Von: ka
Trescore Balneario – Am Tag nach dem versuchten Mord an seiner Französischlehrerin, den diese nur sehr knapp überlebte, kommen immer mehr verstörende Details über die Gedankenwelt des 13-jährigen Mittelschülers ans Licht. Vor der Bluttat, die er filmte und als Live-Stream auf Telegram übertrug, hatte der 13-Jährige ein „Manifest“, in dem er sein Leben und seine angeblichen Beweggründe für diese schreckliche Tat schildert. „Ich werde sie töten, kein Leben zählt“, lautet eine der schockierendsten Passagen.
Der Junge soll Teil einer Telegram-Gruppe gewesen sein, in der sein mutmaßliches „Manifest“ sowie Bilder des T-Shirts, das er während des Angriffs trug, und der verwendeten Waffen zu sehen sind. Auf Telegram stellten die Ermittler auch das Video der Tat sicher. In dem eine Minute und 53 Sekunden langen Video, das nun Teil der Ermittlungsakte ist, ist zu sehen, wie die Lehrerin versucht, sich zu verteidigen. Nachdem sie zu Boden gefallen ist, wird sie erneut von dem Schüler angegriffen.

„Ich kann nicht inhaftiert werden, da das Mindestalter für die Strafmündigkeit in Italien bei 14 Jahren liegt. Eine Verhandlung vor Gericht ist ebenfalls nicht möglich. Deshalb werde ich endlich das tun, was ich schon immer tun wollte: Sie töten und jeden, der versucht, mich daran zu hindern.“
Dies ist ein Auszug aus dem „Manifest“, das der 13-jährige Schüler, der am Mittwoch seine Französischlehrerin Chiara Mocchi in Trescore Balneario bei Bergamo niedergestochen hat, auf Telegram veröffentlicht hat. Derselbe Messaging-Dienst wurde genutzt, um den blutigen Messerangriff live zu übertragen. Ein von der Nachrichtenagentur Ansa gesichtetes Video mit einer Länge von einer Minute und 53 Sekunden, das nun Teil der Ermittlungsakte ist, zeigt den gesamten Ablauf der Messerattacke.
In dem Video ist zu sehen, wie der 13-jährige Schüler, der ein T-Shirt mit der Aufschrift „Vendetta“ trägt, die Schule in der Via Damiano Chiesa durch den Haupteingang betritt. Er gelangt über die Treppe in den ersten Stock, geht an einigen Schülern und Lehrern vorbei und steuert kurz vor Unterrichtsbeginn einen Flur vor einem Klassenzimmer an, in dem die Französischlehrerin wartet, um den Klassenraum zu betreten.
Wenige Augenblicke später folgte der Messerstich in den Hals. Die Lehrerin drehte sich instinktiv um, um sich zu verteidigen, bevor sie schwer verletzt zu Boden sank. Währenddessen stach der 13-Jährige weiter auf sie ein, obwohl die Lehrerin verzweifelt und instinktiv versuchte, ihn mit einem Bein wegzustoßen. Der 13-Jährige, der seit gestern Abend in einer geschlossenen Wohneinrichtung untergebracht ist, trug sein Smartphone, mit dem er die Tat filmte, stets um den Hals. Nach dem Angriff verließ er das Gebäude und hielt sich im Innenhof auf, wo er von einem Lehrer und zwei Schuldienern überwältigt und bis zum Eintreffen der Carabinieri festgehalten wurde.
Das Motiv ist noch unklar. Der Junge lebt seit etwa einem Jahr mit seiner Mutter in Trescore Balneario; sein Vater wohnt im nahegelegenen Zandobbio. Nach bisherigen Erkenntnissen wurde er weder vom Sozialdienst betreut noch gab es Meldungen über besondere schulische oder verhaltensbezogene Probleme. Zu den möglichen Gründen, die die Ermittler derzeit prüfen, gehören eine schlechte Note oder Groll gegen die Lehrerin, die nach einem Streit für einen anderen Schüler Partei ergriffen haben soll. Bei der Durchsuchung ihrer Wohnung wurden zudem Materialien gefunden, die potenziell zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden könnten. Unter den beschlagnahmten Gegenständen befinden sich Säuren und Düngemittel, die nun in kriminaltechnischen Labors untersucht werden.
Unterdessen hat sich der Zustand der Lehrerin verbessert. Die 57-Jährige verbrachte eine komplikationsfreie Nacht auf der Intensivstation des Krankenhauses „Papa Giovanni XXIII” in Bergamo. Nach dem chirurgischen Eingriff wurde sie am Donnerstagmorgen auf eine Normalstation verlegt, wie aus Krankenhauskreisen verlautet. In einem offenen Brief bedankte sich Chiara Mocchi bei ihren Schülern, deren Eltern, den Behörden und ihren Rettern. „Bereitet euch ohne Angst, sondern mit Mut auf eure Zukunft vor”, rät sie insbesondere ihren Schülern. Selbst für den 13-Jährigen fand die Französischlehrerin versöhnliche Worte. „Ich hege keinen Groll. Wir stehen dem Jungen zur Seite, der mich angegriffen hat, vielleicht ohne überhaupt zu wissen, warum“, so die 57-Jährige.
In der italienischen Öffentlichkeit, vor allem unter den Eltern, sitzt der Schock tief. In einem Interview mit dem Corriere della Sera erklärte Bildungsminister Giuseppe Valditara, dass Gewalttaten wie die in Bergamo „unter dem negativen Einfluss der sozialen Medien entstehen, wie verschiedene internationale Studien belegen“.
Laut Valditara gehören „soziale Medien zu den auslösenden Faktoren“. Ihr Einfluss könne verheerend sein, da sie Gewalt enthalten und an Jugendliche weitergeben, die noch nicht die nötige Reife besitzen, um mit den Gefahren dieser Medien umzugehen. Die Garantie der Anonymität, die Spirale des Hasses, extreme Challenges und das Dark Web seien für sie nicht zu meistern. Es gebe eine beispiellose Ausbreitung von Gewalt im Internet.
Der Bildungsminister erinnerte daran, dass „ein parteiübergreifender Gesetzesentwurf zum Zugang von Kindern zu sozialen Netzwerken im Parlament diskutiert wird, dessen Verabschiedung beschleunigt werden muss“.
In Italien wird – wie in Australien – über ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche diskutiert. Australien ist das weltweit erste Land, das ein solches Verbot eingeführt hat. Es gilt für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren und ist im Dezember 2025 in Kraft getreten. Betroffen sind Plattformen wie Instagram, TikTok, Snapchat, Facebook, YouTube, X, Reddit und Twitch. Die Verantwortung zur Altersüberprüfung liegt bei den Unternehmen. Bei Verstößen drohen Geldstrafen von bis zu 28,5 Millionen Euro.




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