Vollversammlung des Sennereiverbandes Südtirol 2018

Milchwirtschaft entwickelt sich stabil

Freitag, 27. April 2018 | 16:52 Uhr

 

Bozen – Nach Jahren enormen Drucks auf Südtirols Milchbauern konnten diese 2017 durchatmen: die Milchmenge stieg leicht, die Auszahlungspreise waren zufriedenstellend, der Strukturwandel hat sich verlangsamt. Dies wurde bei der Vollversammlung des Sennereiverbandes Südtirol bekannt. „Trotz des positiven Jahres 2017 machen wir uns aber weiter Gedanken über die Zukunft“, so Obmann Joachim Reinalter. „Und die liegt in einer nachhaltigen, flächenbezogenen, auf Qualität setzenden Milchwirtschaft.“

Rekordmenge und Butter-Höhenflug

2017 wurde in Europa so viel Milch produziert wie nie zuvor. Eigentlich wäre das eine Hiobsbotschaft für Südtirols kleinstrukturierte Milchwirtschaft, denn steigende Mengen sorgen im Normalfall für fallende Preise. Nicht so im vergangenen Jahr: „Die Rekordmenge konnte dank eines gestiegenen Exports abgesetzt werden, dazu kamen die Höhenflüge des Butterpreises, die europaweit für vergleichsweise gute Auszahlungspreise gesorgt haben“, erklärte Reinalter.

Auch in Südtirol gab es 2017 dank des guten Grundfutters einen Anlieferungsrekord, mit knapp über 400 Millionen Kilogramm Kuhmilch konnte das 2016er-Ergebnis um rund 2,2 Prozent übertroffen werden. Einen leichten Anstieg auf knapp 1,4 Millionen Kilogramm gab’s auch bei der Ziegenmilch. Veredelt wurden diese Milchmengen in zehn genossenschaftlich geführten Betriebsstätten, die den Absatz von Joghurt, Käse, Mascarpone, Ricotta, Topfen und Butter weiter steigern konnten. „Bei der Butter konnten sogar zweistellige Zuwachsraten erzielt werden, was auch daran liegt, dass unsere Genossenschaften die extremen Preissprünge nicht in voller Höhe an die Konsumenten weitergereicht haben“, so Reinalter. Alles in allem konnten die Milchhöfe ihren Umsatz 2017 auf 487,2 Millionen Euro steigern.

Milchpreis bei zufriedenstellenden 50,64 Cent/kg

Vom positiven Geschäftsergebnis ihrer Milchhöfe konnten auch die Mitglieder, sprich: die Milchbauern profitieren. Der durchschnittliche Auszahlungspreis für Kuhmilch konnte bei landesweit 50,64 Cent pro Kilogramm gehalten werden, jener für Biomilch lag gar bei 66,88 Cent, jener für Ziegenmilch bei 67,03 Cent. „Diese Preise sind sicher zufriedenstellend, vor allem dann, wenn man sie mit dem europäischen Durchschnitt von nicht einmal 35 Cent vergleicht“, erklärte der Sennereiverbands-Obmann. „Allerdings ist die Kostenstruktur in Gunstlagen auch eine ganz andere als im Berggebiet“, so Reinalter.

Strukturwandel verlangsamt sich erstmals

Diese Kostenstruktur und der enorme Arbeitsaufwand in der Milchwirtschaft haben in den letzten Jahren zu einem stetigen Rückgang der Milch liefernden Betriebe in Südtirol geführt. „Noch Anfang der 2000er-Jahre gab’s weit mehr als 6000 Milchlieferanten in Südtirol, mittlerweile sind es nur noch 4776“, so der Obmann. Allerdings hat sich der Rückgang im Jahr 2017 erstmals verlangsamt, im Vergleich zum Jahr zuvor haben nur 19 Betriebe die Milchproduktion eingestellt. „Das nehmen wir als gutes Zeichen“, so Reinalter, „auch wenn die Produktionsbedingungen natürlich weiter hart bleiben“.

80 Prozent aller Milchbetriebe in Südtirol liegen über 1000 Meter Meereshöhe, fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Flächen weist eine Hangneigung von über 30 Prozent auf, im Stall stehen im Schnitt gerade einmal 15 Kühe und nur jeder dritte Betrieb wird im Vollerwerb geführt. „Trotzdem ist die Milchwirtschaft nach wie vor für 92 Prozent der Bergbauern das wichtigste wirtschaftliche Standbein“, erklärte der Sennereiverbands-Obmann.

