108.000 Euro für die Behandlung vier Jugendlicher aus Italien

Schweiz will für Crans-Montana-Opfer nun doch nicht zahlen

Samstag, 25. April 2026 | 11:38 Uhr

Von: mk

Rom – Der Kanton Wallis hat es sich offenbar nun doch einmal anders überlegt: Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana will man in der Schweiz nun doch nicht die Krankenhausspesen von 108.000 Euro für vier italienische Jugendlichen übernehmen, die im Spital von Sion nur wenige Stunden behandelt worden waren. Stattdessen sollen die Kosten dem italienischen Staat in Rechnung gestellt werden. Die Spannungen zwischen Bern und Rom erreichen damit einen neuen Hochpunkt. Italiens Premierministerin Meloni spricht von einer „schändlichen Forderung“.

In der Bar Le Constellation im Skiort Crans-Montana war in der Neujahrsnacht bei einer Silvesterparty ein Brand ausgebrochen. Insgesamt kamen 41 Menschen ums Leben und rund 80 wurden überwiegend schwer verletzt – darunter auch mehrere Jugendliche aus Italien. Funkensprühende Partyfontänen hatten Schaumstoff an der Decke in Brand gesetzt.

Gegen die Barbetreiber Jessica und Jacques Moretti und mehrere Verantwortliche der Gemeinde wird wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Brandstiftung ermittelt. Entgegen den Vorschriften war der Brandschutz in der Bar seit 2019 nicht mehr überprüft worden.

Erst kürzlich trauten italienische Familien der Opfer ihren Augen kaum, als sie ihre E-Mail-Postfächer öffneten. Darin lagen E-Mails von Schweizer Krankenhäusern, die exorbitante Rechnungen enthielten. Nach einem öffentlichen Aufschrei der Empörung ruderte die Schweiz zurück. „Die Schweiz wird alles bezahlen!”, ließ man über den Botschafter in Italien ausrichten. Doch nun hat sich das Blatt offenbar erneut gewendet.

„Sollte diese schändliche Forderung tatsächlich offiziell bestätigt werden, kündige ich bereits jetzt an, dass Italien sie umgehend zurückweisen wird. Ich vertraue auf das Verantwortungsbewusstsein der Schweizer Behörden und hoffe, dass sich diese Nachricht als völlig unbegründet erweist“, schrieb Meloni in sozialen Netzwerken. Auch Außenminister Antonio Tajani schlägt in dieselbe Kerbe. „Klar werden wir nicht bezahlen“, betont er laut einem Bericht der Nachrichtenagentur Ansa. Die Verantwortung liege bei jenen, die das Lokal geführt haben, und bei jenen, die es verabsäumt haben, die vorgeschriebenen Kontrollen durchzuführen. Italien trage keinerlei Schuld an der Feuerkatastrophe, stellt Tajani klar.

Dazu kommt: Zwei Schweizer Patienten sind nach der Feuerkatastrophe in Mailand behandelt worden. Außerdem hat sich der Zivilschutz im Aostatal nur wenige Stunden nach dem Unglück bei den Rettungseinsätzen mitgewirkt und einen Hubschrauber zur Verfügung gestellt.

Der plötzliche Kurswechsel kam bei einem Treffen zwischen dem italienischen Botschafter in Bern, Gian Lorenzo Cornado, und dem Walliser Staatsratspräsidenten Mathias Reynard ans Licht. Reynard, der auch dem Gesundheitsdepartement vorsteht, hatte zuvor noch signalisiert, die Krankenhausspesen übernehmen zu wollen. Nun folgt die Ernüchterung: Aus „gesetzlichen Gründen“ sehe der Kanton keinen Spielraum, die Kosten zu tragen.

Stattdessen sollen die Rechnungen nun über die Schweizer Krankenkasse abgewickelt werden, welche wiederum die Rückerstattung vom italienischen Gesundheitsministerium fordern wird. Botschafter Cornado bezeichnete den Vorgang als „surreal“ und führt das Prinzip der Gegenseitigkeit ins Feld.

Zudem wiege die moralische Schuld schwer: Die Jugendlichen erlitten Rauchvergiftungen und Verbrennungen in einem Lokal, in dem Notausgänge verriegelt waren.

Auch der Anwalt einer Opferfamilie zeigt sich fassungslos. Rechtsanwalt Fabrizio Ventimiglia erklärte: „Wir haben es hier nicht mit einer gewöhnlichen Krankenhauseinweisung zu tun, sondern mit den Folgen eines schwerwiegenden Ereignisses. Die Ermittlungen zeigen bereits jetzt massive und wiederholte Verstöße gegen Sicherheitsnormen auf – auch seitens der Behörden. Dies nun in ein bloßes Verrechnungsgeschäft zwischen Gesundheitssystemen zu verwandeln, ist weder juristisch unhaltbar und noch moralisch angemessen.“

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