Wiedermann sieht kein Anzeichen einer drohenden Pandemie

Hantavirus: Risiken für Südtirol?

Montag, 11. Mai 2026 | 08:29 Uhr

Von: mk

Bozen – Ein Kreuzfahrtschiff, das tagelang keinen Hafen anlaufen darf, drei Todesfälle, ein „tödliches Virus aus Südamerika“ – die Berichterstattung über das Hantavirus verunsichert weltweit viele Menschen. Was steckt tatsächlich hinter diesem Virus? Wie hoch ist das Risiko für die öffentliche Gesundheit – auch in Südtirol? Das Institut für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen ordnet die derzeitige Situation wissenschaftlich ein.

Was ist geschehen?

Anfang Mai 2026 meldete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen Krankheits-ausbruch an Bord des Kreuzfahrtschiffes „Hondius“ mit 147 Personen aus 23 Nationen. Das Schiff war am 1. April von Ushuaia (Argentinien) zu einer Expeditionsreise durch den Südatlantik aufgebrochen. Bis zum 9. Mai wurden acht Fälle dokumentiert, davon sechs laborbestätigte und zwei wahrscheinliche Hantavirusinfektionen. Drei Personen sind verstorben. „Genetische Analysen identifizierten den Erreger als Andesvirus – eine in Südamerika vorkommende Hantavirus-Art, die in Europa nicht heimisch ist und hier nur in Form vereinzelter Reise- oder Importfälle wie dem aktuellen auftritt“, erklärt Univ.-Prof. Dr. Christian Wiedermann, Facharzt für Innere Medizin und Forschungskoordinator des Instituts für Allgemeinmedizin und Public Health Bozen. Das natürliche Wirtstier des Andesvirus, eine in Südamerika vorkommende Nagerart, lebt in Europa nicht. Da das Schiff vor den Kapverden lag und mehrere Häfen die Anlandung prüften, geriet der Vorgang ins Zentrum der Berichterstattung. Spaniens Regierung erlaubte dem Schiff, die Kanaren anzulaufen. Nach der Ankunft der „Hondius“ auf Teneriffa begann am 10. Mai unter strengen Schutzmaßnahmen die Evakuierung des Schiffs. Erste Passagiere und Crewmitglieder verließen das Schiff mit Masken und Schutzanz・en. Sie galten als symptomfrei und wurden ausgeflogen. Bei einem französischen Passagier traten nach Angaben des französischen Premierministers während des Rückführungsfluges nach Paris Symptome auf. Alle fünf französischen Passagiere wurden bei Ankunft in strenge Isolation gebracht. Die Tests stehen noch aus. „Die WHO bewertet das Risiko für die Allgemeinbevölkerung dennoch ausdrücklich als gering“, so Prof. Christian Wiedermann.

Was ist das Hantavirus?

Hantaviren sind keine neue Bedrohung. Bei diesen Viren handelt es sich um Zoonosen: Das sind Krankheitserreger, die von Tieren (z.B. Nagetieren) auf den Menschen übertragen werden. Die Tiere selbst erkranken nicht, scheiden das Virus aber mit Urin, Kot und Speichel aus. „Menschen infizieren sich vor allem durch das Einatmen virushaltiger Partikel beim Reinigen lange ungenutzter Räume oder bei Tätigkeiten in der Land- und Forstwirtschaft. Es gibt verschiedene Hantavirus-Arten, die jeweils an bestimmte Nagetiere und Regionen gebunden sind und unterschiedliche Krankheitsbilder verursachen. In Europa und Asien zirkulieren vor allem das Puumala- und das Dobrava-Virus. Sie greifen vorwiegend die Nieren an und können zu Blutungen führen, mit einer Sterblichkeit zwischen unter 1 und 15 Prozent.

In Nord- und Südamerika dagegen verursachen das Sin-Nombre-Virus und das hier relevante Andesvirus eine schwerere Erkrankung, die vor allem Lunge und Herz betrifft, mit einer Sterblichkeit zwischen 20 und 40 Prozent“, erläutert Prof. Wiedermann.

