Von: ka
Bozen – Seit zehn Tagen schwelgt Südtirol im Olympiafieber. Die kaum erhofften sportlichen Erfolge – allen voran die beiden Goldmedaillen im Doppelsitzer-Rennrodeln der Damen und Herren, aber auch die Silber- und Bronzemedaillengewinner im Biathlon und Rodeln – ließen den olympischen Funken auch zu fast jedem Skeptiker überspringen.

Doch die aufregenden „Spiele dahoam” kamen nicht bei jedem an – schon gar nicht bei denen, die von Anfang an etwas ganz anderes im Sinn hatten. Südtirol wäre nicht Südtirol, wenn politische Nebendarsteller und patriotische Kulturverbände sportliche Großereignisse nicht dazu nutzen würden, auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Dazu gehören der Südtiroler Schützenbund und der Südtiroler Heimatbund. Mit Kampagnen wie „Grüß Gott in Tirol” an Busstationen und dem Auftauchen von auffallend großen „Tirol”-Schildern in Gebieten, in denen derzeit größere olympische Veranstaltungen stattfinden, betonen sie, dass ein Teil der Winterspiele 2026 in Tirol stattfindet.

Das mag aus historischer Sicht zwar stimmen und der Tatsache entsprechen, dass das Trentino, Südtirol und das Bundesland Tirol im Rahmen der Europaregion Tirol zusammenarbeiten. Auf der anderen Seite wird jedoch verschwiegen, dass sich die überwältigende Mehrheit der Bewohner des Landes als Südtiroler versteht und im Gegensatz zu diesen Gruppierungen nicht das dringende Bedürfnis verspürt, sich zwanghaft immer und überall von Italien und den Italienern abzugrenzen. Tirol als historische und kulturelle Gemeinsamkeit – in diesem Sinne haben die Namensschilder ihre Berechtigung, aber nicht als Gegnerschaft zu einem Land und seinen Menschen, die auch Teil unserer Heimat sind.

Südtirol wäre nicht Südtirol, wenn die Gegenseite die vermeintliche „Steilvorlage” nicht dankbar aufgreifen würde. Die „Tirol“-Kampagne der Schützen und des Heimatbundes wäre im Trubel, den Freudentränen und den kleinen und großen olympischen Dramen untergegangen, wenn der stellvertretende Landeshauptmann Marco Galateo und der Landesrat Christian Bianchi sie nicht als „unverantwortliche Provokationen“ bezeichnet hätten. Galateo warnte vor einer „Eskalation politischer und symbolischer Botschaften“, die nichts zur Aufwertung des Landes beitragen würden und stattdessen das friedliche Zusammenleben der Sprachgruppen gefährden könnten.

Beiden gelang es, trotz der Spiele ein bisschen Aufmerksamkeit zu erlangen. Aber zum Glück ist es um das Image Südtirols – zu dem nicht zuletzt die olympischen Erfolge der heimischen Athleten beitragen – und das friedliche Zusammenleben weit besser bestellt, als Marco Galateo und Christian Bianchi wahrhaben wollen.

Abgesehen von dieser kleinen Minderheit auf beiden Seiten, die tatsächlich immer noch glaubt, für „alle Südtiroler” und „alle Italiener” zu sprechen, hat die überwältigende Mehrheit der Landesbewohner genug von den immer wiederkehrenden ethnischen Pfeilspitzen und kleinen Gehässigkeiten.

Es wäre schön, wenn diese „Störenfriede ohne Freude an Olympia” weniger Aufmerksamkeit bekämen. Gerade weil die „Spiele dahoam” aber so ein großer Erfolg sind, sollten wir lieber den Sport in den Mittelpunkt stellen und uns als gute Gastgeber präsentieren. In einer von Kriegen und brutaler Gewalt beherrschten Welt gelten wir als Beispiel eines befriedeten Konflikts – genau das sind wir.




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