"Mindestens acht Opfer": Ermittlungen gegen Primar Michieletti abgeschlossen – VIDEO

“32 Fälle von sexueller Gewalt in anderthalb Monaten”

Dienstag, 26. Mai 2026 | 07:09 Uhr

Von: ka

Piacenza – Die Ermittlungen gegen Emanuele Michieletti, den Leiter der Radiologieabteilung des Krankenhauses „Guglielmo da Saliceto“ in Piacenza, sind abgeschlossen. Der Arzt, der sich an acht Frauen sexuell vergangen haben soll, wurde nach wochenlangen Ermittlungen am 6. Mai 2025 festgenommen, vom Krankenhaus entlassen und von der Ausübung seines Berufs suspendiert. Aus den Ermittlungsakten ergibt sich ein Bild von „systematischer Gewalt“, das von Überwachungskameras dokumentiert wurde. Besonders schwer wiegt die Anschuldigung, eine Krankenpflegerin zehn Jahre lang mehrmals im Monat sexuell missbraucht zu haben. Die Mauer des Schweigens wurde durch die Anzeige einer Ärztin durchbrochen. Dennoch hob die zuständige Ärztekammer die Suspendierung wieder auf.

Professor Emanuele Michieletti, Primar der Radiologieabteilung des Krankenhauses von Piacenza, ist eine Koryphäe der Radiologie mit Dutzenden von Veröffentlichungen und wissenschaftlichen Auszeichnungen. Doch hinter dem öffentlichen Image als geschätzter Radiologe verbarg sich laut den Ermittlern ein Sexualstraftäter.

Wie der Corriere della Sera berichtet, gleichen die Ermittlungsergebnisse einer wahren Sammlung des Grauens. „Er drückte sie gegen die Wand und schob ihr die Hände unter die Kleidung.“ „Er begrapschte ihre Brüste und ihren Po.“ „Gegen den Willen des Opfers vollzog er den Geschlechtsverkehr.“ Die Schilderungen sind so detailreich, dass es schwerfällt, alles wiederzugeben. Der Primar der Radiologieabteilung des Krankenhauses „Guglielmo da Saliceto“ in Piacenza soll jahrelang sein Chefarztbüro in einen Ort des Schreckens verwandelt haben. Während der normalen Arbeitszeit habe er Ärztinnen, Röntgentechnikerinnen und Krankenpflegerinnen sexuell belästigt und vergewaltigt.

ANSA/FACEBOOK/Emanuele Michieletti

Bereits zum Zeitpunkt seiner Festnahme am 6. Mai 2025 waren die Vorwürfe gegen ihn äußerst schwerwiegend. Sie waren so gravierend, dass er umgehend aus dem Krankenhaus entlassen und von der Ausübung seines Berufs suspendiert wurde. Vor wenigen Tagen wurden die Ermittlungen abgeschlossen. Aus den von der Staatsanwaltschaft in Piacenza eingereichten Unterlagen ergibt sich ein noch erschreckenderes Bild. Eine mutige Ärztin hatte die Büchse der Pandora geöffnet und damit die Geschehnisse in der von Professor Michieletti geleiteten Abteilung ans Licht gebracht.

Sie trotzte dem Klima der Angst und des Schweigens, das im Krankenhaus herrschte, und erzählte der Polizei alles. Die Abhörprotokolle lieferten die Bestätigung und ermöglichten es, weitere Gewalttaten aufzudecken. Auf die erste Anzeige folgte eine zweite, die später vom Opfer zurückgezogen wurde. Doch am Ende der Vorermittlungen gibt es Dutzende mutmaßliche Fälle sexueller Gewalt gegen mindestens acht Opfer, wobei die Zahl noch steigen könnte. Von diesen haben fünf auch formell Klage eingereicht. Einige von ihnen werden von den Rechtsanwälten Daniele Pezza und Paolo Tosoni vertreten.

Bereits vor einem Jahr hatte die in der Lüftungsöffnung der Klimaanlage versteckte Kamera „32 Fälle sexueller Gewalt innerhalb von 45 Tagen” aufgezeichnet. „Abgesehen von Feiertagen und Ruhetagen hat er es praktisch jeden Tag versucht”, so die Ermittler. Nun konnten die Staatsanwälte mithilfe der Aussagen der Opfer auch die vor 2025 begangenen Taten rekonstruieren.

