Zukunftsangst und „digitale Blase“ beherrschen Italiener – VIDEO

Italien nach dem Lockdown: Pessimismus und „neuer Biedermeier“

Freitag, 11. September 2020 | 08:19 Uhr

Rom – Selbst Monate nach dem Lockdown gelingt es den meisten Italienern nicht, sich von den wirtschaftlichen, aber auch von den gesellschaftlichen sowie psychologischen Folgen des Lockdowns zu erholen.

Die angesehene „Coop-Umfrage 2020 Wirtschaft, Verbrauch und Lebensstile der Italiener von heute und morgen“ lässt keine Zweifel darüber aufkommen, dass die Coronapandemie und ihre Folgen das Leben der Italiener massiv verändert.

Die Italiener, von denen ein Drittel in nächster Zeit schwere wirtschaftliche und finanzielle Probleme erwartet, tun sich in ihrer übergroßen Mehrheit schwer, die eigene „Komfortzone“ zu verlassen. In gewisser Hinsicht ist das Bild janusköpfig. Während durch Corona die Bildungs- und Arbeitswelt – man denke nur an Smartworking und Fernunterricht – einen großen Sprung in die Zukunft macht, kehrt das Privatleben teilweise in die 50-er Jahre zurück.

ANSA/MATTEO CORNER

Besonders die wirtschaftlichen und finanziellen Probleme trüben die Stimmung vieler Italiener. 38 Prozent der Befragten meinen, dass sie sich das nächste Jahr in diesem Bereich mit schwerwiegenden Herausforderungen auseinandersetzen müssen. Sechs von zehn Italienern, die diese Meinung teilen, glauben, dass sie zu diesem Zweck gezwungen sein werden, auf die eigenen Ersparnisse zurückzugreifen oder die Hausbank um einen Kredit zu bitten.

ANSA/Franco Cautillo

Dieser Umstand betrifft vor allem ärmere Familien sowie Frauen und junge Leute. Zudem wird ein Teil des Mittelstands von Abstiegsängsten geplagt. 17 Prozent der Italiener – bei ihnen handelt es sich in der Mehrheit um Männer des oberen Mittelstandes – rechnen hingegen im nächsten Jahr mit einer Besserung der eigenen wirtschaftlichen Lage. In Zahlen gegossen, kehren das italienische Bruttoinlandsprodukt pro Kopf zu in der Mitte der Neunzigerjahre gemessenen Werten und die Ausgaben für Reisen sogar auf das Niveau des Jahres 1975 zurück.

Auf der anderen Seite schreitet die Digitalisierung der Bildungs- und Arbeitswelt mit Riesenschritten voran. Gegenüber dem Vorjahr wurde beim Smartworking eine Zunahme von sage und schreibe 770 Prozent registriert. Auch Onlinesupermärkte und der gesamte elektronische Handel dürfen sich über massive Zuwachsraten freuen.

ANSA

Die Corona-Krise lähmt das Land. 84 Prozent der Interviewten gibt bei der Umfrage an, wichtige Lebensentscheidungen wie Hochzeit, einen Umzug, Bau eines Hauses und Kauf einer Wohnung oder Gründung eines eigenen Unternehmens auf die nächsten Jahre zu verschieben. 36 Prozent der jungen Paare wollen für das nächste Jahr auf die Familienplanung verzichten, was zum Verlust von 30.000 Geburten führen und die jährliche Geburtenanzahl unter die psychologische Schwelle von 400.000 Lebendgeborenen drücken könnte.

ANSA/Paolo Salmoirago

Die wirtschaftlichen und finanziellen Probleme, die viele Italiener bedrücken, aber auch die Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus und der Unwillen, die Corona-Einschränkungen hinzunehmen, sorgen dafür, dass immer mehr Italiener die Öffentlichkeit meiden und sich in das Privatleben zurückziehen. Dies könnte man salopp formuliert auch als Aufleben einer „neuen Biedermeier-Epoche“ bezeichnen.

Im Rahmen der Umfrage gaben die Befragten an, im nächsten Jahr die Ausgaben für Restaurantbesuche und jene für verschiedene Freizeitaktivitäten um jeweils 41 und 44 Prozent zu senken. Die Italiener ziehen es vor, Freunde und Verwandte im eigenen Haus einzuladen oder sie in ihrer Wohnung zu besuchen.

ANSA/ANGELO CARCONI

Zu diesem Bild passt auch eine andere Trendumkehr. Während die Nachfrage nach Fertiggerichten stagniert – Minus 2,2 Prozent – zieht jene nach Grundnahrungsmitteln wie Mehl, Kartoffeln oder Zucker stark an. Im Supermarktbereich werden in dieser Sparte Zuwächse von 28,5 Prozent registriert. Die stark gestiegenen Verkäufe von Küchenrobotern und anderem Küchengerät zeigt zusammen der explodierenden Nachfrage nach Grundnahrungsmitteln, dass die Italiener wieder vermehrt die Liebe zum Kochen im eigenen Zuhause wiederfinden. In der Umfrage meinen 30 Prozent der Italiener, dass sie für die Zubereitung der Speisen mehr Zeit aufwenden werden. 16 Prozent sind aber auch der Ansicht, dass dies auch ein Mittel sei, eine Ansteckung zu vermeiden. 27 Prozent geben zudem an, vermehrt regionale und biologische Nahrungsmittel zu erwerben.

