Von: ka
Mailand/Triest/Sarajevo – In einem der abscheulichsten Kriminalfälle, bei dem es um Italiener geht, die während des Bosnienkriegs von 1992 bis 1996 als „Wochenendscharfschützen“ von Triest aus nach Sarajevo reisten und hohe Summen dafür bezahlten, um auf Frauen und Kinder zu schießen, kommt Bewegung.
Bei einem der mindestens vier Verdächtigen – es handelt sich um einen heute 65-jährigen Mann aus der Gegend von Alessandria – wurden am Mittwoch von den Carabinieri ein „aussagekräftiges“ Foto und ein Schalldämpfer beschlagnahmt. Seine ehemalige Lebensgefährtin belastete ihn schwer. „Er hatte Albträume, weil er getötet hatte. Er erzählte mir von einem Schalldämpfer und einem Fotoausweis mit einer Liste der Toten.“

Im Rahmen der Ermittlungen zu den mutmaßlichen „Wochenendscharfschützen“ in Sarajevo in den 1990er Jahren wurde bei einem der vier Mordverdächtigen ein „aussagekräftiges” Foto beschlagnahmt, das ihn mit technischer Ausrüstung und einem Schalldämpfer zeigt.
Dies ist der auffällige Fund einer Durchsuchung, die am Mittwochmorgen von den Carabinieri der Sondereinheit ROS im Auftrag der Mailänder Staatsanwälte Alessandro Gobbis und Marcello Viola in der Wohnung des 65-jährigen Mannes aus der Gegend von Alessandria durchgeführt wurde. Die Durchsuchung stützte sich auf die Aussagen seiner Ex-Frau und seiner ehemaligen Lebensgefährtin. Der Mann hatte sich bei der vorangegangenen Vernehmung entschieden, zu allen Vorwürfen zu schweigen. In der Wohnung fanden die Beamten außerdem weiteres Material, das jedoch als nicht relevant eingestuft und daher nicht beschlagnahmt wurde: ein Teppichmesser mit einem Hakenkreuz, einen Ausweis und einen Pokal, die den Besuch eines Schießstandes belegen.
Ausschlaggebend für die Ermittlungen war vor allem die Aussage der ehemaligen Lebensgefährtin, die den Ermittlern ein „Geständnis“ zu Protokoll gab, das der Verdächtige ihr bereits vor Jahren gegenüber geäußert hatte. „Er erklärte mir, dass er von Albträumen geplagt werde, weil er in der Vergangenheit Menschen getötet habe. Er erzählte mir auch, dass er während des Krieges in den 90er Jahren nach Bosnien gegangen sei, um dort zu kämpfen“, erklärte die Frau laut den im Beschluss zitierten Passagen. Der Mann habe ihr außerdem erzählt, dass er „mit dem Flugzeug von Mailand aus“ zusammen mit anderen Personen abflog, die am Wochenende als Scharfschützen tätig waren, um auf Muslime zu schießen. Überdies habe er gesagt, dass er einen „Waffenschalldämpfer“ und eine Art Passierschein für Kriegsgebiete sorgfältig aufbewahrte. Auf einem Foto sei er in militärischer Pose mit einer Uniform zu sehen gewesen, „die nicht zu den üblichen gehörte“.
Auf der Rückseite befand sich laut dem Durchsuchungsbefehl, der Auszüge aus der Aussage der ehemaligen Lebensgefährtin wiedergibt, eine Inschrift in einer ihr nicht genau bekannten Fremdsprache, die eine Art Berechtigung für den Zugang zu Kriegsgebieten darstellte. Auf dem Foto waren Markierungen zu sehen, die den bei den Kämpfen getöteten Personen entsprachen. Es handelte sich um Kreise oder Striche, eine Art Zählung. Genau dieses Foto, das laut der ehemaligen Lebensgefährtin als Passierschein für den Zugang zu den Kriegsschauplätzen diente, soll heute beschlagnahmt worden sein, um es in den genauen historischen Kontext einzuordnen.
Die Rechtsanwältin des 65-Jährigen, Licia Sardo, weist hingegen diese Darstellung der Herkunft des Fotos zurück. „Bei dem beschlagnahmten Material handelt es sich nicht um ein Foto, sondern um einen Zeitungsausschnitt, und mein Mandant ist darauf nicht zu sehen“, betont sie gegenüber der Nachrichtenagentur ANSA.

