Europäischer Tag der Depression am 1. Oktober

20.000 Menschen leiden in Südtirol unter Depressionen

Donnerstag, 01. Oktober 2020 | 07:12 Uhr

Bozen – Wolfgang Amadeus Mozart, Abraham Lincoln, Winston Churchill und Prinzessin Diana litten daran. Ernest Hemingway, Adalbert Stifter, Marilyn Monroe, Heinrich von Kleist und Robin Williams verstarben daran. Tom Waits, Jean Claude van Damme und Sting können ein Lied davon singen. Und Cara Delevigne erklärte vor Jahren: “Ich war suizidal. Ich wollte, dass alle Moleküle meines Körpers sich auflösten.“ Gemeint ist die wichtigste seelische Erkrankung, die Depression. Die Prominenten sind keine Einzelfälle.

Fünf Prozent der erwachsenen Bevölkerung krankt in der westlichen Welt in jedem Augenblick an Depressionen, das sind in Südtirol gut 20.000 Menschen, doppelt so viel Frauen wie Männer. In den Großstädten sind Depressionen noch häufiger: Zehn Prozent ihrer Bewohner leiden daran. Allein schon dieser Umstand beweist, dass Depressionen auch mit der Leistungsgesellschaft zusammenhängen, mit dem hektischen Lebensrhythmus und den vielen sozialen Verpflichtungen, denen wir ausgesetzt sind. Darüber hinaus spielen erbliche Einflüsse und frühkindliche Erfahrungen bei ihrer Entstehung eine große Rolle.

Die Depression ist laut WHO die Volkskrankheit, die der Menschheit am meisten gesunde Lebensjahre raubt. Sie verschlingt in hoch entwickelten Ländern ein Prozent des Bruttosozialproduktes. Laut Schätzungen der Weltbank und der WHO ist sie 2021 nach dem Überstehen der Coronakrise für Frauen die weltweit bedeutendste aller Erkrankungen, für Männer die zweitbedrohlichste nach Herzinfarkt und Hirnschlag.

Ein Drittel aller depressiv Erkrankten sucht keine Hilfe. Nur die Hälfte aller depressiven Patienten wird von Ärzten als solche erkannt und richtig behandelt. 40 bis 70 Prozent aller Selbsttötungen sind laut internationalen Schätzungen auf die Erkrankung Depression zurückzuführen. In Südtirol sind laut einer Zehnjahresstudie 55 Prozent aller Suizidopfer depressiv gewesen. Wären alle Betroffenen korrekt diagnostiziert und rasch behandelt worden, hätte man die Suizidrate Südtirols halbieren können.

Bei diesen Sachverhalten ist Handlungsbedarf gegeben: Aufklärung der Bevölkerung, Schulung der Fachleute, Stärkung der Selbsthilfe. Denn Depression ist eine häufige, ernst zu nehmende Erkrankung, die heute sehr gut behandelt werden kann.

Die drei wichtigsten Kennzeichen

Die drei wichtigsten Kennzeichen der Depression sind dauerhaft gedrückte Stimmung, der Verlust von Freuden und Interessen und ein kompletter Mangel an seelischer Energie. Betroffene haben manchmal nicht mehr die Kraft, Entscheidungen zu treffen, sich Hilfe zu holen oder zu klagen. Viele beschreiben sich als so leer, dass sie nicht einmal mehr weinen können. Andere sind innerlich unruhig, verspannt und voller körperlicher Symptome. Kopf- oder Rückenschmerzen, Druck auf der Brust, unerträgliches Kribbeln im Bauch, Schwindel und Schwäche bei allen Bewegungen sind die häufigsten körperlichen Merkmale einer Depression. Aber auch Mundtrockenheit, Sehstörungen und Haarausfall können auftreten.

Die Säulen der Behandlung stellen Psychotherapie, antidepressive Medikamente und Teilnahme an Selbsthilfegruppen dar. Psychotherapie ist Behandlung und Heilung durch das Wort, durch Gespräche, durch Übungen und das Erlangen neuer Einstellungen zu alten Problemen. Bis Psychotherapien wirken, können allerdings Monate vergehen. Medikamentöse Behandlungen mit Antidepressiva sind hilfreich, um innerhalb weniger Wochen die Energie und die Stimmung wieder zu normalisieren. Häufig wird beides kombiniert, um rasche Besserung und nachhaltige Veränderung zu erreichen. Aber auch Schlafentzug, Lichttherapie oder die Elektrokrampftherapie können in bestimmten Fällen zu besten Heilerfolgen führen.

Seit 13 Jahren wird in Europa der „Tag der Depression“ begangen. Er fällt auf den 1. Oktober und gewährleistet breit gefächerte Aufklärung über das Krankheitsbild und mögliche Hilfen. Zu diesem Zweck hat die „Europäische Allianz gegen Depression“ beschlossen, an allen Krankenhäusern Südtirols einen Informationsstand Depression einzurichten. Den ganzen Tag über werden im Eingangsbereich die Broschüren „Depression – was tun?“ zum Mitnehmen aufliegen. Sie bieten einen verständlichen Überblick über die wichtigste psychische Krankheit des 21. Jahrhunderts. Das Projekt wird vom Südtiroler Gesundheitsbetrieb, vom Verband der Angehörigen „Ariadne“ und von der Selbsthilfevereinigung psychisch Kranker „Lichtung/Girasole“ gemeinsam getragen.