Der erste Fall betrifft genau die Radiologin, die sich gewehrt hat. „Am 21. November 2024 um 11.30 Uhr begab sie sich in das Büro des Primars, um über Urlaub zu sprechen“, heißt es in der Anklage. Nachdem er die Tür abgeschlossen hatte, packte er sie an den Schultern und drückte sie gegen ein Bücherregal … Er hielt sie an einem Arm fest, rieb sich an ihren Intimstellen und küsste sie beharrlich auf den Hals.“ Erst das glückliche Eintreffen eines dritten Arztes, der an der Tür klingelte, ermöglichte es der Ärztin, sich zu befreien und wegzulaufen.

Am 9. Dezember versuchte er es auf ähnliche Weise bei einer anderen Kollegin. „Er hielt sie fest, zwang sie, sich auf ihn zu setzen, und berührte sie an den Intimstellen.“ Eine andere Ärztin berichtete, dass sich Michieletti bereits 2015 nicht auf das Reiben beschränkt habe, sondern „vor ihr die Hose heruntergelassen habe … und dann versucht habe, sie zu begrapschen.“ Die Berichte decken sich in der Beschreibung der Vorgehensweise des Beschuldigten. Dies sind Verhaltensweisen, die auf eine Person hindeuten, die ihre ständigen sexuellen Triebe nicht mehr kontrollieren kann.

Im Jahr 2020 ließ er in Anwesenheit einer Röntgentechnikerin, die sich seinen sexuellen Annäherungsversuchen widersetzte, seine Hose herunter und sagte stolz zu ihr: „Sieh mal, was du bei mir bewirkst.“ Professor Emanuele Michieletti soll seine Kollegin auch dann weiter belästigt haben, als sie sich im Untersuchungsraum wieder trafen. Während der Corona-Zeit soll eine andere Ärztin zu vollständigem Geschlechtsverkehr auf dem Schreibtisch im Büro gezwungen worden sein.

Der schlimmste Fall betraf jedoch eine Krankenpflegerin. Die erniedrigenden Gewalttaten zogen sich über zehn Jahre hin. „Mehrmals im Monat“, so die Staatsanwälte, „wenn er seine sexuellen Triebe ausleben musste, packte er sie an den Schultern, führte sie in sein Büro und zwang sie zum Geschlechtsverkehr.“

Ärzte und Krankenpflegerinnen waren allesamt von seinem „Image als mächtiger Mann, der von der Krankenhausleitung geschützt wird“, beeinflusst. Einmal hatte eine Krankenpflegerin versucht, ihm zu sagen, er solle damit aufhören. Daraufhin drohte er ihr und sagte, sie solle gut darauf achten, was sie tue. Ein nicht unerhebliches Detail ist, dass die Abteilung von Professor Michieletti in der Behandlung von Brustkrebs und anderen schwerwiegenden Erkrankungen führend war. In seinem Arbeitsalltag wechselte der Chefarzt zwischen heiklen Diagnosen und mutmaßlichen sexuellen Übergriffen hin und her.

Nach sechs Monaten unter Hausarrest kehrte Michieletti an seinen Arbeitsplatz zurück – wenn auch in einer Privatpraxis. Tatsächlich hat die Ärztekammer die Suspendierung von seinem Beruf aufgehoben. „Wir werden die Akten lesen und innerhalb von 20 Tagen unsere Stellungnahmen einreichen“, sagt sein Anwalt Pietro Roveda. Wir haben noch nicht entschieden, ob wir meinen Mandanten vernehmen lassen wollen.“ Was die zuständige Ärztekammer dazu bewegt hat, die Suspendierung Michielettis aufzuheben, ist nicht bekannt. In jedem Fall erntet diese Entscheidung erhebliche Kritik.

Der Fall sorgt weit über Piacenza hinaus für großes Aufsehen. Laut den Ermittlern war das Verhalten des Primars „seit einiger Zeit bekannt“. Warum bedurfte es jedoch erst der Anzeige eines Opfers, um die Mauer des Schweigens und des Wegsehens zu durchbrechen?

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