Von: mk
Enneberg Pfarre/La Pli – Mit dem 30. Juni ging eine wegweisende Förderperiode des nationalen Wiederaufbauplans (PNRR) zu Ende. Im Fokus stand das ambitionierte Projekt „M1C3 – Investition 2.1 Aufwertung von kleinen Dörfern“ des italienischen Kulturministeriums, mit dem Ziel lokales Kulturgut aufzuwerten und somit den Dörfern neuen sozialen und wirtschaftlichen Schwung zu verleihen und aktiv der Abwanderung entgegenzuwirken.
Förderlinien PNRR in drei Südtiroler Gemeinden
Italienweit stellte die Förderlinie B des Kulturministeriums insgesamt 380 Millionen Euro für die Wiederbelebung von über 229 historischen Dörfern bereit. In Südtirol wurden dadurch Projekte in den Gemeinden Schnals und Enneberg mit jeweils 1,6 Millionen Euro für lokale Initiativen zur kulturellen und sozialen Regeneration realisiert. An die Gemeinde Stilfs flossen aus der Förderlinie A, 20 Mio. Euro. Flankiert wurde diese Initiative durch die zusätzliche Ausschreibung „Imprese Borghi“ mit einem Volumen von weiteren 200 Millionen Euro, die gezielt lokale Unternehmen aus Kultur, Tourismus, Handel und Handwerk stärkte und somit das Fundament für eine nachhaltige Zukunft im ländlichen Raum legte.
PNRR Projekte in der Gemeinde Enneberg
In der Gemeinde Enneberg wurden 14 vielseitige Einzelmaßnahmen erfolgreich umgesetzt, die von der sozialen Infrastruktur bis hin zur Aufwertung des historischen und landschaftlichen Erbes reichten. Zu den zentralen Projekten gehörten unter anderem die Sanierung des Widums samt barrierefreier Erschließung von Archiv und Bibliothek sowie die Neugestaltung des Gemeindesplatzes. Ein starker Fokus lag zudem auf der Stärkung der ladinischen Kultur und die Einreichung des historischen Pfarrarchivs für das UNESCO-Weltdokumentenerbe. Abgerundet wurden die Maßnahmen durch nachhaltige Mobilitätskonzepte und die Schaffung einer Bürgergenossenschaft. Details im Interview mit Felix Ploner.
Im Gespräch mit Felix Ploner, Präsident der Bürgergenossenschaft „Por Mareo“ und Bürgermeister a.D.
Herr Ploner, das PNRR-Projekt hat in Enneberg Pfarre Spuren hinterlassen. Ein großer Schwerpunkt lag auf der Kultur. Welche langfristige Bedeutung haben diese Investitionen für die Dorfgemeinschaft?
Diese Investitionen sind das Fundament für unsere Identität. Die Sanierung des historischen Widums und die Barrierefreiheit für Archiv und Bibliothek holen unsere Geschichte direkt in die Gegenwart. Zusammen mit dem neu gestalteten Dorfplatz haben wir wieder ein echtes, lebendiges Zentrum für Begegnungen geschaffen. Die Einreichung des wertvollen Pfarrarchivs für das UNESCO-Weltdokumentenerbe ist zudem ein Ritterschlag. Es zeigt, dass unsere reiche ladinische Kultur und Geschichte einen universellen Wert besitzen, den wir für die kommenden Generationen sichern.
Abseits der Kultur stand der direkte Nutzen für die lokale Bevölkerung im Fokus. Wie spüren die Bürgerinnen und Bürger diese Veränderungen im Alltag?
Der Nutzen ist im Alltag sofort greifbar. Ein Paradebeispiel ist unser neuer Selbstbedie-nungsladen „Le Local“. Er ist vollkommen digitalisiert, steht der Bevölkerung rund um die Uhr (24/7) offen und sichert die Nahversorgung im Dorf. Dahinter steht ein breites Netzwerk aus lokalen Bauern, Lieferanten und dem Handel – das stärkt die Kreislaufwirtschaft vor Ort. Gleichzeitig haben wir die Lebensqualität durch gezielte Verkehrsberuhigung massiv gesteigert: Auf der Straße von Maria Saal nach Enneberg Pfarre wurde der Durchzugsverkehr eleminiert, da diese nur mehr von Anreinern befahren werden darf. Heute ist diese Strecke ein beliebter und sicherer Raum für Radfahrer. Und nicht zuletzt haben wir die Bürgergenossenschaft „Por Mareo“ gegründet, mit mittlerweile mehr als 50 Mitgliedern. Sie übernimmt unkompliziert wichtige Dienste für die Gemeinde – vom Winterdienst und der Straßenräumung über Reinigungsdienste in den Schulen bis hin zu Schülerlotsen. Das ist gelebte Selbsthilfe im Dorf.
Neben der Lebensqualität im Dorf braucht es auch eine starke Wirtschaft. Welche Impulse gab es für die lokalen Betriebe und die Landwirtschaft?
Die Wirtschaft und die Landwirtschaft haben von den Fördermitteln ebenso profitiert. Ein wichtiger Hebel war die flankierende PNRR-Zusatzförderung für private Unternehmen. Lokale Betriebe konnten dadurch dringend notwendige Investitionen tätigen, was Arbeitsplätze sichert und die Wertschöpfung im Tal hält. In der Landwirtschaft konnten wir den Zusammenschluss unserer Bauern zur Initiative „Agri.col.art“ entscheidend stärken. Wie gut das funktioniert, hat das gemeinsame Charity-Dinner mit dem Tourismusverein St. Vigil gezeigt, bei dem heimische Produkte perfekt in Szene gesetzt wurden. Das schafft neue Partnerschaften zwischen Landwirtschaft, Gastronomie und Tourismus.
Ein solches Großprojekt erfordert auch erhebliche finanzielle Mittel. Wie bewerten Sie die finanzielle Dynamik, die durch den PNRR ausgelöst wurde?
Man darf nicht vergessen: Diese finanzielle Spritze des PNRR war ein genialer Katalysator. Sie hat wie ein Türöffner gewirkt. Durch die Anschubfinanzierung ist es uns gelungen, weitere wichtige Fördermittel zu aktivieren – sei es auf Ebene des Landes Südtirol oder über die Region Trentino Südtirol. Ohne diesen ersten, kräftigen PNRR-Impuls hätten wir viele dieser Anschlussförderungen gar nicht beantragen oder hebeln können. Am Ende sind 5 Mio. Euro investiert worden.
Die Förderperiode ist nun zu Ende. Wie sieht die Zukunft aus und worauf dürfen sich die Menschen in Enneberg als Nächstes freuen?
Die Förderperiode ist vorbei und ich möchte allen Beteiligten, Mitarbeitern und Partnern ein großes Dankeschön aussprechen. Ohne Sie wäre das Ganze nicht zustande gekommen. Aber das Leben im Dorf fängt jetzt erst richtig an! Kurzfristig stehen uns als Highlight die Zusatzaufführungen der Operette „Franzi“ von Iaco Rigo mit der Musik von Alex Trebo auf der neu gestalteten und überdachten Bühne direkt im Dorfzentrum im Monat August bevor. Und das ist erst der Anfang – wir haben bereits weitere Folgeprojekte in der Schublade, um unsere ladinische Sprache und Kultur kontinuierlich weiterzufördern und mit Leben zu füllen.




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