Von: apa
Die in Österreich erfassten Altlasten von mit per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen (PFAS) kontaminierten Grundwasser kann man aktuell noch an einer Hand abzählen. Das liegt aber nur daran, dass im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern bisher vergleichsweise wenige entsprechende Tests vorgenommen worden sind. Nur “die Spitze des Eisbergs” sei bis dato bekannt, warnte daher der Experte Thilo Hofmann im Gespräch mit der APA.
Thilo Hofmann vom Zentrum für Mikrobiologie und Umweltsystemwissenschaften der Uni Wien beschäftigt sich mit Problematiken, die sich durch die “Ewigkeitschemikalien” ergeben. Der PFAS-Beseitigung widmet sich zudem ein Projekt, an dem er beteiligt ist. Hofmann ist auch Vizepräsident des Vereins für Altlastenmanagement und beschäftigt sich mit potenziellen Überraschungen, die in Österreichs Grundwasser wegen PFAS-Löschschaum auf die Entdeckung warten.
Seit über 20 Jahren beschäftigt er sich mit dem Arbeitsgebiet Umweltschadstoffe, sagt Hofmann – und von hier führte der Weg von Kunststoffen bzw. mit Plastikpartikeln irgendwann auch zu den als “Ewigkeitschemikalien” bekannten PFAS. Diese Gruppe sei “verwoben mit der Kunststoffherstellung”, erläutert der Forscher und nennt mit Kontaktlinsen oder Enhanced-Lebensmittelbehältern nur zwei Beispiele für die fast omnipräsenten PFAS in vielen Alltagsprodukten. Und die Gesundheitsfolgen von PFAS seien “relativ unerfreulich”. Von Hodenkrebs bis Leberkrebs gingen sie, auch die Wirkung auf das Immunsystem und endokrine Effekte sind bekannt. “Also die Bandbreite der negativen gesundheitlichen Wirkungen ist groß” – und am Ende werde die Bevölkerung gefährdet, wenn diese nichts von einer möglichen Belastung – etwa durch das Trinkwasser – wisse.
Problem schon länger bekannt
Etwa vier Jahre ist es her, erinnert sich Hofmann, dass zum Thema Altlasten im Zusammenhang mit PFAS-Löschschaum ein Workshop veranstaltet wurde, zu dem Ministerien und Feuerwehren geladen waren, um darauf aufmerksam zu machen, dass es hier seit Jahren ein Problem im Grundwasser auf die Behebung wartet. 2024 ging dann zudem das Projekt “Entwicklung innovativer Sanierungsstrategien für PFAS kontaminierte Standorte in Österreich”, kurz PFASAN, an den Start. “Anlass waren die damals bekannten, großen Schadensfälle wie Lebring oder Salzburg, aber das ist natürlich nur die Spitze vom Eisberg”, so der Forscher.
Gemeint sind der Flughafen Salzburg und das Feuerwehrareal Lebring in der Steiermark – beide sind seit 2022 bekannt – und das sind aktuell auch weiterhin die einzigen zwei erfassten und priorisierten PFAS-Altlasten in ganz Österreich geblieben, die ins Altlastenportal des Umweltbundesamts (UBA) (https://www.altlasten.gv.at/atlas/Altlastensuche.html) Einzug gefunden haben. Beide tragen die Einstufung 1 (“hohes Gefährdungspotenzial”). Wie lange der im Frühjahr aufgetauchte, neue Kandidat, der niederösterreichische Ort Mannswörth mit Verursacher OMV auf eine Priorisierung und infolge auf eine Sanierung warten muss, ist unklar. Hofmann tritt im Gespräch mit der APA grundsätzlich für Transparenz mit den PFAS-Messwerten ein. “Solche Daten eines öffentlichen Gutes wie Grundwasser gehören veröffentlicht – und zwar auch von den Wasserwerken und natürlich auch von der OMV. Es ist ein unerträglicher Zustand, dass diese Daten geheim gehalten werden”, das müsse geändert werden.
Wir reden von vielen Hunderten von Standorten
Klar ist laut Hofmann, dass die tatsächliche Anzahl der Altlasten weit darüber liegt. “Wenn wir unsere Nachbarländer anschauen, kann man ableiten, dass wir auch in Österreich viele Hunderte Standorte erwarten. Möglicherweise reden wir von einer vierstelligen Zahl von Standorten”, so der Experte. Darunter fallen bei den Löschschäumen etwa Betriebsfeuerwehren, Feuerwehrübungsplätze, militärisch genutzte Plätze, wo diese Verwendung fanden. Zur Feststellung, ob eine PFAS-Belastung an einem potenziell infrage kommenden Standort vorliegt, müsse mehr getestet werden. “Wenn man es wissen möchte, müssten die Bundesländer, so wie in der Schweiz, beauftragt werden, danach zu suchen.” Das “kleine Problem” dahinter sei, dass es hier in der Regel um Millionenschäden ginge, da eine “einfache” Sanierung im Fall von PFAS meist technisch nicht möglich ist.
Hofmann nennt als Beispiel für eine Aufarbeitung der PFAS-Altlasten im Grundwasser die Schweiz. Allein im Kanton Wallis mit 374.000 Einwohnern lokalisierte dort die zuständige Dienststelle für Umwelt (DUW) 187 Standorte, wo wegen Löschschaumverwendung in der Vergangenheit von einer PFAS-Belastung ausgegangen wird – und rechnete mit Sanierungskosten von rund einer Milliarde Schweizer Franken (rund 1,1 Mrd. Euro) bis 2045, berichtete die “Neue Zürcher Zeitung” im Mai unter dem Hinweis, dass hier das Verursacherprinzip gelte. Zum Vergleich: Die Fläche Österreichs ist in etwa 16-mal größer als jene des Wallis.
Rasches Vorgehen bei Hausbrunnen empfohlen
PFAS-Altlasten sind ein potenzielles Problem. Das war zuletzt auch in einem Ende März erschienenen Rechnungshof-Bericht zu lesen. Der wies unter anderem darauf hin, dass in jüngerer Vergangenheit “große Herausforderungen durch neue Schadstoffe” alias PFAS bekannt geworden seien. Mehr Tempo fordert der Rechnungshof in Sachen Altlasten insgesamt, während das Umweltministerium im Mai gegenüber der APA angab, keine weitere Beschleunigung bei jenen mit PFAS geplant zu haben.
Seit 12. Jänner 2026 sind Wasserversorger mit einer Abgabe über zehn Kubikmeter pro Tag gesetzlich verpflichtet, 20 PFAS regelmäßig zu kontrollieren. Rasches Vorgehen empfiehlt Hofmann in Österreich besonders jenen rund zehn Prozent der Bevölkerung, die ihr Trinkwasser aus einem Hausbrunnen beziehen – und nicht wie die große Mehrheit durch einen Wasserversorger – dringend einen PFAS-Test, wenn “es irgendeine Möglichkeit gibt, dass im Zustrom irgendwann eine Feuerwehr einmal geübt hat oder dieser nahe an einem Flughafen liegt.”
(S E R V I C E – Projekt “PFASAN” unter https://edge.univie.ac.at/research/edge-research-projects-detail-view/occurrence-and-remediation-of-pfas-pfasanhttps://www.tuwien.at/cee/iwr/wasser/projekte/laufende-projekte/pfasan)




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