Von: apa
Fast acht Jahre nach dem tödlichen Einsturz der Morandi-Autobahnbrücke im norditalienischen Genua ist der Prozess zu Ende gegangen. 32 der insgesamt 57 Angeklagten wurden am Donnerstag verurteilt, insgesamt wurden Strafen in Höhe von mehr als 200 Jahren Haft verhängt. Beim Unglück am 14. August 2018 waren 43 Menschen gestorben. Das – noch nicht rechtskräftige – Urteil wurde in Anwesenheit der Bürgermeisterin von Genua, Silvia Salis, und der Angehörigen vieler Opfer verlesen.
Der ehemalige Geschäftsführer der italienischen Autobahngesellschaft ASPI (Autostrade per l’Italia) und Hauptangeklagter Giovanni Castellucci wurde zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Die Staatsanwaltschaft Genua hatte 18 Jahre Haft gefordert. Dem 66-jährigen Castellucci wird vorgeworfen, die Arbeiten an dem später eingestürzten Pfeiler Nummer neun der Brücke verschoben zu haben. Der Manager sitzt in Mailand bereits eine sechsjährige Haftstrafe wegen eines Busunglücks auf der Autobahn A16 in der süditalienischen Provinz Avellino im Jahr 2013 ab. Damals starben 40 Menschen. Nach Darstellung seiner Anwälte wird Castellucci zum “Sündenbock” gemacht.
Anwälte des verurteilten Ex-Autobahnchefs kündigen Einspruch ein
“Castellucci wurde ohne Schuld verurteilt. Seine einzige Schuld besteht darin, unschuldig zu sein”, sagte sein Anwalt Giovanni Paolo. Die Verteidigung werde den Kampf für Castelluccis Unschuld fortsetzen und Einspruch gegen die Verurteilung einreichen. “Wir sind überzeugt, dass das Berufungsverfahren einen Fehler korrigieren wird, den wir in diesem Urteil sehen”, erklärte der Anwalt.
Auch die ehemalige Nummer zwei und drei des Autobahnbetreibers ASPI wurden zu Strafen von fünf Jahren und sechs Monaten bzw. elf Jahren verurteilt. Gegen einen hohen für die Aufsicht der Autobahnen zuständigen Funktionär im italienischen Verkehrsministerium wurden fünf Jahre Haft verhängt. Die Staatsanwaltschaft hatte für die 57 Angeklagten insgesamt mehr als 400 Jahre Gefängnis gefordert wegen fahrlässiger Tötung, Gefährdung der Verkehrssicherheit und Urkundenfälschung.
Der Großteil der Angeklagten beim Prozess in Genua erschien nicht vor Gericht. Eine Vertreterin der Opfer-Angehörigen kritisierte das vollständige Fehlen von Schuldeingeständnissen in dem Prozess. Erwartet wird, dass die Verurteilten Einspruch einreichen, da das Urteil nicht rechtskräftig ist.
Gerichtsverfahren hatte vier Jahre gedauert
Das Gerichtsverfahren hatte vier Jahre gedauert, es gab 283 Anhörungen. Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hätte der Einsturz verhindert werden können, wenn die geplante Verstärkung von Pfeiler neun – jenem Brückenpfeiler, der schließlich versagte – nicht verzögert worden wäre. Die Verteidigung hingegen machte einen Konstruktionsfehler der Brücke verantwortlich. Dieser habe Korrosion begünstigt, die wegen eines verborgenen Mangels an den Tragseilen nicht habe erkannt werden können. Die riesigen Spannseile, die die Brücke trugen, hätten einen verdeckten Defekt aufgewiesen, der mit den damals verfügbaren Mitteln nicht feststellbar gewesen sei.
Die Staatsanwälte verwiesen dagegen darauf, dass der Konstrukteur der im Jahr 1967 errichteten Brücke, der Ingenieur Riccardo Morandi, selbst regelmäßige und gezielte Überprüfungen der Konstruktion empfohlen habe. Wären diese Kontrollen ordnungsgemäß durchgeführt worden, hätten sie nach Ansicht der Anklage die mangelnde Sicherheit der Brücke aufgezeigt.
Der italienische Verkehrsminister Matteo Salvini begrüßte das Urteil. “Eine Katastrophe dieser Art darf nicht unbestraft bleiben”, sagte Salvini, der auch Vize-Regierungschef in der Regierung von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni ist.




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