Polizei und Staatsanwaltschaft erklärten die Ermittlungsergebnisse

In Operation “Ancora” großes Schleppernetzwerk gesprengt

Dienstag, 10. März 2026 | 15:44 Uhr

Von: apa

Steirische Ermittler haben mit der Operation “Ancora” ein internationales Schleppernetzwerk zerschlagen, das mehr als 100.000 Menschen illegal nach Mitteleuropa geschleust haben soll. Dabei sollen Gewinne in Milliarden Euro-Höhe erzielt worden sein. Mehr als 130 Verdächtige wurden festgenommen, teilte die Polizei am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Graz mit. An den Ermittlungen waren mehrere Landeskriminalämter, das Bundeskriminalamt sowie Europol beteiligt.

Ausgangspunkt war ein Unfall eines Schleppers bei der Flucht vor einer Grenzkontrolle im Dezember 2023 an einem kleineren Grenzübergang in der Südsteiermark, bei dem es auch zu einer Schussabgabe gekommen war. Rund eineinhalb Jahre lang wurde ermittelt und das – laut Ursula Auer, Leiterin der Abteilung Fremden- und Grenzpolizei – womöglich bisher größte Schleppernetzwerk Europas ausgeforscht. Die Rede war von weltweit rund 800 Mitgliedern, die in vier Hierarchieebenen zu finden waren. Es wurden Verdächtige aller drei unteren Ebenen festgenommen. Die oberste Ebene führt zum syrischen Al-Sarawi-Clan, bei dem sich die zentrale Führungsebene des Netzwerks befindet.

Die Täter haben die illegalen Migranten hauptsächlich aus der Türkei über die südliche Balkanroute nach vor allem durch Österreich nach Deutschland geschleust. Die “Kunden” bezahlten 10.000 bis 20.000 Euro für den Transit, die teilweise in bar oder auch im Voraus auf eine Art Konto eingezahlt wurden, wo in Tranchen je nach Ankunft des Migranten ausbezahlt wurde. Als logistischer Dreh- und Angelpunkt galt dabei ein Handyshop in Wien-Ottakring.

Mehr als 300 Seiten Abschlussbericht für Anklage

Im Mai 2025 wurden bei einem Einsatz von Cobra und WEGA sechs Hauptverdächtige verhaftet. Bei Hausdurchsuchungen wurden Waffen und Suchtmittel sichergestellt. Die Männer im Alter von 25 bis 50 Jahren sind teilweise geständig, schilderte Nina Bussek von der Staatsanwaltschaft Wien. Der Abschlussbericht mit mehr als 300 Seiten wegen des Verdachts der kriminellen Organisation und Schlepperei liege bereits vor. Mit einer Anklage sei demnächst zu rechnen, so Bussek. Die Hauptverdächtigen gehören fünf Teilorganisationen an, die der obersten Führungsebene untergeordnet waren. Zwei von ihnen operierten von Wien aus, eine Gruppe aus Budapest (Ungarn), eine aus Burgas (Bulgarien) und eine aus Subotica (Serbien). Die Verdächtigen sind überwiegend Männer aus Afghanistan, Syrien und Russland bzw. Tschetschenien.

Auf der operativen Ebene des Netzwerks wurden 16 Teamleader identifiziert, die als eine Art Bindeglied meist in Zweierteams zwischen den Gruppen und Fahrern agierten. Jeder Teamleader oder Teamleaderin führte etwa 80 Fahrer an. Dadurch ergibt sich eine hohe dreistellige Anzahl an vorwiegend männlichen Fahrern im Alter von 18 bis 25 Jahren. Sie wurden meist über Social Media-Kanäle rekrutiert und stammen aus sozial schwachen Schichten aus der Republik Moldau, Rumänien, Georgien und der Ukraine. Von den insgesamt rund 130 Festnahmen fanden viele auch in anderen Ländern Europas statt, wie etwa in Kroatien, Rumänien und Deutschland.

Karner: “Eindrucksvolle, aber auch erschreckende Bilanz”

Der Akt zur Operation “Ancora” umfasst mittlerweile rund 14.000 Seiten und ist noch nicht geschlossen. Die Ermittlungen werden weiter geführt, sagte Brigadier Gerald Tatzgern vom Bundeskriminalamt. Das zerschlagene Schleppernetzwerk sei vom Umfang her in einer bisher “noch nie da gewesenen Dimension”. Die unteren drei Ebenen der Organisation seien “stark dezimiert” worden. Innenminister Gerald Karner (ÖVP) sprach von einer “eindrucksvollen, aber auch erschreckenden Bilanz”. Besonders auffallend sei die Aggression und Skrupellosigkeit der Schlepper: Bei einem Unfall eines Fluchtfahrzeugs, das dem Netzwerk zuzuordnen ist, sind in Kroatien drei Menschen ums Leben gekommen.

Laut Auer wurden bei den Ermittlungen hunderte Mobiltelefone ausgewertet und Daten von mehreren Terabyte analysiert. Mehr als 1.000 Fahrzeuge, die für die Schleppungen genutzt wurden, seien dokumentiert. Pro Tag seien bis zu fünf Fahrzeuge für Schleppungen angeschafft worden, so Auer. Sie schilderte auch, wie man den Tätern auf die Schliche kam: Ende 2023 hätten die Schlepper nämlich ihre Strategien geändert: “Statt Klein-Lkw wurden PS-starke Pkw genutzt”, so Auer. Außerdem konzentrierten sich die Schlepper auf kleinere Grenzübergänge. Manchmal waren bis zu 16 Insassen in den Autos. Sie wurden teilweise bei Schwerpunktaktionen geschnappt.

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