Marco Cavaleri rät zur Vorsicht

“Besser, AstraZeneca für alle zu verbieten”

Montag, 14. Juni 2021 | 08:08 Uhr

Rom – Nach dem Tod der 18-jährigen Camilla Canepa aus Sestri Levante rät der Präsident des Impfstoffexpertenteams der Europäischen Arzneimittelagentur EMA, Marco Cavaleri, den Einsatz des Vakzins von AstraZeneca zu überdenken.

“Die “AstraZeneca-Open Vax Days” für die jungen Leute hätten vermieden werden sollen. Es wäre besser, AstraZeneca für alle zu verbieten”, so Marco Cavaleri. Auf den Tod der 18-Jährigen angesprochen, erwidert der Präsident des Impfstoffexpertenteams der Europäischen Arzneimittelagentur EMA, dass es allein schon wegen des jungen Alters besser gewesen wäre, einen Impfstoff auf mRNA-Basis zu verwenden.

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“Als die EMA entschied, den Impfstoff von AstraZeneca ohne Einschränkungen zuzulassen, hatten wir einen wahrscheinlich sehr seltenen Zusammenhang zwischen dem Impfstoff von AstraZeneca und möglichen Thrombosen erkannt. Aber unsere Meinung war und ist, dass mit Sicht auf die Pandemie das Verhältnis zwischen Risiko und Nutzen für alle Altersgruppen günstig bleibt. Es wäre jedoch besser, AstraZeneca auch für die über 60-Jährigen zu verbieten. Angesichts der größeren Verfügbarkeit von mRNA-Impfstoffen ist das eine Handlungsoption, die viele Länder wie unter anderem Frankreich und Deutschland in Erwägung ziehen. Die Zwischenfälle sind jedoch sehr selten und allesamt nach der ersten Dosis aufgetreten. Zwar stehen bezüglich der Verabreichung der zweiten Dosis weniger Daten zur Verfügung, aber bisher wurden aus Großbritannien keine Vorfälle gemeldet”, so Marco Cavaleri in einem Interview gegenüber der Turiner Tageszeitung “La Stampa”.

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“Vakzine, die auf dem Adenovirus fußen, wirken nach der ersten Dosis zwar besser, werden aber nach der Verabreichung der zweiten Dosis von den mRNA-Impfstoffen – insbesondere in ihrer Wirksamkeit gegen die indische und südafrikanische Variante – übertroffen. Der relativ wenig verwendete Impfstoff von Johnson&Johnson wirft gegenüber jenem von AstraZeneca weniger Probleme auf. Aufgrund des Genügens einer einmaligen Impfung ist sein Einsatz vor allem bei schwer erreichbaren Personengruppen nützlich. Da es sich aber ebenfalls um ein Vakzin auf Adenovirus-Basis handelt, ist es ratsam, den Impfstoff nur für die über 60-Jährigen zu verwenden”, fügt der Präsident des Impfstoffexpertenteams der Europäischen Arzneimittelagentur EMA hinzu.

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“Es stimmt zwar, dass jeder Staat einen anderen Ansatz verfolgte, aber die Entscheidung der EMA wurde mitten in der Pandemie getroffen, als die Priorität darin bestand, die Impfstoffe zu verwenden, die verfügbar waren. Es sollte nicht vergessen werden, dass die EMA die Grundlage für die Zulassung von Impfstoffen zur Verfügung stellt, die von der WHO in der halben Welt verwendet werden. Es handelt sich dabei um Staaten, in denen auch heute noch ein Mangel an Dosen besteht. Nach der Besserung der Lage hätten einige Länder mRNA-Impfstoffe aber schon früher einsetzen können”, verteidigt Marco Cavaleri die Entscheidung der Europäischen Arzneimittelagentur EMA.

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Bezüglich der “AstraZeneca-Open Vax Days” hegt der Experte allerdings keinen Zweifel. “Bei jungen Menschen nimmt das Risiko einer Erkrankung ab. Die Botschaft könnte sein, bevorzugt die mRNA-Impfstoffe zu verwenden, aber die Entscheidung bleibt den einzelnen Staaten vorbehalten. Im Hinblick auf die Verfügbarkeit anderer Impfstoffe hätten wir uns eine vorsichtigere Herangehensweise gewünscht”, meint Marco Cavaleri.

“Schon allein wegen ihres Alters wäre es besser gewesen, einen mRNA-Impfstoff zu verwenden, denn auch wenn man die Risikofaktoren nicht kennt, hätte ihre gesundheitliche Lage Vorsicht nahelegen müssen”, so der angesehene Experte zum Fall der 18-jährigen Camilla Canepa.

“Die heterologe Impfung – beispielsweise die Zweitimpfung mit dem Vakzin von Pfizer/BioNTech nach einer ersten Verabreichung von AstraZeneca – bewährte sich bereits in der Vergangenheit gut. Wir erwarten daher keine Vorkommnisse. Es gibt aber keine großen Datenmengen und es wird eine sorgfältige Überwachung notwendig sein”, sagt Cavaleri. “Die Fälle von Perikarditis nach der Gabe von mRNA-Impfstoffen scheinen selten und zeigen einen milden Verlauf. Sie treten etwa eine Woche nach der zweiten Dosis auf. Wir sind mit den USA und Israel im Gespräch, um mehr darüber zu erfahren. Bis Anfang Juli werden wir mehr Daten besitzen”, ergänzt Marco Cavaleri.

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Mit Blick auf die kommenden Monate zeigt sich der Experte der EMA optimistisch. “Die These ist, dass sowohl die Geimpften als auch die Geheilten ihre Immunität für rund ein Jahr beibehalten werden. Für ältere Mitbürger könnte sie etwas geringer sein. Wir werden bei den Risikogruppen mit einer Auffrischungsimpfung beginnen und anschließend entscheiden, ob diese auch für alle anderen notwendig sein wird. Dabei werden wir auch die eventuelle Entwicklung neuer Varianten berücksichtigen. Die indische Variante scheint inzwischen unter Kontrolle zu sein, könnte aber besorgniserregende Mutationen hervorbringen”, so das Fazit des Experten.

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Die Gefahr bleibt also bestehen. Aus der Sicht des Experten versucht das Virus, das infolge der immer stärkeren Durchimpfung der italienischen Bevölkerung unter Druck gerät, zu “entkommen”. Sorge bereitet auch, dass trotz aller Bemühungen global betrachtet, die Impfkampagne nur langsam fortschreitet, das das Risiko des Auftretens und der Verbreitung neuer Coronavarianten zur Folge haben könnte. Schließlich gibt es noch die Hypothese, dass das Virus auch zwischen geimpften Personen weiter zirkuliert.

“Aus diesem Grund forschen die Pharmaunternehmen an Impfstoffen, die schnell auf den letzten Stand gebracht werden können. Die EMA hingegen arbeitet an schlankeren Zulassungsregeln”, so Marco Cavaleri. Die Impfspritze wird uns vermutlich noch viele Monate begleiten, denn abschließend erwähnt der Experte noch, dass die Impfung in Pillenform oder als Pflaster-Impfstoff “nicht vor dem Jahr 2023” verfügbar sein wird.

Von: ka

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