Von: apa
Das Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und Indien dürfte kaum negative Effekte haben. Die Verhandler hätten laut dem wiiw-Handelsökonomen Oliver Reiter einen pragmatischen Zugang gewählt und kritische Branchen, wie die Landwirtschaft, größtenteils ausgeklammert. Vom erwarteten wirtschaftlichen Effekt sei der Deal mit dem EU-Mercosur-Abkommen vergleichbar. In der heimischen Wirtschaft wird die Einigung mit Indien positiv aufgenommen.
Indiens Ministerpräsident Narendra Modi sprach von der “Mutter aller Deals”. Dies sei mit Blick auf die europäische und indische Gesamtbevölkerung zu verstehen, so Reiter. Ökonomisch sei die Einigung mit dem Mercosur-Deal vergleichbar. Für Indien sei die EU der wichtigste Handelspartner, umgekehrt würden aktuell aber nur rund zwei Prozent der europäischen Exporte nach Indien gehen.
Österreichs Kfz-Zulieferer und Winzer unter möglichen Profiteuren
Das mit 1,45 Milliarden Einwohnern bevölkerungsreichste Land der Welt importiere aktuell viele hochtechnologische Produkte und Maschinen aus Europa. Am stärksten vom Abkommen profitieren dürften die Fahrzeugindustrie sowie die Getränke- und Spirituosenbranche – hier seien die indischen Zölle aktuell sehr hoch und die Absenkung entsprechend stark. Das gilt auch für Österreich: Die Kfz-Zulieferer dürften indirekt von stärkeren Exporten der deutschen Autoindustrie profitieren. Getränke und Spirituosen seien bereits jetzt die fünftgrößte Warengruppe im bilateralen Handel zwischen Österreich und Indien.
Europäische Verbraucherinnen und Verbraucher dürften das Abkommen direkt aber nur wenig spüren, so Reiter. Die EU importiere besonders Vorprodukte aus Indien, “die dann im Produktionsprozess verwendet werden”. Am ehesten würden Konsumenten den Deal bei pharmazeutischen Produkten merken, von denen bereits jetzt viel aus Indien importiert werde.
Heimische Wirtschaft begrüßt Indien-Deal
In der heimischen Wirtschaft wird das Abkommen mit Indien erwartungsgemäß sehr positiv aufgenommen. “Da ist unglaublich viel Potenzial drinnen”, sagte der Generalsekretär der Industriellenvereinigung (IV), Christoph Neumayer, am Rande einer Pressekonferenz am Dienstag. “Das ist ein unglaublich wichtiges Signal in Richtung regelbasierte, gemeinsame Zusammenarbeit.”
Von einem “Hoffnungsschimmer und wichtigen Schritt in die richtige Richtung” sprach dann die Präsidentin der Wirtschaftskammer (WKÖ), Martha Schultz in einer Aussendung. “In einer Welt, die von Handelskonflikten mit wichtigen Partnern wie den USA geprägt ist, müssen wir uns mit Wachstumsregionen stärker vernetzen.”
“In dieser Welt im Wandel müssen wir uns als EU um zusätzliche Partner bemühen und breiter aufstellen”, begrüßte Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) das Abkommen in einem Statement. “Freihandel ist der Schlüssel zum Erfolg, wenn die EU ein resilienter und starker Player auf der globalen Bühne sein soll.”
EU-Abgeordnete von SPÖ und NEOS thematisieren US-Abkehr
Für den SPÖ-Delegationsleiter im EU-Parlament, Andreas Schieder, führt das Abkommen zu einer “Diversifizierung unserer Handelsbeziehungen und somit die Reduzierung von Abhängigkeiten von jenen Partnern, die uns im Stich gelassen haben”. Die “fast lautlose Unterzeichnung des Abkommens” zeige aber auch, wie “reibungslos ein Abkommen durch die EU geschlossen werden kann, wenn die Agrarlobby von der Bremse steigt.”
“In einer Welt, in der Länder wie die USA sich immer mehr abschotten, bieten wir das Gegenmodell”, erklärte die EU-Abgeordnete Anna Stürgkh (NEOS). “Mit neuen Partnern schaffen wir es, unsere Lebensqualität zu sichern, Innovation voranzutreiben und eine sicherere Welt zu schaffen.”




Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden
Kommentare anzeigen