Von: apa
Ein Pensionist hat sich am Dienstag am Landesgericht Salzburg wegen versuchten Mordes an seiner pflegebedürftigen Frau verantworten müssen. Der 86-Jährige soll der 85-Jährigen heimlich eine potenziell tödliche Menge an Schlaftabletten verabreicht und auch selbst eine solche Dosis eingenommen haben. Eine Haushälterin besorgte laut Anklage das Medikament und habe von der Tat gewusst. Sie wurde wegen Mitwirkung am Mordversuch und an der versuchten Selbsttötung angeklagt.
Bei diesem Fall handelt es sich offensichtlich um eine menschliche Tragödie. Die an Demenz, Parkinson und Depressionen leidende Frau des Angeklagten, ein ehemaliges Model, war auf eine 24-Stunden-Pflege im ehelichen Wohnhaus in Salzburg angewiesen. Laut Anklage wusste sie am Abend des 31. August 2025 nichts davon, dass sich in dem Glas Fruchtsaft mit Wasser eine Dosis von rezeptpflichtigen Halcion-Tabletten befand, die ihr Mann vorher zerstampft, in der Flüssigkeit aufgelöst und ihr zu trinken gegeben hat.
Die 59-jährige Zweitangeklagte, eine ehemalige Pflegeassistentin, die vor rund zweieinhalb Jahren von dem Pensionisten zunächst als Pflegerin für seine Frau engagiert worden war, und dann, weil die 85-Jährige sie nicht akzeptierte, zeitweise als Haushälterin bei dem Ehepaar tätig war, soll auf Ersuchen des Erstangeklagten insgesamt 30 Stück Tabletten für den Tatplan besorgt haben. Die 59-Jährige ist bisher unbescholten. Sie bestritt einen versuchten Mord.
“Wollte meine Frau und mich von den Qualen erlösen”
Der 86-jährige Pensionist – er lebt mittlerweile in einem Seniorenheim – stand zum ersten Mal in seinem Leben vor einem Gericht. Er zeigte sich reumütig geständig. Während der Befragung durch den vorsitzenden Richter des Geschworenenprozesses schilderte er, dass er aufgrund des schlechten Zustandes seiner Frau und seiner schweren Krebserkrankung keinen anderen Ausweg mehr sah. Er sei verzweifelt gewesen. “Ich konnte nicht mehr. Ich wollte meine Frau und mich von den Qualen erlösen.” Seine Frau habe auch gesagt, dass sie sterben wolle.
Der Verteidiger des Erstangeklagten, Rechtsanwalt Michael Hofer, präzisierte: “Es ging ihm nicht hauptsächlich darum, seine Frau zu töten, sondern sich in dieser Not selbst umzubringen und sie nach 63 Ehejahren nicht zurückzulassen.” Die affektive Einengung, der psychische Ausnahmezustand des Angeklagten habe massiv zur Tatbegehung beigetragen. Der Verteidiger stellte allerdings das Strafdelikt “Totschlag” in den Raum.
Erstangeklagter spricht von “Schock” und “panischer Angst”
Die Eindrücke im Jahr 2024 während seines Aufenthaltes in der Geriatrie und die schweren Pflegefälle, die er dort beobachtet habe, hätten den entscheidenden Anstoß zur Tat gegeben, sagte der Angeklagte. “Das war ein Schock. Ich hatte panische Angst. Ich dachte, ich muss das umsetzen, sonst habe ich keine Chance mehr. Ich wollte meine Frau nicht ermorden, ich wollte mit ihr gehen, dass wir beide abtreten.”
Als er seiner Frau am Abend den Saft mit den zerdrückten Tabletten überreichte, habe er zu ihr gesagt: “Da gebe ich dir noch einen Gute-Nacht-Trunk”, erzählte der Pensionist unter Tränen dem Vorsitzenden. “Ich bin mir so schlecht vorgekommen, als sie das Getränk mit einem Satz ausgetrunken hat. Sie hat ja bis heute davon nichts mitbekommen.” Er selbst habe dann ein Glas mit der gleichen Menge an Schlaftabletten getrunken wie seine Frau.
