Von: ka
Bozen – Die Verhaftung eines ehemaligen Wachmanns des Bozner Krankenhauses, der gemeinsam mit weiteren Beteiligten über 40 gefälschte Sprachzertifikate beschafft und an medizinisches Personal verkauft haben soll, schlägt hohe Wellen, die weit über den Sanitätsbetrieb hinausreichen.
Insidern war es seit Jahren ein offenes Geheimnis, dass manche Sprachzertifikate unter mehr als zweifelhaften Umständen erworben worden sein könnten. Es war offensichtlich, dass Mitarbeiter aller Ebenen, die weder Sprachkurse besucht hatten noch die Zweitsprache in der Praxis beherrschten, plötzlich einen Zweisprachigkeitsnachweis vorweisen konnten.

Dies erregte nicht nur allgemeinen Verdacht, sondern sorgte auch bei ihren Kollegen, die ihre Sprachzertifikate auf ehrliche Weise erworben hatten, für Unmut. Denn sie trafen bei der Vergabe offener Stellen auf Mitbewerber, die „plötzlich” einen gültigen Zweisprachigkeitsnachweis vorweisen konnten, der sie zur Teilnahme am betreffenden Wettbewerb berechtigte.
Wie so oft im Leben währt jedoch Ehrlichkeit am längsten, denn es war nur eine Frage der Zeit, bis die „schnelle Abkürzung zum Patentino” auffliegen und das Interesse der Justiz erregen würde.

Dass es sich dabei nur um die Spitze des Eisbergs handelt, liegt auf der Hand, denn die Ermittlungen stehen erst am Anfang. In einem Betrieb mit rund 10.000 Mitarbeitern ist es eher unwahrscheinlich, dass es nur 22 Übeltäter gibt und der Wachmann, der inzwischen im Hausarrest sitzt, der einzige war, der am Handel mit Sprachzertifikaten mitverdient hat. Die logische Konsequenz ist die Entlassung der „Patentino-Schlaumeier”, die am Ende doch nicht so schlau waren.
Für das heimische Gesundheitswesen, das seit Jahren unter Fachkräftemangel leidet, kommt der „Patentino-Skandal” jedoch zur Unzeit. Es ist klar, dass der plötzliche Aderlass von Sanitätsangestellten in den Abteilungen zu Engpässen und allgemein zu längeren Wartelisten führen könnte. Die Qualität der Zweisprachigkeit der Ärzte und des Pflegepersonals ist verbesserungswürdig und gerät in der Öffentlichkeit nicht selten in Kritik. Der Südtiroler Sanitätsbetrieb unternimmt jedoch enorme Anstrengungen, um die Zweisprachigkeit des Personals zu verbessern. Neulinge ohne Zweisprachigkeitsnachweis erhalten neben kostenlosen Kursen lange Fristen, um den Nachweis zu erlangen.

Gleichzeitig steht der Betrieb vor einem Dilemma, denn Gesundheitsfachpersonal ist europaweit rar. Aus Sicht der Mitarbeiter ist die verlangte Zweisprachigkeit eine Hürde, aus Sicht des Betriebs ein Wettbewerbsnachteil. Die Unterstützung für Neuzugänge, die bleiben wollen, könnte weiter ausgebaut werden. Der Druck, Hürden abzubauen, dürfte angesichts des herrschenden Personalmangels und der gut zahlenden Konkurrenz im Ausland und in der Privatwirtschaft eher noch zunehmen. Dies zu ändern – mit höheren Zulagen oder Zugangserleichterungen –, ist eine Entscheidung, die nicht auf das heimische Gesundheitswesen abgewälzt werden kann.
Recht und Gesetz sind durchzusetzen, aber es muss auch eine helfende Hand angeboten werden.




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