APA/APA (AFP)/VALERY HACHE

Umgekehrt hat die Flucht in die eigenen vier Wände viele Schattenseiten. Besonders Jugendliche und junge Leute sind gefährdet, immer mehr Zeit vor dem Computer zu verbringen und in der eigenen „digitalen Blase“ stecken zu bleiben. Anstatt auf Plätzen und in Lokalen gleichaltrige Freunde zu treffen, findet das soziale Leben bei immer mehr jüngeren Personen fast nur mehr in den sozialen Netzwerken statt. Ihr Anteil stieg im ersten Halbjahr um 250 Prozent, sodass Experten annehmen, dass heute rund eine Million italienische Jugendliche und junge Leute von diesem Phänomen, das in Japan unter dem Begriff Hikikomori bekannt ist, betroffen sind.

ANSA / MOURAD BALTI TOUATI

Die „digitale Blase“ führt auch dazu, dass sich immer Italiener nur mehr mit Gleichgesinnten austauschen und in der eigenen „Wahrheit“, die oftmals nur aus Halbwahrheiten und Fake News besteht, stecken bleiben. Laut der Umfrage gaben 30 Prozent der Italiener an, mehr Zeit im Internet und 19 Prozent, mehr Zeit in den sozialen Netzwerken zu verbringen.

Zum Erscheinungsbild dieses „selbstauferlegten Lockdowns“ passt auch die Häufung häuslicher Gewalt. Zwischen März und Juni gingen bei der für Frauen, die Opfer von Gewalt werden, eingerichteten Notrufnummer 119 Prozent mehr Anrufe und Hilfegesuche ein. Auch 36 Prozent der Beamten der italienischen Ordnungskräfte rechnen für die nächsten drei bis fünf Jahre mit einem gewalttätigeren Gesellschaftsklima.

Viele Beobachter zeigen sich von Ergebnissen der „Coop-Umfrage 2020 Wirtschaft, Verbrauch und Lebensstile der Italiener von heute und morgen“ erschrocken.

Kurz zusammengefasst zeichnet die Umfrage ein Italien, das mit immer mehr finanziellen und wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat, sich immer mehr in das eigene Familienleben zurückzieht und immer mehr Zeit im Netz verbringt. Angesichts dieses trüben Bildes meinen viele Experten, dass dies die Zersplitterung der Gesellschaft und die Entsolidarisierung zwischen den Italienern fördern werde.

Andere hingegen sind erfreut darüber, dass die Italiener wieder mehr vermehrt selbst kochen und lokale Produkte und Grundnahrungsmittel erwerben.

Von: ka

Kommentare

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30 Kommentare auf "Italien nach dem Lockdown: Pessimismus und „neuer Biedermeier“"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
One
One
Superredner
17 Tage 18 h

Den Zustand kann die Regierung in einer Minute beenden. Aber das will sie anscheinend nicht. Die Regierung will 60 Mio. Arbeitslose mit EU Hilfen ernähren, warum auch immer. Aber in der Geschichte Italiens gab es schon immer Narren an der Macht.

Neumi
Neumi
Kinig
17 Tage 17 h

Kannst du näher darauf eingehen? Die Erklärung solltest du in einer Minute geschrieben haben. Ich kann mir das nämlich nicht vorstellen.

nightrider
nightrider
Superredner
17 Tage 16 h

Fehlt nur noch der Speuch halt mal mein Bier das erledige ich gleich.

PuggaNagga
17 Tage 15 h

@one
Weist du überhaupt wovon du sprichst?
60 Mio. Arbeitslose? Italien hat 65 Mio Einwohner!
Rentner und Kinder gibt es auch noch!

M_Kofler
M_Kofler
Universalgelehrter
17 Tage 14 h

One
Wie neumi schon sagte, du sagst das Problem wäre in 1 Minute gelöst, sagst dann aber nicht, was KONKRET getan werden muss.
Erklär es uns doch im Detail, 1 Minute solltest auch du Zeit haben

nikname
nikname
Superredner
16 Tage 19 h

na dann sag Mal, bin gespannt wie das in einer Minute geht!

M_Kofler
M_Kofler
Universalgelehrter
16 Tage 17 h

Und natürlich kommt nix 🙂 eigentlich snd wir ja selbst schuld #dontfeedthetroll

monia
monia
Tratscher
17 Tage 18 h

Also ich merke keinen Unterschied! Bei uns sind die Cafès, Restaurants und Bars gut besucht – keiner schert sich um die Bestimmungen und genießt das Leben in vollen Zügen!

So soll es auch sein – wir Tiroler sind standhaft und lassen uns nicht verrückt machen von 1-2 Virologen!

