Höhere Ansteckungsgefahr und geringere Impfstoffwirksamkeit wiegen schwer – VIDEO

Zwingen Corona-Varianten Italien erneut in den Lockdown?

Dienstag, 16. Februar 2021 | 07:16 Uhr

Rom – Die jüngsten schlechten Nachrichten von der „Corona-Front“ zerstören Italiens Hoffnungen, schrittweise Lockerungen zuzulassen.

Nachdem am Sonntag die geplante Öffnung vieler Skiregionen im letzten Moment gestoppt worden war, begann am Montag unter Virologen und Epidemiologen eine heftige Debatte, in der es um die Forderung eines italienweiten harten Lockdowns ging. Der Stimmungswandel wurde von den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Corona-Varianten verursacht.

APA/APA (AFP)/THOMAS KIENZLE

Über den italienischen Corona-Himmel ziehen dunkle Wolken auf. Das Oberste Gesundheitsinstitut ISS (Istituto Superiore di Sanità) schätzt, dass fast ein Fünftel – genau genommen 17,8 Prozent – der aktiven Fälle in Italien auf die englische Variante „B.1.1.7“ des Coronavirus zurückzuführen sind. Diese Zahlen fußen dem ISS zufolge auf 852 genommene Proben, die von 82 Laboren aus 16 italienischen Regionen und autonomen Provinzen stammen. Das ISS unterstreicht, dass die englische Variante kurz davor ist, das klassische, bisher bekannten Coronavirus zu verdrängen. In einigen Gebieten, so das ISS, erreiche die englische Variante bereits einen Anteil von 59 Prozent aller derzeit vorhandenen Corona-Fälle.

ANSA/ALESSANDRO DI MARCO

Mit diesen Zahlen ist Italien auf dem europäischen Festland – in England ist der Anteil noch höher – nicht allein. Während in Deutschland die Prävalenz der englischen SARS-CoV-2-Variante auf etwa 30 Prozent geschätzt wird, beträgt sie in Frankreich rund 20 bis 25 Prozent.

Hinzu kommen weitere schlechte Nachrichten. Laut einer internationalen Studie, die bisher vor allem auf Daten aus England basiert, ist die englische Variante „B.1.1.7“ nicht nur um rund 50 Prozent ansteckender als das bisher bekannte Virus, sondern weist auch eine um rund 20 Prozent höhere Mortalität auf. Da der Präsident des Obersten Gesundheitsinstituts ISS (Istituto Superiore di Sanità), Walter Ricciardi, prognostiziert, dass die englische Corona-Variante in den nächsten fünf bis sechs Wochen die vorherrschende SARS-CoV-2-Variante sein wird, schrillen bei den Virologen und Epidemiologen die Alarmglocken.

ANSA / LUIGI MISTRULLI / Walter Ricciardi

Die neuen Varianten beeinflussen auch die Wirksamkeit der Impfstoffe. Wie das angesehene deutsche Ärzteblatt berichtet, wurde die Mutation „E484K“, die für die schlechtere Impfstoffwirkung gegen die südafrikanische Variante „B.1.351″ verantwortlich gemacht wird, Ende Januar erstmals auch bei der britischen Variante „B.1.1.7″ nachgewiesen. Der Studie zufolge fällt gegen die südafrikanische Variante die Wirksamkeit des Impfstoffs von AstraZeneca auf unter 20 Prozent. Zudem sieht es so aus, als ob gegen die brasilianische Corona-Variante überhaupt keine Immunität erzeugt wird.

Mit Blick auf diese wissenschaftlichen Studien – so viele Experten – müssen viele Gegenmaßnahmen neu überdacht werden. Angesehene Virologen und Epidemiologen kommen zum Schluss, dass die bisherige italienische Strategie, relativ großzügige Lockerungen zuzulassen und einzelne Ausbrüche durch lokale „rote Zonen“ einzugrenzen, mit dem in erster Linie von den Corona-Varianten ausgehenden erneuten Anstieg des Infektionsgeschehens nicht mehr vereinbar ist.

Einzelne Stimmen wie der Präsident des Obersten Gesundheitsinstituts ISS, Walter Ricciardi, und der Präsident der angesehenen medizinischen Forschungsstiftung „Gimbe“, Nino Cartabellotta, fordern die Regierung dazu auf, eine härtere Gangart einzuschlagen und einen italienweiten Lockdown zu verhängen.

Twitter/Nino Cartabellotta

Andere angesehene Experten wie der Virologe Matteo Bassettti, der an der Universität von Genua das Fachgebiet der Infektiologie lehrt und die Abteilung für Infektionskrankheiten der Klinik „San Martino“ von Genua leitet, verweisen hingegen auf die noch beherrschbare Lage in den Krankenhäusern. Sie warnen davor, die negativen Folgen eines Lockdowns – Matteo Bassetti nannte den Lockdown im Frühjahr des vergangenen Jahres eine „barbarische Maßnahme“ – zu unterschätzen.

Facebook/Prof. Matteo Bassetti – Infettivologo

Beobachter gehen davon aus, dass die Rücknahme der Öffnung vieler italienischer Skigebiete die Verhängung schärferer Corona-Maßnahmen einläuten könnte. Angesichts der von den Corona-Varianten ausgehenden Gefahr könnte sich die Regierung Draghi dazu gezwungen sehen – so diese Stimmen – viele geplante Lockerungen zurückzunehmen und vielleicht sogar einen Lockdown, der jenem von Südtirol ähnelt, zu verhängen.

Von: ka