Corona und Gleichstellung am Arbeitsmarkt

Gleichstellungsrätin: Frauen trifft die Krise härter

Freitag, 05. Juni 2020 | 17:29 Uhr

Bozen – In der Phase zwei nach dem Lockdown tritt vieles ein, was Expertinnen und Experten bereits vorhergesehen haben: Gesellschaftliche Ungleichheiten verschärfen sich und steigen an. Dies zeigt sich auch in der Gleichstellung von Frauen und Männern, besonders am Arbeitsmarkt.

„Bereits vor Corona stand es um die berufliche Chancengleichheit nicht gut. Corona hat Frauen um Jahrzehnte zurückgeworfen“, so Gleichstellungsrätin Michela Morandini. Durch die Schließung bzw. die starke Reduzierung von Betreuungsangeboten, auch in Phase 2, sind es vor allem die Frauen, die zu Hause bleiben. „Für arbeitende Mütter heißt dies, mehrere Rollen einzunehmen: Mutter, Erzieherin, Lehrerin, Arbeitnehmerin. Diese Mehrfachbelastung ist unzumutbar“, so Morandini. „Das Instrument des SMARTWORKING ist zu begrüßen, jedoch darf es nicht als DAS Instrument zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf gesehen werden. Es muss von beiden Elternteilen genutzt werden. Ansonsten geht der Mann zur Arbeit und die Frau bleibt mit den Kindern „arbeitend“ zu Hause“. Die Frauen „verschwinden“ somit vom Arbeitsplatz, wichtige informelle Informationen erhalten sie nicht und schlussendlich trägt dies nicht dazu bei, ihre Attraktivität als Arbeitnehmerinnen zu steigern.

Die Vereinbarkeit Familie und Beruf bleibt also weiterhin hauptsächlich eine Herausforderung für die Mütter. Dies gilt ebenso für die Pflege von Angehörigen, die in der Mehrzahl von Frauen geleistet wird.

Dies wird auch an den Zahlen zu den beanspruchten Sonderelternzeiten klar. In der überwiegenden Überzahl sind es Mütter, die diese beanspruchen. Ein kürzlich von der Organisation „Save the Children“ veröffentlichter Bericht bestätigt dies. Eine zentrale Aussage darin ist, dass es in Italien immer noch äußerst schwierig ist, Erziehungs- und Pflegeaufgaben mit Berufstätigkeit zu vereinbaren. Wer familiären Pflichten nachkommen muss, ist oftmals gezwungen, die berufliche Tätigkeit zu reduzieren und damit Einbußen bei Gehalt, Pensionsvorsorge und Karrieremöglichkeiten hinzunehmen. Wie vor der Corona-Pandemie trifft dies vor allem Frauen. Die Folge der Unvereinbarkeit von Familie und Beruf ist auch eine mangelnde Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt. Laut Save the Children sind in Italien 89,3% der Väter berufstätig, während nur 57% der Mütter einer Arbeit nachgehen. In Südtirol liegt der Anteil der arbeitenden Frauen vor der Corona Pandemie bei 67,9 Prozent im Vergleich zu den 79.3 Prozent der Männer. Allerdings müssen nicht nur quantitative Daten berücksichtigt werden. Im aktuellen Arbeitsmarktbericht Südtirol der Beobachtungsstelle für den Arbeitsmarkt wird bestätigt, dass Frauen von der Pandemie stärker betroffen sind. Von November 2019 bis April 2020 hat die Zahl der Arbeitnehmerinnen im Vergleich zum Vorjahr um -1,0% (-953) abgenommen. Verantwortlich dafür ist laut Arbeitsmarktbericht die pandemiebedingte negative Entwicklung im Gastgewerbe der letzten beiden Monate. Folglich nahm die krisenbedingte befristete Beschäftigung von Frauen um 13,3 Prozent ab. Zudem hat in der Coronakrise die Zahl der Frauen in Teilzeitbeschäftigung zugenommen (+101) und die Anzahl der Frauen in einer Vollzeitbeschäftigung deutlich abgenommen (-1.054).

„Die Daten weisen klar darauf hin, dass sich die Situation der Frauen am Arbeitsmarkt deutlich verschlechtert hat und das Thema der Vereinbarkeit mehr denn je auf den Schultern von Frauen lastet. Es ist ein Teufelskreis, mit gravierenden Folgen für die Frauen“, so Morandini. Für die Gleichstellungsrätin hat sich einmal mehr gezeigt, dass Vereinbarkeit von Familie und Beruf und die Betreuung von Angehörigen nicht ein privates Thema sein können. Das Thema muss in den Maßnahmenpaketen zur Wirtschaft, in Abstimmung mit den Sozialpartnern und den Arbeitgeberverbänden, Niederschlag finden.

Von: luk

Bezirk: Bozen

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