Als beste Anlaufstellen für depressiv Erkrankte gelten Hausärzte, Zentren Psychischer Gesundheit und Psychologische Dienste, aber auch privat praktizierende Psychiater, Psychotherapeuten und Lebensberater. In Notfällen, die mit schwerer Erkrankung oder Suizidgefahr verknüpft sind, soll man sich an die Notfallnummer 112 oder an die Ersten Hilfen der Krankenhäuser von Bozen, Meran, Brixen und Bruneck wenden. Dort besteht rund um die Uhr ein psychiatrischer Bereitschaftsdienst.

Ein Netzwerk der Beratung im Vorfeld besteht auch. Die „Telefonseelsorge“ der Caritas 0471 052052, „telefono amico“ 02 23272327 und „Young and direct“ 0471 1551551 stellen wertvolle Anlaufstellen und Gesprächspartner in seelischen Krisen dar. Selbsthilfegruppen für Betroffene werden von der Vereinigung „Lichtung/Girasole“, Tel. 0474 530266, im ganzen Land angeboten. Angehörigengruppen können beim Verein „Ariadne“, Tel 0471 260303, kontaktiert werden.

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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12 Kommentare auf "20.000 Menschen leiden in Südtirol unter Depressionen"


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sophie
sophie
Superredner
23 Tage 22 h

Diese Krankheit wird immer mehr verbreitet sein, durch das ganze Umfeld, Covid, Arbeitslosigkeit und unserer Gesellschaft die man immer weniger versteht

falschauer
23 Tage 18 h

du hast einen wichtigen aspekt vergessen und der wäre die isolation und diese fängt mit handy, computerspiele und internet bereits im kindesalter an

Hustinettenbaer
Hustinettenbaer
Superredner
23 Tage 11 h

Die Krankheitsauslöser sind wahrscheinlich individuell ähnlich komplex wie bei “Demenz”, “Krebs”…

Wolke
Wolke
Tratscher
23 Tage 20 h

Vielleicht endlich einfach mal anfangen zu überlegen, was am Werte- und Gesellschaftssystem unserer Zeitepoche krank ist, anstatt diejenigen Menschen, die die Mängel als erste spüren, einfach als “krank” abstempeln.

»Es zeugt nicht von geistiger Gesundheit, an eine von Grund auf kranke Gesellschaft gut angepasst zu sein.«
Jiddu Krishnamurti (1895 – 1986)

Jiminy
Jiminy
Universalgelehrter
23 Tage 19 h

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bubbles
bubbles
Superredner
22 Tage 18 h

Danke Wolke 💐

Sag mal
Sag mal
Kinig
23 Tage 22 h

noch immer werden Betroffene Die Hilfe suchen nicht immer ernst genommen.Die unerträglichste Krankheit überhaupt.😓

Privatmeinung
Privatmeinung
Grünschnabel
23 Tage 19 h

Kein Wunder bei diesem ganzem System, sei es Auflagen zum normalem Leben, CoronaAuflagen usw… Das normale Leben wird immer schwieriger. Die Vorschriften werden immer absurder und Bürgerunfreundlicher. 
Wenn ich vor die Haustür gehe, muß ich schon nachdenken, was muß ich alles einhalten, damit ich nicht bestraft werde.

Mico
Mico
Tratscher
23 Tage 18 h

diese zahlen erschrecken mich mehr als die wenigen an corona!…..

Soraia_CTE
Soraia_CTE
Neuling
23 Tage 20 h

Nur? ich sag ein “0” fehlt… 200.000 

ebbi
ebbi
Tratscher
23 Tage 12 h

Sogenannte “Lebensberater” ist kein anerkannter Beruf und sind nicht dafür da ohne medizinische Ausbildung psychiatrische Erkrankungen zu diagnostizieren und zu behandeln. Im Besten Fall können sie Laienratschläge geben. Menschen mit Depressionen gehören in die Hände von ausgebildeten Ärzten, auch die Hausärzte erkennen oft eine Depression nicht bzw leiten nicht die richtige Therapie in die Wege. Da heisst es dann “hoben sies a bissl in die Nerven?”. Aber hier dazu aufzurufen depressive Menschen zu Lebensberatern (was auch immer das sein soll) zu schicken ist einfach nur verantwortungslos.

eisern
eisern
Grünschnabel
23 Tage 9 h

Durch die ständige Reizüberflutung, die Angst etwas zu verpassen und die Hektik, sowie den Verlust normaler Beziehungen in der Familie und dem Freundeskreis werden viele Menschen krank, nehmen Drogen und ich sehe bei uns in der Psychiatrie eine große Veränderung. Bei uns im Krankenhaus spricht man von Corona im Kopf !

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