Ist eine Übertragung von Mensch zu Mensch möglich?

„Bei Hantaviren ist diese Übertragung grundsätzlich nicht relevant – mit einer Ausnahme: dem Andesvirus. Für diese Art sind seltene Übertragungen von Mensch zu Mensch beschrieben, fast ausschließlich bei sehr engem und länger andauerndem Kontakt, etwa zwischen Lebenspartnern“, betont Prof. Wiedermann. Genau diese Konstellation erkläre die besondere Aufmerksamkeit beim aktuellen Ausbruch: „An Bord eines Schiffes leben Menschen über Wochen auf engem Raum. Doch das Andesvirus ist nicht hochansteckend wie Influenza oder COVID-19“, so Wiedermann. „Dies erklärt auch die Aufmerksamkeit rund um eine KLMFlugbegleiterin, die in Amsterdam vorsorglich isoliert wurde, nachdem sie am 25. April auf dem Boden in Johannesburg Kontakt mit einer niederländischen Patientin hatte, die am Folgetag dort verstarb. Die Patientin war damals nur kurz an Bord der Maschine, bevor sie wegen ihres Gesundheitszustands vom Flug ausgeschlossen wurde. Die Tests bei der Flugbegleiterin – sowohl PCR als auch Antikörperbestimmung – fielen negativ aus, wie WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus mitteilte. Bisherige Erfahrungen zeigen, dass Übertragungen des Andesvirus bei sehr engem und längerem Kontakt vorkommen – etwa im gemeinsamen Haushalt – und nicht bei alltäglichen Kontakten wie einer kurzen Flugzeugbegegnung“, erläutert Prof. Christian Wiedermann.

Welche Symptome treten auf? Wie werden sie behandelt?

Die Inkubationszeit beträgt zwei bis vier Wochen, in Einzelfällen bis zu acht Wochen. „Erste Beschwerden ähneln einer schweren grippalen Infektion: hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, oft Übelkeit oder Durchfall. Schwere Verläufe entwickeln nach einigen Tagen Atemnot oder Nierenversagen“, informiert der Forschungskoordinator des Instituts. Eine spezifische antivirale Therapie oder Impfung gibt es nicht. Behandelt werden daher nur die Beschwerden: durch Sauerstoffgabe, künstliche Beatmung, Kreislaufunterstützung oder Dialyse. Bei schweren Verläufen ist die rasche Aufnahme auf eine Intensivstation entscheidend und verbessert die Überlebenswahrscheinlichkeit deutlich.

Ist das Hantavirus ein neues COVID-19?

„Diese Frage wurde vielfach gestellt. Die Antwort der internationalen Fachgremien ist eindeutig: Nein. Hantaviren verbreiten sich nicht effizient von Mensch zu Mensch. Auch das Andesvirus hat in den vergangenen Jahrzehnten keine größeren epidemischen Wellen verursacht. Der aktuelle Cluster ist ein medizinisch ernstes, logistisch anspruchsvolles Ereignis, aber kein Anzeichen einer drohenden Pandemie“, unterstreicht Wiedermann.

Was kann in Südtirol konkret unternommen werden?

· Lange ungenutzte Räume – Keller, Schuppen, Berghütten – vor dem Reinigen ausgiebig lüften.

· Sichtbaren Kot von Nagetieren nicht trocken kehren oder saugen, sondern anfeuchten und feucht aufnehmen.

· Beim Reinigen Einmalhandschuhe verwenden, bei stärkerer Verschmutzung zusätzlich eine FFP2-Maske tragen.

· Lebensmittel verschlossen und für Nagetiere unzugänglich aufbewahren.

· Bei Reisen in Endemiegebiete (ländliche Regionen Argentiniens und Chiles) auf hygienische Unterkünfte achten und nach Rückkehr bei unklaren fieberhaften Erkrankungen die eigene Praxis für Allgemeinmedizin informieren.

Bezirk: Bozen

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