Vollversammlung des Sennereiverbandes Südtirol 2021

Pandemie-Jahr 2020: Druck auf Preise und neue Herausforderungen für die Milchwirtschaft

Donnerstag, 10. Juni 2021 | 12:22 Uhr

Bozen – Pandemie, Lockdowns und die Schließung von Hotels und Gastbetrieben haben auch die so traditionsreiche Milchwirtschaft in Südtirol auf eine harte Probe gestellt. „Wir mussten im Vorjahr Logistikketten neu erfinden, neue Absatzkanäle erschließen und bewährte Muster der Vermarktung überdenken“, so der Obmann des Sennereiverbandes Südtirol, Joachim Reinalter. Sein Verband hat bei der Vollversammlung auf das Jahr 2020 zurückgeschaut und dabei festgestellt: der Milchpreis hat die Krise zwar ohne große Schrammen überstanden, Herausforderungen gibt es aber viele.

Eigentlich wäre das Jahr 2020 ein Jubiläumsjahr für die Südtiroler Milchwirtschaft gewesen. 1970, vor genau 50 Jahren also, hat der Sennereiverband Südtirol mit der Qualitätskontrolle der gesamten Südtiroler Milchwirtschaft begonnen. Zum Feiern war 2020 allerdings kaum jemandem zumute und auch die Vollversammlung 2021 stand noch ganz im Zeichen von Pandemie und Krise. „Wir sehen, dass sich die Auswirkungen auf die Milchwirtschaft erst zeitversetzt zeigen“, so Obmann Reinalter.

Stabile Menge, aber immer weniger Betriebe

Das Krisenjahr selbst habe man mit viel Engagement von Seiten aller Beteiligten so gut wie möglich über die Runden gebracht. „Alles, was wir bis dato als selbstverständlich erachtet haben – in der Produktion, in der Logistik und im Verkauf – mussten wir überdenken, um die Milchsammlung und -verarbeitung aufrecht zu erhalten“, erklärt Annemarie Kaser, Direktorin des Sennereiverbandes. „Schließlich produzieren Kühe jeden Tag Milch“.

Die produzierte Menge ist im vergangenen Jahr stabil geblieben. Insgesamt wurden 402 Millionen Kilogramm Kuhmilch an die Milchhöfe geliefert, also nur knapp ein Prozent mehr als im Jahr zuvor. Die Menge angelieferter Ziegenmilch lag mit 1,62 Millionen Kilogramm um rund 5,3 Prozent höher als 2019. Stetig am Sinken ist dagegen die Zahl der Milchbetriebe im Land. „Leider konnten wir auch im Vorjahr den negativen Trend nicht stoppen, sodass wir in den letzten knapp 20 Jahren mehr als 1700 Betriebe verloren haben“, so Reinalter.

Weiterhin hohe Veredelungsquote

Interessant ist ein Blick auf die Produkte, die aus der in Südtirol angelieferten Milch hergestellt werden. In der Entwicklung spiegelt sich deutlich die pandemiebedingte Schließung der Hotels und Gastbetriebe wider. „Weil dieser Absatzkanal über weite Strecken ausgefallen ist, ist der Absatz von Frischmilch um 11 Prozent zurückgegangen“, erklärt Reinalter. „Gestiegen ist dagegen die Herstellung haltbarer und daher in der Vermarktung flexiblerer Milchprodukte.“ Problematisch war dabei, dass für bestimmte Produkte der Markt eingebrochen ist, allen voran für Schnittkäse. „Hier hat zum einen der Absatz im Tourismus gefehlt, zum anderen haben die Leute weniger an den Frischetheken gekauft und lieber zu verpackten Produkten gegriffen“, so der Obmann. Die Folgen waren volle Lager in den Käsereien und die Notwendigkeit, in kurzer Zeit neue Absatzkanäle zu eröffnen.

„Auch daran sieht man, mit welchen Herausforderungen unsere Milchhöfe im letzten Jahr konfrontiert waren und wie sie diese mit viel Einsatz und Know-how überwinden konnten“, so Reinalter. Er verweist zudem darauf, dass die Daten erneut die enge Verbindung zwischen Milchwirtschaft und Hotellerie bzw. Gastgewerbe unterstrichen. „Der Tourismus und die Berglandwirtschaft bilden eine Schicksalsgemeinschaft, der eine ist ohne die andere auf Dauer nicht denkbar“, so der Obmann.

Verbandsdirektorin Kaser verweist in diesem Zusammenhang auch darauf, dass die eingebrochenen Absätze im Horeca-Bereich zum Teil durch den Lebensmitteleinzelhandel aufgefangen worden seien. „Pandemie und Lockdown haben den Konsumenten deutlich vor Augen geführt, wie wichtig lokale Lebensmittelkreisläufe für die Versorgungssicherheit sind“, so Kaser, „und wir hoffen, dass sich dieses Bewusstsein auch über die Krise hinaus gefestigt hat“.

