Ukraine gedenkt der Opfer von Tschernobyl

Selenskyj fordert Ende von Moskaus “nuklearem Terrorismus”

Sonntag, 26. April 2026 | 15:10 Uhr

Von: APA/dpa/AFP

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat zum 40. Jahrestag der Atomkatastrophe von Tschernobyl eine Beendigung des russischen “nuklearen Terrorismus” gefordert. Mit seinem Angriffskrieg und Drohnenangriffen bringe Russland die Welt erneut an den Rand einer Katastrophe, teilte Selenskyj am Sonntag auf seinem Telegram-Kanal mit. Voriges Jahr wurde die Sicherheitshülle aus Stahl über dem Unglücksreaktor 4 des am 26. April 1986 havarierten Kraftwerks beschädigt.

Das Bauwerk solle den Strahlenaustritt und die Kontamination verhindern, seine Erhaltung liege im Interesse aller, sagte Selenskyj. Die Kosten für die Reparatur der Stahlkonstruktion werden mit einer halben Milliarde Euro veranschlagt. “Die Welt darf nicht zulassen, dass dieser nukleare Terrorismus weitergeht, und der beste Weg ist, Russland zu zwingen, seine wahnsinnigen Angriffe einzustellen”, sagte Selenskyj.

Selenskyj und Klitschko erinnern an Katastrophe

Selenskyj fordert seit langem auch ein Ende der russischen Besetzung des Atomkraftwerks Saporischschja, das Moskaus Atomkonzern Rosatom nach Beginn des Krieges unter seine Kontrolle brachte. Zeitweilig hatten die Russen auch das Sperrgebiet um das Atomkraftwerk Tschernobyl belagert.

Selenskyj erinnerte mit einem Video an die größte Nuklearkatastrophe in der Geschichte der zivilen Nutzung der Atomkraft vor 40 Jahren in der damals zur Sowjetunion gehörenden Ukraine. “Ehre sei allen Opfern der Katastrophe von Tschernobyl”, sagte er.

Im knapp 100 Kilometer entfernten Kiew leben der Stadtverwaltung zufolge derzeit noch mehr als 62.000 Betroffene der Katastrophe, darunter über 30.000 sogenannte Liquidatoren, die damals die Folgen Katastrophe beseitigten. Bürgermeister Vitali Klitschko traf sich im Rathaus mit Liquidatoren und zeichnete sie aus.

Schlimmste zivile Nuklearkatastrophe der Geschichte

Der Super-GAU, der größte anzunehmende Unfall, am 26. April 1986 war die schlimmste zivile Nuklearkatastrophe der Geschichte. In der damaligen Sowjetrepublik Ukraine geriet ein Test im AKW Tschernobyl außer Kontrolle. Radioaktive Wolken breiteten sich abgeschwächt bis nach Nord- und Westeuropa aus. Doch trafen sie neben der Nordukraine vor allem das benachbarte Belarus und auch den Westen Russlands. Monatelang sonderte die offen daliegende Atomruine Strahlung in die Umgebung ab.

Die erste öffentliche Warnung erfolgte erst zwei Tage nach der Explosion, als Schweden einen Anstieg der Strahlungswerte auf seinem Territorium registrierte. Schätzungen über die Zahl der Todesopfer gehen weit auseinander. Die Tschernobyl-Katastrophe weckte international große Ängste vor der Atomkraft. Experten gehen von Zehntausenden Todesfällen aus. Über 100.000 Menschen wurden aus den radioaktiv belasteten Gebieten der 30-Kilometer-Sperrzone um das inzwischen stillgelegte Kraftwerk zwangsumgesiedelt.

Rosatom betont Sicherheit russischer Reaktoren

Die sowjetische Zentralregierung in Moskau stand damals in der Kritik, das wahre Ausmaß der Katastrophe lange verheimlicht und Hunderttausende Menschen in Gefahr gebracht zu haben. In Moskau beteuerte Rosatom-Chef Alexej Lichatschow zum Jahrestag, dass die Kernkraftwerke russischer Bauart heute sicher seien. “Der Unfall zwang uns zu einer grundlegenden Überarbeitung unserer Sicherheitskonzepte”, sagte er. “Heute ist bei den russischen Kernreaktoren ein ‘Tschernobyl-Szenario’ ausgeschlossen.”

