WIFO-Wirtschaftsbarometer Sommer 2020

Unternehmensdienstleistungen und Personentransport in großen Schwierigkeiten

Dienstag, 18. August 2020 | 10:30 Uhr

Bozen – Der Südtiroler Dienstleistungssektor zeigt deutliche Anzeichen von Schwäche: Nur etwa die Hälfte der Unternehmen rechnet mit einer zufriedenstellenden Rentabilität im Jahr 2020. Noch ernster ist die Lage im Transportsektor, der besonders stark von der Corona-Krise betroffen ist. Dies ergibt sich aus der Sommerausgabe des Wirtschaftsbarometers vom WIFO – Institut für Wirtschaftsforschung der Handelskammer Bozen.

Das Geschäftsklima im Dienstleistungssektor hat sich dramatisch verschlechtert: 48 Prozent der Betreiber gehen von einem unbefriedigenden wirtschaftlichen Ergebnis im Jahr 2020 aus. Besonders schwierig erscheint die Lage bei den unternehmensorientierten Dienstleistungen, den beruflichen, technischen und wissenschaftlichen Tätigkeiten, den Immobilienaktivitäten sowie bei den persönlichen Dienstleistungen. Vor allem letztere sind von den Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie, die bis Mitte Mai andauerten, hart getroffen worden.

Die Unternehmer im Dienstleistungssektor schätzen die Umsatzeinbußen im Vergleich zum Vorjahresmonat auf insgesamt 29 Prozent im April und 19 Prozent im Mai. Ein Drittel von ihnen vermeldet auch, dass die Nachfrage im Juni immer noch unter dem Vorkrisenniveau lag. Die Zahlungsmoral der Kunden wird als stark verschlechtert angesehen, vor allem vonseiten der Unternehmensdienstleister und der Bankinstitute. Letztere berichteten jedoch über eine deutliche Zunahme der Kreditvergabe, was die Liquidität der Haushalte und Unternehmen unterstützt. Die Dienstleistungsunternehmen klagen auch über einen starken Kostenanstieg, der nicht durch entsprechende Preiserhöhungen ausgeglichen werden konnte. Dies hat zu einer allgemeinen Verschlechterung der betrieblichen Wettbewerbsfähigkeit geführt.

Im Transportsektor ist die Lage noch kritischer. Insbesondere der Personenverkehr hat stark gelitten, aufgrund der Abhängigkeit vom Tourismus und den vorzeitigen Schulschließungen. Das Geschäftsvolumen dieser Branche ist im April um 61 Prozent und im Mai um 54 Prozent im Vergleich zu den entsprechenden Vorjahresmonaten gesunken. Vier Fünftel der Unternehmen im Personentransport erwarten somit ein unbefriedigendes Betriebsergebnis im Jahr 2020. Die Seilbahnbetreiber und die Warentransporteure berichten ebenfalls über erhebliche Schwierigkeiten aufgrund des Einbruchs des Tourismus bzw. des allgemeinen Rückgangs der wirtschaftlichen Aktivität in den letzten Monaten.

Insgesamt erwarten heuer mehr als sechs von zehn Unternehmen im Transportsektor eine schlechte Ertragslage. Dies hat negative Auswirkungen auf die aktuelle Investitionstätigkeit, die im Vergleich zum letzten Jahr stark zurückgegangen ist, und auf die Beschäftigung: Im zweiten Quartal 2020 lag die Zahl der unselbständig Beschäftigten im Transportsektor durchschnittlich um 4,5 Prozent unter dem Niveau des Vorjahreszeitraums.

Der Präsident der Handelskammer Bozen, Michl Ebner, kommentiert: „Diese Krise hat die gesamte Südtiroler Wirtschaft getroffen und große Schwierigkeiten für Sektoren verursacht, die für die Gesellschaft und das gesamte Wirtschaftssystem von grundlegender Bedeutung sind. Die Versorgung des Transport- und Dienstleistungssektors mit Liquidität ist deswegen auch unter sozialen Gesichtspunkten wesentlich.“

Methodische Anmerkung           

Im Rahmen des WIFO-Wirtschaftsbarometers umfasst der Dienstleistungssektor folgende Branchen: Verlag und Kommunikation, Informatik, Kredit und Versicherung, Immobilienverwaltung sowie personen- und unternehmensbezogene Dienste. Nicht eingeschlossen sind Handel und Gastgewerbe. Das Transportgewerbe wird gesondert untersucht.