Genießt den herrlichen Sommer und die Kraft der Sexualität! 😉

Blitz
Blitz
Universalgelehrter
17 Tage 16 h

Bin absolut deiner Meinung, geniesmer decht insern “Wimpernschlog”,onstott sichs Lebn, schwar mochn .

kaisernero
kaisernero
Superredner
17 Tage 9 h

“”” die Kraft der Sexualität”””…….der isch guat!! Sex isch es wichtigschte, leider konn man von selmigen keine stuiern zohlen und man konn en nit essn

Piefke-NRW
Piefke-NRW
Tratscher
17 Tage 8 h

@monia: Peace – Love and Rock’n’Roll! ✌️😊🌞

alpenfranz
alpenfranz
Superredner
17 Tage 7 h

😂”mir Tiroler”, ganz vergessen: wir sind ja besser als die anderen 😉weil alle anderen sind ja nix wert. mein Gott… daß es noch Leute gibt, die so denken im Jahr ab 2020

Savonarola
16 Tage 13 h

@kaisernero

aber ein paar Leute verdienen damit.

Waltraud
Waltraud
Universalgelehrter
15 Tage 16 h

monia
👍 Granatenmässig!

marher
marher
Universalgelehrter
17 Tage 18 h

Tatsache wird wohl sein dass die Reichen immer reicher werden und das normale Volk verarmt. Dem Normalbürger wird oft der letzte Cent aus der Tasche gezogen um andere Schichten gross zu füttern.

Piefke-NRW
Piefke-NRW
Tratscher
17 Tage 7 h

Richtig, doch nicht erst seit Corona so. Leider!

Nik1
Nik1
Superredner
17 Tage 18 h

Es ist kein Wunder keiner weiß was die nächsten Monate bringen.

Piefke-NRW
Piefke-NRW
Tratscher
17 Tage 7 h

Weiß man eigentlich auch ohne Corona nie, es sei denn man ist Nostradamus.

Nik1
Nik1
Superredner
17 Tage 7 h

@Piefke-NRW mag schon sein aber man hat ja gesehen wie schnell es zum Lockdown gekommen ist. Viel Arbeiter zuhause eingesperrt waren

Piefke-NRW
Piefke-NRW
Tratscher
16 Tage 17 h

Wird so nicht mehr kommen, denn neueste Studien geben den Schweden im nachhinein Recht. Wird nur in den Medien nicht so viel Reklame mit gemacht, denn man muss ja die Panik aufrecht erhalten.

Nik1
Nik1
Superredner
16 Tage 16 h

@Piefke-NRW Studie hin oder her. Wenn die Infektionszahlen wider in die Höhe schnellen. Und die Krankenhäuser an ihre Grenzen stoßen. Wird es einen neuen Lockdown geben! Ich habe meinen Glauben an die Studien etwas verloren.

Waltraud
Waltraud
Universalgelehrter
15 Tage 16 h

@Nik1
Die Krankenhäuser sind seit Corona noch nicht mal ansatzweise an ihre Grenzen gestoßen. Die Kliniken bei uns im Umkreis haben ganze Stationen wegen Corona freigehalten, während man wirkliche Notfälle nicht angenommen hat. Sowas nennt man unterlassene Hilfeleistung.

wellen
wellen
Universalgelehrter
17 Tage 18 h

Mah die Italiener sind bekannt dafür dass sie alle Krisen überstehen. Wenn jetzt noch der Steuerdruck nachlässt und Conte in der Geschwindigkeit wie die Morandibrücke weitermacht, wird nicht alles fehlen.

Storch24
Storch24
Universalgelehrter
17 Tage 17 h

Wenn das Geld Vorher gerade mal bis Ende des Monats gereicht hat, (mit 1 – 2 mal Pizza essen) Muß man jetzt wirklich überlegen was in den Einkaufs Korb kommt.
Verlierer ist immer der Normalverbraucher, Gewinner immer der Händler

Lorietta12345678
17 Tage 19 h

Ja, ja, diese Studien.

Savonarola
17 Tage 15 h

bella dolce vita ist nicht kostenlos, den reddito di cittadinanza oder di emergenza muss schlussendlich jemand erwirtschaften.
Und wenn Ferrari, Nibali oder die nazionale nicht gewinnen, dann herrscht Staatstrauer und alles ist eine Tragödie.

MarkusKoell
MarkusKoell
Tratscher
17 Tage 18 h

Alles wird gut ✌️

nuisnix
nuisnix
Universalgelehrter
17 Tage 16 h

Diese Studien sind das Papier nicht wert, auf die sie gedruckt werden!

Ich würde auch heute jammern und schwarz sehen, um morgen vielleicht einen Vorteil daraus zu schlagen… kennen wir sie doch die Stiefelbewohner…

Marco schwarz
Marco schwarz
Tratscher
17 Tage 13 h

Aber im August trotzdem alles schliessen. So schlecht kann es ihnen nicht gehen, sorry… Aber diese Probleme hatten sie schon vor Corona.. Nur jetzt ist es einfacher, dies Corona in die Schuhe zu schieben

Spiegel
Spiegel
Superredner
17 Tage 8 h

Biedermaierkult🤣👍

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