Bei der Eröffnung einer Ausstellung zum Jahrestag erinnerte Lichatschow an die “heldenhafte Arbeit” der sogenannten Liquidatoren, die damals die Folgen der Katastrophe beseitigten. “An den Aufräumarbeiten waren mehr als 600.000 Menschen beteiligt – Nukleartechniker, Soldaten, Feuerwehrleute, Bergleute, Bauarbeiter und Ärzte”, sagte er. Sie hätten damals auch den Betonsarkophag errichtet, der den Austritt von Radioaktivität begrenzte, sagte Lichatschow bei einer Veranstaltung, bei der laut einer Mitteilung von Rosatom auch Auszeichnungen an Liquidatoren verliehen wurden.

Belarus besonders stark betroffen – Gedenken im Exil

Am stärksten betroffen war das benachbarte Belarus (früher Weißrussland) von der Reaktorkatastrophe. Dort fielen bis zu 70 Prozent des radioaktiven Niederschlags auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion. Gut ein Fünftel des Gebiets von Belarus war laut Experten verseucht, besonders aber die Region Gomel im Süden des Landes. Große Flächen waren mit Cäsium-137 und Strontium-90 kontaminiert.

In Belarus erinnerten Kirchenvertreter, Politiker, Militärs und Bürger an die Katastrophe. Auch Diplomaten, darunter Vertreter der Botschaften der Ukraine und Russlands, legten Blumen und Kränze nieder, wie das Außenministerium in Minsk mitteilte.

Aktivisten aus Belarus, von denen viele unter Machthaber Alexander Lukaschenko ins Ausland geflüchtet sind, erinnerten mit Veranstaltungen unter anderem im Baltikum und online an den Jahrestag. Die belarussische Aktivistin und Mitbegründerin der Umweltorganisation Ecodom, Irina Suchi, beklagte, dass die Regierung in Minsk zum Jahrestag weiter so tue, als sei heute alles in Ordnung. “Aber es gibt keine ausreichenden Kontrollen”, sagte sie im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur im Exil. Es müssten etwa die mögliche Belastung der Böden oder auch der Agrarprodukte gemessen werden.

Unter der autoritären Führung des Landes seien etwa 100 Umweltschutzorganisationen geschlossen oder ins Exil gedrängt worden, sagte Suchi. Trotzdem werde versucht, die Menschen über die womöglich noch lauernden Gefahren in Agrarböden aufzuklären und auf Risiken hinzuweisen. “In den ganzen 40 Jahren haben sie der Bevölkerung nicht beigebracht, wie sie sich verhalten soll, wenn sie auf verseuchtem Gebiet lebt”, sagte die Aktivistin mit Blick auf die Regierung in Minsk.

Van der Bellen: Große Verantwortung

Österreichs Bundespräsident Alexander Van der Bellen erinnerte am Sonntag auf der Plattform X “an die Opfer einer Katastrophe, die sich unauslöschlich in das Gedächtnis Europas eingebrannt hat”. Ihr Leid mahne, “wie groß die Verantwortung ist, die wir tragen – für Sicherheit, für Transparenz und den Schutz von Mensch und Umwelt”, so der Bundespräsident.

Das österreichische Außenministerium betonte auf X, dass 40 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl die russischen Angriffe auf die ukrainische Atomenergie-Infrastruktur “erneut eine große Gefahr für die nukleare Sicherheit darstellen”. Das Ministerium forderte von Russland “einen sofortigen Stopp dieser Angriffe und eine volle Kooperation mit der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA”.

Papst mahnt zu verantwortungsvollem Umgang mit Atomkraft

Papst Leo XIV. mahnte zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Atomkraft. Der Reaktorunfall von Tschernobyl erinnere bis heute an die Risiken, die mit dem Einsatz immer leistungsstärkerer Technologien einhergehen, sagte er laut Kathpress am Sonntag beim Mittagsgebet auf dem Petersplatz. “Jede Nutzung der Atomenergie muss dem Leben und dem Frieden dienen”, sagte der Papst. Es brauche Besonnenheit und Verantwortungsbewusstsein auf allen Entscheidungsebenen.

Außerdem verurteilte der Papst die Plünderung der Ressourcen der Erde und das Führen blutiger Kriege. Damit werde den Menschen eine friedliche und unbeschwerte Zukunft geraubt. Auch prangerte er Haltungen an, die Freiheit und Würde anderer nicht achteten.

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