Stabiler Milchpreis, aber steigende Kosten

Der durchschnittliche Auszahlungspreis hat 2020 mit 50,83 Cent pro Kilogramm um etwa einen halben Cent nachgegeben. „Angesichts des Krisenjahres 2020 und international sinkender Preise nehmen wir das aber als vergleichsweise gute Nachricht“, erklärt Obmann Reinalter. Er verweist allerdings auch darauf, dass die Kosten bei den Landwirten und in den Milchhöfen stetig stiegen. So sehen sich die Bauern explodierenden Futterpreisen gegenüber, während in den Milchhöfen vor allem die Ausgaben für Energie und Verpackungsmaterial stark steigen. „Stabile Preise bedeuten also, dass der finanzielle Spielraum für die Milchwirtschaft immer kleiner wird“, so Reinalter. „Dies auch, weil eine Erhöhung der Preise auf dem Markt nicht durchsetzbar ist, die Bauern in der gesamten Wertschöpfungskette also allein dastehen, wenn es um das Schultern der Kostensteigerungen geht.“

Auch abseits von Pandemie und Lockdowns geht die Milchwirtschaft als wichtigste Säule der Berglandwirtschaft also schwierigen Zeiten entgegen. „Das ganze System ist im Umbruch, was derzeit trägt, ist die Solidarität unserer Konsumenten, die ein Qualitätsprodukt aus lokaler Herstellung noch zu schätzen wissen“, so der Obmann. „Hoffentlich noch sehr lange.“

Die Kontrolle der Qualität von Milch und Milchprodukten ist eine der zentralen Aufgaben des Sennereiverbandes Südtirol. Trotz Pandemie und Lockdowns wurden auch 2020 wieder fast 744.000 Proben allein in der Abteilung Rohmilch untersucht, der die Qualitätskontrolle von den Kühen über die Ställe und Milchsammelwagen bis hin zur Milch obliegen. „Eine qualitativ hochwertige Rohmilch ist ausschlaggebend für jedes Qualitätsprodukt“, erklärt Kaser. „Die flächendeckende Kontrolle ist daher die Grundlage für ein sicheres Produkt und eine qualitätsgerechte Bezahlung.“

Zu den Rohmilchproben kommen noch einmal fast 90.000 Produktkontrollen. Die in Südtirol hergestellten Milchprodukte werden demnach mikrobiologisch, chemisch, physikalisch und sensorisch untersucht. „Und das ist allein die Kontrollarbeit, die im Labor des Sennereiverbandes geleistet wird, dazu kommen noch die Produktkontrollen in den Milchhöfen“, so Direktorin Annemarie Kaser.

Im Rahmen der Vollversammlung des Sennereiverbandes Südtirol wurde auch ein neuer Verwaltungsrat gewählt. Ihm gehören neben Obmann Joachim Reinalter und seinem Stellvertreter Georg Egger auch Adalbert Braunhofer, Klaus Faller, Paul Fuchs, Peter Ladurner, Josef Theiner, Alfred Pobitzer und Anton Tschurtschenthaler an.

Beste Milch kommt aus dem Passeiertal

Der beste Milchlieferant im Jahr 2020 ist Bernhard Schweigl vom Hof Martergut zu Mitte in Ulfas, Moos in Passeier. „Er ist ein Symbol dafür, wie viel Herzblut in unseren Produkten steckt und mit welcher Leidenschaft unsere Milchbäuerinnen und Milchbauern ihrer Arbeit nachgehen“, bekräftigt Reinalter.

Von: mk

Bezirk: Bozen

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4 Kommentare auf "Pandemie-Jahr 2020: Druck auf Preise und neue Herausforderungen für die Milchwirtschaft"


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wellen
wellen
Universalgelehrter
7 Tage 22 h

Die Milch hat ein schlechtes Image, und die Milchwirtschaft ein Vertrauensproblem, weil Kraftfuttereinsatz aus Soja= Regenwaldvernichtung. Und die überflüssigen männlichen Kälbchen als jährliches Nebenprodukt der Milcherzeugung, elend verkauft in Massentransporten wer weiß wohin. Weiters: ist im heimischen Joghurt, Mozzarella wirklich nur Südtiroler Milch drin oder wird auswärtige dazugemischt? Die Konsumenten wollen ehrliche Antworten, inzwischen gibt es pflanzliche Alternativen, wo draufsteht, was drin ist und wo und wie der Hafer für die Hafermilch produziert wird. Ist eh gesünder.

Schnauzer
Schnauzer
Tratscher
7 Tage 13 h

@Wellen und jetzt bekommst du eine ehrliche Antwort: Wo Südtirol drauf steht ist GARANTIERT SÜDTIROL DRIN!!!!! Ich verarbeite nämlich…. SÜDTIROL…. und auch Anderes….. aber da steht latte italiano oder ue drauf (unione europea)

bern
bern
Universalgelehrter
7 Tage 6 h

Es gibt in Südtirol KEIN Problem mit männlichen Kälbern. Manche bleiben hier, die anderen werden in die Poebene zu Mastbetrieben geliefert und kommen als Rindfleisch auf die Teller der Italiener. Wieso sollen wir Milch von irgendwo her reinmischen? Wir haben selber genug. Ausserdem ist Milch einer Nordtiroler Kuh auch gut. Im Gegensatz zu Pflanzensuppe.

Andreas1234567
Andreas1234567
Universalgelehrter
7 Tage 20 h

Hallo nach Südtirol,

hier leistet sich der Südtiroler wirklich was, die Metallkannen welche an jedem Hof stehen und täglich händisch eingesammelt werden sind eigentlich ein Anachronismus und marktwirtschaftlicher Unsinn.
Allerdings lokal produziert und arbeitsplatzintensiv, das kostet was, ein ehrlicher Preis muss verlangt werden.

Und trotzdem stehen die Produkte dieser heimischen Hersteller tagtäglich auf vielen Frühstückstischen gerade auch kleiner Pensionen und insbesondere Gäste von “Urlaub auf dem Bauernhof” sollten auf dieses Detail achten.
Pensionsbetreiber dürfen das gern erwähnen und Gäste sollten bitte darauf achten und das auch nachfragen.

Auf Wiedersehen an einem gescheit gedeckten Südtiroler Frühstückstisch

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