„Geheime Zeichensprache“: Schiedsrichterskandal erschüttert Italiens Fußball – VIDEO

„Stein, Papier, Schere – der Rocchi-Code zur Steuerung des VAR“

Dienstag, 28. April 2026 | 08:07 Uhr

Von: ka

Rom – Als ob die Nichtteilnahme an der Weltmeisterschaft, der Prostitutionsskandal, in den viele Spieler der Serie A verwickelt sind, und das schlechte Abschneiden der Vereine in den internationalen Wettbewerben nicht genügen würden, gerät der italienische Fußball wegen der Ermittlungen gegen Schiedsrichter erneut ins Chaos.

Der Schiedsrichterbeauftragte der Serie A und B, Gianluca Rocchi, wird von der Mailänder Staatsanwaltschaft der Beihilfe zum Sportbetrug im Zusammenhang mit einigen Vorfällen der Saison 2024/25 beschuldigt. In den letzten Stunden wurde ihm eine Vorladung zugestellt. Ihm wird vorgeworfen, Druck auf einige Schiedsrichter ausgeübt und Schiedsrichter ausgewählt zu haben, die Inter Mailand genehm waren. Aus den weiterführenden Ermittlungen geht hervor, dass der Fall möglicherweise auch andere Schiedsrichter und Spiele betrifft. Laut den Ermittlern stehen Inter Mailand und die Führungskräfte des Vereins jedoch nicht unter Verdacht.

ANSA/CLAUDIO GIOVANNINI/Gianluca Rocchi

Zudem wurde am Montag bekannt, dass sich Gianluca Rocchi – und möglicherweise weitere Beschuldigte – zur Beeinflussung von Schiedsrichterentscheidungen einer „geheimen Zeichensprache” bedient haben sollen, die an das einfache Spiel „Stein, Papier, Schere” erinnert. Für den italienischen Fußball könnte der Schiedsrichter- und VAR-Skandal schwere Konsequenzen haben. So wird kolportiert, dass die UEFA italienische Clubs von internationalen Wettbewerben ausschließen und Italien die Ausrichtung der EM 2032 entziehen könnte.

Das Erdbeben geht von Ermittlungen der Finanzpolizei aus und droht, die gesamte Führungsspitze des italienischen Fußballs zu erschüttern. Es ist der 23. Juli 2025, als der Mailänder Staatsanwalt Maurizio Ascione den Schiedsrichterassistenten Domenico Rocca als sachkundige Person vernimmt: Zwei Stunden Protokoll, die eine Anzeige aus dem Sportbereich zum Auslöser einer strafrechtlichen Untersuchung wegen Sportbetrugs werden lassen, in die heute der Spielbeauftragte Gianluca Rocchi und der VAR-Beauftragte Andrea Gervasoni verwickelt sind. VAR steht für Video-Assistent oder Videoschiedsrichter (englisch Video Assistant Referee, kurz VAR) und soll im Fußball auf Fehlentscheidungen des leitenden Schiedsrichters hinweisen. Den Anschuldigungen zufolge sollen die Verdächtigen ihre Tätigkeit in den VAR-Räumen in Lissone jedoch dazu missbraucht haben, Schiedsrichterentscheidungen – und damit Fußballspiele – in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Lega Serie A

Die bisherigen Ermittlungen beziehen sich auf die vergangene Saison. Im Fokus stehen dabei einige Spiele der Serie A – darunter Udinese gegen Parma und Bologna gegen Inter –, das Rückspiel des Halbfinales im Italienpokal zwischen Inter und Milan sowie das Spiel Salernitana gegen Modena in der Serie B. Die Ermittler wollen auch für Klarheit beim Spiel Inter gegen Verona aus der Saison 2023/24 sorgen. Insbesondere wollen sie den Vorfall aufklären, bei dem der Inter-Spieler Bastoni dem Veroneser Duda einen Ellbogenstoß versetzt hat. In der Folge fiel das Tor zum entscheidenden 2:1 für Inter Mailand.

