Von: APA/dpa
Für den Weg runter hat Alex Honnold einen äußerst unspektakulären Plan: den Aufzug. 101 Stockwerke, 508 Meter. Eine beeindruckende Glasfassade, pagodenartig gebaut, der Taipeh 101. Den will Honnold vorher hochklettern. Ohne Absicherung, aber vor laufenden Kameras, live gestreamt. “Skyscraper live” nennt Netflix das Spektakel. Waghalsig und lebensgefährlich. “Null Platz für Fehler”, heißt es im Trailer. In der Nacht auf Samstag (2 Uhr mitteleuropäische Zeit) ist es soweit.
“Nur ich und das Gebäude”
“Keine Seile, keine Ausrüstung, nur ich und das Gebäude”, sagt Honnold vor seinem Versuch, den gewaltigen Wolkenkratzer zu erklimmen: “Ich bin mittlerweile an die Angst gewöhnt. Sie klettert immer mit.” Auf die Nachfrage in einem CNN-Interview, ob Netflix ein Sicherheitsnetz eingebaut habe, entgegnet er: “Nein.”
Honnold ist nicht irgendwer. Er ist einer der besten Freikletterer auf diesem Planeten. Weltweite Berühmtheit über die Szene hinaus erlangte er spätestens mit dem Film “Free Solo”. Der Streifen gewann 2019 den Oscar als bester Dokumentarfilm. Er zeigt Honnold, wie dieser die 915-Meter-Wand des El Capitan im Yosemite Nationalpark bezwingt.
Kritik schon bei der Ankündigung
“Damit hat er geschafft, was vielleicht die größte Leistung des Felskletterns in der Geschichte dieses Sports ist”, schrieb einmal der “National Geographic” über Honnolds Alleingang – auch ohne Absicherung. Seine Sache, werden manche sagen. “Angst ist ein interessanter Ratgeber”, steht auf Honnolds Homepage. Mit der Live-Übertragung der Wolkenkratzer-Besteigung in Taiwans Hauptstadt werden Grenzen nun aber neu ausgelotet.
“Sobald es verkündet wurde, haben Leute gesagt: Warum machst du das? Das ist dumm. Das ist kein Klettern”, schildert Honnold in dem CNN-Interview. Er verstehe das total: Aber wenn sie die Möglichkeit bekämen, das zu klettern, würden sie es auch tun. “Es ist so cool. Es ist so ein Spaß”, sagt er. Honnold wirkt dabei nicht, als müsste er die Begeisterung spielen.
Dass Netflix auch in den Live-Bereich drängt, ist nicht neu: Wrestling, Boxen, American Football. Auch über einen Einstieg in die Formel 1 wurde mal spekuliert, die US-Rechte ab diesem Jahr sicherte sich allerdings Rivale Apple TV.
Ist es Voyeurismus?
Für Honnold gibt es keinen großen Unterschied für Zuschauer, ob sie sich ein NFL-Spiel live anschauen oder wie er den Taipeh 101 hochklettert. “Es sieht dramatischer aus, weil die Konsequenzen so viel größer sein können”, räumt er immerhin ein. “Wenn du fällst, stirbst du”, sagt er im Trailer.
“Ein Fehltritt kann das Ende bedeuten: Spielt Netflix mit dem Tod?”, titelt der SRF (Schweizer Radio und Fernsehen) auf seiner Homepage. “Menschen dabei zuzusehen, wie sie sich in eine Todesrisiko-Situation begeben, halte ich persönlich für ethisch nicht vertretbar”, sagt der deutsche Medien- und Sportwissenschaftler Thomas Horky in dem Beitrag. Seine Kritik richtet sich dabei nicht unbedingt gegen Honnold: “Andere Menschen fahren sehr schnell auf Autobahnen und gehen ein Risiko ein.”
Für die österreichische Philosophin und Theologin Claudia Paganini unter anderem mit Schwerpunkt Medienethik überschreitet Netflix eine Grenze, weil bereits “das Konzept und das Setting voyeuristische Dynamiken fördern”. Der “Deutschen Welle” sagte Paganini: “Ich halte die Live-Übertragung eines potenziell tödlichen Risiko-Events für problematisch, weil Medien damit nicht mehr nur dokumentieren, kommentieren und einordnen, sondern das Ereignis als Spektakel aktiv mitproduzieren.”
Vater von zwei kleinen Kindern
Zweieinhalb Monate bereitete sich Honnold speziell noch mal auf den Taipeh 101 vor. Seit rund 30 Jahren klettert der 40-Jährige. “Die Leute schauen auf das Projekt und sagen: Das ist riskant oder gefährlich. Aber für mich ist es nicht so viel anders, als das, was ich sonst mache”, sagt der verheiratete Vater von zwei kleinen Kindern.
(Von Jens Marx/dpa)




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