Auf der Liste der Verdächtigen stehen neben dem 65-jährigen Gemeindemitarbeiter im Ruhestand aus der Gegend um Alessandria ein 80-jähriger ehemaliger Lkw-Fahrer aus dem Friaul, ein 64-jähriger Unternehmer aus der Brianza bei Mailand sowie ein weiterer Verdächtiger aus der Toskana. Die ersten drei wurden bereits in den vergangenen Monaten von der Staatsanwaltschaft vernommen und haben sich laut ANSA durch Schriftsätze oder spontane Aussagen verteidigt.
Allen vier wird vorsätzlicher Mord aus besonders verabscheuungswürdigen Motiven vorgeworfen. Sie sollen während der Belagerung der Stadt durch bosnische Serben wehrlose Zivilisten, darunter Frauen, ältere Menschen und Kinder, mit Präzisionsgewehren von den Hügeln rund um Sarajevo aus erschossen haben. Die Mailänder Untersuchung verläuft unterdessen auf internationaler Ebene: Für den 29. Juni ist ein Koordinierungstreffen zwischen den Ermittlern aus Italien, Belgien und Bosnien am Sitz von Eurojust in Den Haag geplant. Diese Länder arbeiten gemeinsam mit der Schweiz und Österreich an dem Fall.

In dem Durchsuchungsbefehl wird festgehalten, dass die Ermittlungen auf eine Anzeige des Schriftstellers Ezio Gavazzeni zurückgehen. Dieser wird von den Rechtsanwälten Guido Salvini und Nicola Brigida vertreten. Die Anzeige betraf sogenannte „Horror-Safaris“, bei denen Personen Geld an die „Milizen von Karadžić“ zahlten, um „zum Spaß“ zu schießen. Gavazzenni sammelte Zeugenaussagen über jene Scharfschützen, die aus Norditalien aufbrachen – meist „rechtsextreme Sympathisanten mit einer Leidenschaft für Waffen“. Sie versammelten sich in Mailand, um nach Triest und von dort aus in die bosnische Hauptstadt zu gelangen.
Der Anzeige war auch ein „kriminologisches Gutachten“ mit einem Profil des potenziellen „Wochenendscharfschützen“ beigefügt. Demnach sind es Menschen, die heute zwischen 60 und 80 Jahre alt sein könnten. Sie begeistern sich für die Jagd und Waffen und sind durch eine „primäre Psychopathie“ gekennzeichnet. Sie empfinden keine „Empathie, Reue oder Schuldgefühle“. Im Laufe der Jahre hätten sie eine „raffinierte Maske aus Charisma und überzeugender Redegewandtheit“ getragen. Außerdem bewahren sie ihre „Trophäen“, nämlich „farbige Patronenhülsen“, auf, um das „Vergnügen der absoluten Herrschaft über Leben und Tod“ noch einmal zu erleben – als letzte Verbindung zu „den vergangenen Morden“.

In dem Beschluss führt die Staatsanwaltschaft auch einige Aussagen an, die der mutmaßliche „Scharfschütze“ aus dem Piemont gegenüber einer Journalistin getätigt hatte. Demnach sei er auf den Balkan gereist, „weil ich Muslime verabscheue. Nachts habe ich immer noch Albträume.“ Dem 64-Jährigen, der bisher nicht vorbestraft ist, werden „zahlreiche Waffengeschäfte“, darunter „Präzisionsgewehre“, zur Last gelegt. Anschließend wird die Aussage seiner ehemaligen Lebensgefährtin zitiert: „Er erzählte mir, dass er während des Krieges in Jugoslawien damit angefangen habe, diese Wochenendausflüge zu unternehmen. Dann habe er damit aufgehört, um für längere Zeit dort zu bleiben.“
Die Ermittlungen der Mailänder Staatsanwälte schreiten voran. Es wäre ein später Erfolg, wenn drei Jahrzehnte nach diesen grausamen Verbrechen die Täter zur Verantwortung gezogen werden könnten. Die mutmaßlichen Täter werden nicht „nur” wegen mehrfachen Mordes, erschwert durch niederträchtige Motive und Grausamkeit, angeklagt. Unter Umständen müssen sie sich auch vor einem internationalen Gerichtshof wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verantworten.
Aufgrund der grausamen und verabscheuungswürdigen Bluttaten und Verbrechen, zu denen unbescholtene Bürger fähig gewesen sein sollen, sorgt der Fall der „Wochenendscharfschützen“ in Italien für viel Aufsehen.







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