Am nächsten Morgen gelang es der rumänischen Pflegerin der Ehefrau nicht, die bewusstlose 85-Jährige zu wecken, sie konnte nur den Pensionisten wachrütteln. Die Pflegerin rief den Sohn des betagten Paares an, worauf die Rettung alarmiert wurde. Die Blutuntersuchung bei dem Ehepaar ergab, dass die Frau einen höheren Wert an dem Wirkstoff Triazolam im Blut hatte als der Mann. Dieser beteuerte, er habe in jedes der beiden Gläser die gleiche Menge an Tabletten – je 14 Stück – gegeben. Laut dem medizinischen Gutachten, das die Staatsanwaltschaft einholen ließ, war die verabreichte Dosis der Schlaftabletten “potenziell tödlich”. Die Menge wäre grundsätzlich geeignet gewesen, den Tod herbeizuführen.
Haushälterin bestreitet Mordversuch
Der beschuldigte Pensionist hatte bei dem Prozess erklärt, dass die Haushälterin über seine Absicht, dem Leben seiner Frau und seinem Leben ein Ende zu bereiten, gewusst habe und sie die Tabletten auf sein Bitten hin besorgt habe. 600 Euro habe er ihr dafür gezahlt. Die Zweitangeklagte, die sich wegen der Tat noch in Untersuchungshaft befindet, sagte, sie habe ihm nur helfen wollen. Als sie ihm am Tag vor der Tat zum dritten Mal zehn Stück Tabletten gebracht habe, “war er total verzweifelt, total bedrückt”. Ihr Verteidiger Kurt Jelinek sagte, seine Mandantin habe “kein Motiv, etwas Böses zu tun”. Die Frau sei geständig, ihn unterstützt zu haben, “sie wollte in Würde helfen”. Die Entscheidung habe aber der Erstangeklagte getroffen.
Über das Thema Suizid habe sie mit dem Pensionisten öfters gesprochen, sagte die Zweitangeklagte. “Ich habe vermutet, dass er kein Lebensbild mehr hat.” Die Tabletten seien nur als Schlaftabletten gedacht gewesen. “Ich wollte ihm helfen. Es war ein Fehler von mir, ich weiß. Die 600 Euro habe ich nicht genommen.” Über dessen Frau sei aber nicht gesprochen worden. “Es ist nicht um sie gegangen. Sie hat ja eine 24-Stunden-Pflege. Sie lebt in einer eigenen Welt, sie ist versorgt.”
Beschuldigter gegen gelindere Mittel aus U-Haft entlassen
Anfang September des Vorjahres war über den damals noch 85-Jährigen wegen des “dringenden Verdachts des Mordversuchs als unmittelbarer Täter” die Untersuchungshaft verhängt worden. Am 6. Oktober wurde der Mann von einem Salzburger Haft- und Rechtsschutzrichter gegen gelindere Mittel aus der U-Haft entlassen, unter anderem mit der Auflage, keinen persönlichen Kontakt mit seiner Ehefrau aufzunehmen. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen die Enthaftung gegen gelindere Mittel Beschwerde beim Oberlandesgericht Linz eingelegt. Der Beschwerde der Staatsanwaltschaft wurde keine Folge gegeben.
Ein Urteil wird vermutlich noch heute gesprochen.
(S E R V I C E – Sie sind in einer verzweifelten Lebenssituation und brauchen Hilfe? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hilfsangebote für Personen mit Suizidgedanken und deren Angehörige bietet das Suizidpräventionsportal des Gesundheitsministeriums. Unter www.suizid-praevention.gv.at finden sich Kontaktdaten von Hilfseinrichtungen in Österreich.)




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