaltige Welt bilden, die genauso gültig ist wie unsere”, so Enyedi: “Wenn Sie eine halbe Stunde lang durch einen Wald spazieren, verändert sich Ihre Sicht auf die Welt. Sie halten inne und spüren einfach, dass Sie Teil von etwas sind und nicht über etwas stehen.”
(S E R V I C E – www.polyfilm.at/film/silent-friend)




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