Nachfolgend die Stellungnahmen der Wirtschaftsverbände

Heini Grandi, Präsident Coopbund

„Die unternehmensorientierten Dienstleistungen wurden vom Gesundheitsnotstand schwer getroffen. Schwierigkeiten bestehen weiterhin auch im Bereich der personenbezogenen Dienstleistungen, angefangen bei den Kinderbetreuungsdiensten, die von den Einschränkungen betroffen sind. Mit einer geeigneten Anreizpolitik und hinsichtlich einer loyalen Zusammenarbeit sollen die Voraussetzungen geschaffen werden, damit private Organisationen die öffentlichen Dienstleistungen – auch im Sozial- und Gesundheitsbereich – ergänzen können.“

Roger Hopfinger, Präsident Sektion Transport im Unternehmerverband Südtirol

„Die Coronakrise zeigte, wie wichtig Transport und Mobilität für uns alle sind. Die Unternehmen dieses Sektors haben gemeinsam mit ihren Mitarbeitern einen entscheidenden Beitrag geleistet. Die Transportdienstleistungen konnten nur dank der Maßnahmen weitergeführt werden, welche die Betriebe zur Sicherheit des Personals und der Reisenden umgesetzt haben. Investitionen in moderne Infrastrukturen und Fahrzeuge, um Erreichbarkeit und Mobilität zu garantieren, werden in Zukunft immer strategischer sein.“

Philipp Moser, hds-Präsident

„Viele der bisherigen Geschäftsmodelle sind zum Großteil eingebrochen oder haben sich verändert. Andere, neue Modelle müssen somit gesucht werden, auch um die Mitarbeiter halten zu können. Wir brauchen Unterstützungsmaßnahmen, aber auch Optimismus, positive Einstellung, Ausdauer und einen langen Atem. Es gilt Südtirol als Standort für kreative, innovative Unternehmen und für junge Menschen noch attraktiver zu gestalten.“

Hansjörg Thaler, Obmann der Mietwagenunternehmer im lvh Wirtschaftsverband Handwerk und Dienstleister

„Südtirols Mietwagensektor zählt zu den am schwersten getroffenen Sektoren, wenn es um die Corona-Krise geht. Viele Betriebe befinden sich vor dem Aus, da sie bereits seit Monaten stillstehen und nur sehr wenige, beziehungsweise beinahe keine Möglichkeiten haben, die Umsatzbußen aufzuholen oder neue Arbeitschancen zu finden. Es ist dringend eine Auffangmöglichkeit für die rund 500 Südtiroler Betriebe nötig!”

Von: luk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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2 Kommentare auf "Unternehmensdienstleistungen und Personentransport in großen Schwierigkeiten"


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Mico
Mico
Tratscher
1 Monat 10 Tage

wenn man jahrelang nichts tut und alles beim alten lässt, kommt am schluss die rechnung….. alles hausgemacht….

Tratscher
1 Monat 10 Tage

Ich bin ziemlich von reisen/ internationalen Kunden abhängig. Seit März verzeichne ich einbußen, total ca 90%. (Monatlich). Wegen COVID geht fast nix. Ich hoffe dass ab September zumindest online wieder etwas geht.
Einer meiner Kollegen versuchte Anfang Juli die Arbeit wieder aufzunehmen. Der Auftrag musste nach 2 Tagen abgebrochen werden, weil beim Kunden 2 COVID Faelle festgestellt wurden. (In BRD). Also, er landete in Quarantaene, Urlaub mit Frau und Kindern konnte er abschminken. Bravo. Also, viel zu viel Risiko. Und wie schaut’s beim Rueckkehr aus dem Ausland aus ? Es ist ein Chaos.
Bis eine Impfung da ist wird wohl wenig laufen.

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