Wissenschaftler sehen Handlungsbedarf

Neue Studie: Öffentliche Plätze ganzjährig durch Pestizid-Abdrift belastet

Mittwoch, 10. Februar 2021 | 11:57 Uhr

Bozen/Bologna/Brüssel/Hamburg/Wien – In einer neuen wissenschaftlichen Publikation belegten Forscher aus Italien, Österreich und Deutschland eine ganzjährige Pestizidbelastung von 19 ausgewählten Kinderspielplätzen, vier Schulhöfen und einem Marktplatz. Gezogen und analysiert wurden die 96 Grasproben 2018 vom Südtiroler Sanitätsbetrieb, der die Standorte auswählte sowie den Zeitpunkt der Probenentnahme bestimmte.

Vorgestellt wurde die Studie am 10. Februar 2021 auf einer Pressekonferenz via Zoom von den Autoren Fiorella Belpoggi, Koen Hertoge und Caroline Linhart. Die Autoren der Studie arbeiten unter anderem am Krebsforschungszentrum des Ramazzini Institutes in Bologna, an der Universität für Bodenkultur/Wien, sowie für das Pesticide Action Network Europe (PAN Europe).

Die Studie belegt die Abdrift von 32 Pestiziden auf öffentliche Flächen. Co-Autor Koen Hertoge von PAN Europe sieht in der Studie einen elementaren Beitrag zu mehr Sachlichkeit in der Abdrift-Diskussion – so, wie sie auch von der Südtiroler Politik gefordert wird. “Wir liefern erneut Beweise dafür, dass Abdrift ein wichtiges Thema ist. Diese Studie bietet eine weitere wissenschaftliche Basis, die es den Verantwortlichen ermöglicht, konkrete Lösungen zum Schutz der Bevölkerung zu finden“, sagt Hertoge.

Die Ergebnisse bestätigen eine frühere Studie der Autorinnen und Autoren, bei der Pestizidrückstände auf Kinderspielplätze in Südtirol gefunden wurden. Darüber hinaus zeigt die aktuelle Studie, dass manche Pestizide ganzjährig vorhanden sind. Laut Peter Clausing von PAN Germany lassen „die untersuchten Grasproben den Rückschluss zu, „dass Pestizidrückstände auch in Obst und Gemüse aus Hausgärten auftreten können, wobei dann die von der EU zugelassenen Grenzwerte deutlich überschritten würden“.

Für Caroline Linhart, Erstautorin der Studie, weisen die Resultate der Studie auf eine chronische Exposition der Bevölkerung hin: „Die Kontamination von Nicht-Zielflächen wurde bestätigt, auf 23 von 24 untersuchten Flächen wurde eine ganzjährige Mehrfachbelastung nachgewiesen“. In 96 Prozent aller untersuchten Plätze wurde mindestens eine Substanz gefunden, in 79 mehr als einer. Laut Johann Zaller, Professor an der Wiener Universität für Bodenkultur und Autor des Buches „Unser täglich Gift“ zeigen die vorliegenden Ergebnisse, „dass es den Pestizid-Anwendern offenbar nicht gelingt, die Spritzgifte auf die dafür vorgesehenen Flächen zu begrenzen.“ Die untersuchten Flächen stehen auch stellverstretend für andere Nicht-Zielflächen, die durch Abdrift mit Pestiziden belastet werden.

Die Forscherinnen und Forscher räumen ein, dass die gefundenen Konzentrationen durchaus niedrig sind. Allerdings zählte die überwiegende Anzahl (76 Prozent) der nachgewiesenen Stoffe zu den hormonell aktiven Substanzen, die bereits in sehr niedrigen Konzentrationen wirken und für die die klassische Dosis-Wirkungs-Beziehung nicht gilt. Diese Substanzen bringen den Hormonhaushalt von Menschen und Tieren durcheinander und werden mit einigen Krebsarten, Unfruchtbarkeit, Verhaltens- und Entwicklungsstörungen sowie mit Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes in Verbindung gebracht. „Zusätzlich müssen wir davon ausgehen, dass diese Belastung bereits während der letzten Jahrzehnte aufgetreten ist“, sagt Caroline Linhart.

Die Forscher sehen dringenden Handlungsbedarf zur Verminderung der Pestizidabdrift. Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung sind eine verbesserte Ausbringungstechnik, strikte Beachtung der Windverhältnisse bei der Ausbringung und das Umstellen auf pestizidfreie Anbaumethoden.