Nachhaltig, flächenbezogen, auf Qualität bedacht

Weil dies so ist, macht man sich im Sennereiverband und in den Milchhöfen Gedanken über die Zukunft. „Wir haben 2017 unseren ersten Nachhaltigkeitsbericht veröffentlicht, der schon klar in die Richtung weist, in die wir uns bewegen wollen“, so Reinalter. Neben der Nachhaltigkeit liege das Erfolgsrezept der Südtiroler Milchwirtschaft auch künftig im Flächenbezug und in der Konzentration auf Qualität.

Für letzteres sprechen nicht zuletzt die intensiven Kontrollen, die der Sennereiverband für die Milchwirtschaft durchführt, und zwar an allen Stationen des Produktionsprozesses. So werden Tierhaltung, Fütterung, Melkprozess und Milchtransport kontrolliert, die Milchbauern umfassend beraten und die Rohmilch eingehend analysiert. Allein die Zahl der Rohmilchproben stieg von rund 761.000 im Jahr 2016 auf 788.000 im Jahr 2017. Weil jede einzelne Probe auf mehrere Parameter untersucht wird, kommt man im Sennereiverband auf über fünf Millionen Analysen jährlich.

Landesbester Milchlieferant 2017

Anhand dieser Analysen lässt sich die Milchqualität jedes einzelnen Hofes eruieren, sodass der Sennereiverband jährlich den südtirolweit besten Milchlieferanten küren kann. 2017 war dies Christian Eschgfäller vom Glatzhof in Hafling, der die zertifizierte Heumilch aus seinem Stall an den Milchhof Meran liefert. Seit 1985 Erbhof ist der Glatzhof das, was man einen typischen Südtiroler Bergbauernhof nennen würde: mit zehn Hektar Wiesen, 20 Stück Fleckvieh (davon 14 Milchkühe) und zwei Generationen, die den Hof bewirtschaften. Eschgfällers Eltern Anna und Alois kümmern sich um die Stallarbeit, er selbst übernimmt neben seiner Stelle im Ski- und Wandergebiet Meran 2000 die Feldarbeit. „Für die beste Milch braucht es gutes Futter für die Kühe und die nötige Portion Glück“, sagt Christian Eschgfäller, für den die heurige Auszeichnung als Landesbester schon die zweite nach 2007 ist. Bereits sechsmal wurde er zudem als bester Milchlieferant des Milchhofs Meran ausgezeichnet.

Neben der Milchherstellung wird auch die Veredelung umfassend kontrolliert. 2017 wurden im Verband nicht weniger als 20.000 Produkte mikrobiologisch, chemisch, physikalisch und sensorisch untersucht, mit insgesamt 72.811 Produktkontrollen wurde die Zahl von 2016 noch einmal um fast 7000 übertroffen. „Der Aufwand ist enorm, er ist aber das Um und Auf, wenn wir uns qualitativ von der Konkurrenz abheben wollen“, so der Obmann.

Innovation durch Tradition: Heumilch als neue Chance

Abheben kann sich die Südtiroler Milchwirtschaft auch durch Innovationen, die man schneller und konsequenter voranbringt als die Großkonzerne auf dem Milchmarkt. Die flächendeckend gentechnikfreie Fütterung ist eine dieser Innovationen, 2017 kam nun die Produktion von Heumilch dazu. „Heumilch zu produzieren, also Milch ganz ohne den Einsatz von Gärfutter, ist eine traditionelle Wirtschaftsweise und fördert die nachhaltige Bewirtschaftung sowie die Artenvielfalt der Wiesen“, so Reinalter. „Und sie ist ein Produkt, das auf dem Markt einen entscheidenden Mehrwert bringt.“

Solche Produkte braucht es, um in Zukunft bestehen zu können. „Schon die Aussichten für das laufende Jahr sind getrübt, die Milchmenge steigt weiter und auch auf den Exportmärkten wird mehr produziert“, so der Obmann, der auch die guten Preise 2017 als schlechtes Omen nimmt. „Leider zeigt die Erfahrung, dass auf gute Preise regelmäßig tiefe gefolgt sind.“ Reinalter setzt deshalb noch verstärkt auf den Schulterschluss mit dem Tourismus. „Der Einsatz von Südtiroler Milch und Milchprodukten in der Gastronomie und Hotellerie ist ein Zeichen von Wertschätzung für die harte Arbeit der Bergbäuerinnen- und -bauern.“ Mehr noch: „Wer aus einer bäuerlich gepflegten Kulturlandschaft Kapital schlägt, der muss auch die Produkte dieser Landwirtschaft kaufen“, so die abschließende Forderung des Obmanns.

Von: luk

Bezirk: Bozen

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