Es gibt fünf gesicherte Verdächtige und weitere Personen, die bereits in die Akten einer Untersuchung aufgenommen wurden. Diese könnte sich zu einem neuen Fußballskandal entwickeln, der an den „Calciopoli“-Skandal vor zwei Jahrzehnten erinnert. Neben dem Schiedsrichterbeauftragten Gianluca Rocchi und dem VAR-Supervisor Andrea Gervasoni, die beide selbst ihre Ämter niedergelegt haben, sind dies der Assistent Daniele Paterna sowie die beiden weiteren VAR-Assistenten Rodolfo Di Vuolo und Luigi Nasca. Es besteht der Verdacht, dass weitere VAR-Assistenten unter Verdacht stehen. Ihre Identität sowie die der „Mitwirkenden“, die laut Anklage zu einigen „manipulierten“ Schiedsrichterernennungen beigetragen haben sollen, die Inter „gefallen“ hätten, bleiben vorerst ein Rätsel.

Laut dem ehemaligen Schiedsrichter Pasquale De Meo, der sich bereits vor geraumer Zeit an die Sportgerichtsbarkeit gewandt hat, um gegen das Verhalten von Gianluca Rocchi vorzugehen – das Verfahren wurde jedoch archiviert – sollen sich die Hauptbeschuldigten zur Manipulation der Entscheidungen auf dem Spielfeld einer „geheimen Zeichensprache“, einer Art „Rocchi-Code“, bedient haben.

„Es handelte sich um Gesten, die bei den vertraulichen Schiedsrichterbesprechungen festgelegt wurden, die jede Woche stattfanden. Eine davon war zum Beispiel ‚Stein, Papier, Schere‘“, wird der ehemalige Schiedsrichter von AGI Agenzia Italia zitiert. Laut De Meo war in der Branche allgemein bekannt, dass es einen „Code“ gab. Diesen nutzten der suspendierte Schiedsrichterbeauftragte Rocchi, der VAR-Supervisor Gervasoni und andere vom Fenster des VAR-Raums in Lissone aus, um mit den VAR-Beauftragten zu kommunizieren und deren als falsch erachtete Entscheidungen zu korrigieren. Doch wie funktionierte dieser Code? Laut dieser Rekonstruktion bedeutete eine erhobene Hand „nicht eingreifen“, eine geballte Faust hingegen „man muss eingreifen“. Im Grunde genommen wurde Rocchi so zum „Orchesterdirigenten“ des VAR-Raums, obwohl er dies als „externes“ Mitglied während der Spiele eigentlich nicht tun durfte.

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Neben den Entscheidungen im VAR-Raum, die derzeit von den Ermittlern überprüft werden, ist auch bekannt, dass die Polizei in den letzten Monaten die Spesenabrechnungen und Erstattungen von Schiedsrichtern und VAR-Mitarbeitern eingeholt hat, um Klarheit über die „Anwesenheiten” in Lissone zu erlangen. Wie die Turiner Tageszeitung La Stampa präzisiert, soll dies belegen, dass somit mehrere Eingriffe – und Spiele – geprüft werden.

Nach dem Rücktritt des Präsidenten des italienischen Fußballverbands, Gabriele Gravina, infolge der verpassten WM-Qualifikation Italiens und angesichts der Ermittlungen gegen das Schiedsrichtersystem hat Sportminister Andrea Abodi zu sofortigen Maßnahmen aufgerufen und den CONI um einen Bericht gebeten.

Die Ermittlungen stehen jedoch erst am Anfang und könnten sich schnell ausweiten und zu weiteren Eintragungen ins Ermittlungsregister führen. Für Italien kommt dieser Skandal zur Unzeit. Das Schiedsrichterchaos der letzten Tage hat den italienischen Fußball erschüttert und lässt beunruhigende Aussichten für die Zukunft der Serie A und darüber hinaus entstehen.

Laut dem Corriere della Sera soll der Präsident der Serie A, Ezio Simonelli, in den letzten Tagen mit dem UEFA-Präsidenten Aleksander Čeferin telefoniert und dabei „Drohungen” erhalten haben, die keineswegs harmlos waren. Die Botschaft von Čeferin lautete demnach sinngemäß, dass die Vergabe der EURO 2032 widerrufen und italienische Vereine von europäischen Wettbewerben ausgeschlossen würden, sollte der FIGC unter staatliche Zwangsverwaltung gestellt werden. Der italienische Fußball steckt tief in der Krise.

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