Link zur Studie:
„Year-round pesticide contamination of public sites near intensively managed agricultural areas in South Tyrol“
https://enveurope.springeropen.com/articles/10.1186/s12302-020-00446-y

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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14 Kommentare auf "Neue Studie: Öffentliche Plätze ganzjährig durch Pestizid-Abdrift belastet"


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DontbealooserbeaSchmuser
26 Tage 5 h

Dazu fehlt der Nachweis einer ganzjährigen Belastung, wie behauptet.
Ist das Wintergras etwa auch belastet?
Und welche Proben sind durch Unkrautbekämpfungsmittel der Gemeindegärtner belastet?

@
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Superredner
26 Tage 4 h

@bealooser
Natürlich würde auch Wintergras untersucht, das wird explizit in der Studie erwähnt.Auch in Zeiträumen mit geringer oder keiner Pestizidanwendung auf dem Feld (Herbst und Winter)wurden Rückstände gefunden. Es wurden die Pestizidrückstände untersucht nicht Herbizide, welche teilweise noch von Gemeinden verwendet werden. Alles klar,sonst kannst du du gerne nachfragen.

DontbealooserbeaSchmuser
25 Tage 17 h

@@ dann scheinst du dich nicht mit der Materie auszukennen, Herbizide zählen zu den Pestiziden.
Und welche Grasprobe wollen sie im Januar genommen haben?

brunner
brunner
Universalgelehrter
26 Tage 4 h

Welch unerwartetes Studienergebnis! Und…was nun? Was ändert sich??

Sag mal
Sag mal
Kinig
26 Tage 4 h

brunner so schnell nichts.Aber war auch ohne Studie klar.

Gustl64
Gustl64
Tratscher
26 Tage 4 h

In einigen Orten stehen Schulen und Kindergärten mitten in Obstwiesen!

Oracle
Oracle
Tratscher
25 Tage 22 h

… schade, dass keine Mengenangaben gemacht werden. Da sieht man mal wieder, es geht hier nur um das Schlechtreden. Wie bei allem, macht es aber die Menge. Wieviel Moleküle waren es in welcher Zeit? Ehrlich gesagt, isst keiner Gras und darauf wird man auch Bremsbelagabrieb der Autoreifen, Umweltgifte aus Betrieben finden…. auch der Saharasand und nicht nur wird hierher verweht….
Wie bei der Werbung für das Sammeln von Spenden, wo man bedürftige Kinder oder junge Tiere zeigt, um das Beschützerinstinkt im Menschen zu wecken….. 

Spiegel
Spiegel
Universalgelehrter
25 Tage 21 h

Sie haben es auf den Punkt gebracht.

Oracle
Oracle
Tratscher
25 Tage 22 h

Tatsache ist, Südtirol hat eine der höchsten Lebenserwartungen in der EU und das, obwohl seit mindestens 70 Jahren Pflanzenschutz im Obstbau und 110 Jahre im Weinbau betrieben wird. Wie ist das vereinbar mit den Szenarien, die im Raum stehen (ohne Beweise)?
Auch Rotfleisch oder Pökelsalze sollen krebserregend sein. Und, interessiert es jemand? 

DontbealooserbeaSchmuser
25 Tage 17 h

Und die Pflanzenschutzmittel werden von Jahr zu Jahr besser erforscht, effektiver, die Mengen reduziert.

Kein Bauer bezahlt zum Spaß 50€ pro Flasche um diese auf Spielplätze zu gießen.

Maurus
Maurus
Tratscher
26 Tage 1 h

Die wird der Schuler schon vor Gericht zerren

Oracle
Oracle
Tratscher
25 Tage 22 h

Es sterben EU-weit sehr viele Personen an den Folgen der Luftverschmutzung durch Abgase der Auto. Fleißig auf andere zeigen und selber weiter mit dem eigenen Auto Luft verpesten…. Es werden in den Abwässern in den Kläranlagen Unmengen an Medikamentenrückstände und Hormone gefunden, die in die Gewässer gelangen, scheinbar sind aber nur die Bauern Schuld?

Sag mal
Sag mal
Kinig
25 Tage 20 h

Oracle anstatt auf Andere zeigen sollte man bei Sich anfangen.

Oracle
Oracle
Tratscher
25 Tage 21 h

Hexenjagd hat es immer schon gegeben, auch wenn die armen Damen nur Kräutersalben machten. 
Würde jemand eine Flüssigkeit trinken, in der zu finden sind: 3 µg/l Arsen, 27 µg/l Zink, 5,3 µg/l Uran, 0,1 µg/l
Quecksilber, 5 µg/l Chloride, …..? Wir sprechen von Trinkwasser …..

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