Österreichisch-iranischer Autor warnt vor Antisemitismus

Autor Gudarzi: “Kann nicht sagen, ob Iran demokratisch wird”

Mittwoch, 04. März 2026 | 10:08 Uhr

Von: apa

Der iranisch-österreichische Autor Amir Gudarzi, der zahlreiche Stücke geschrieben und im Jahr 2023 sein Romandebüt “Das Ende ist nah” vorgelegt hat, dessen Dramatisierung im Herbst von TEATA-Leiterin Sara Ostertag im Schauspielhaus Wien zur Uraufführung gebracht wurde, beantwortete der APA in einem schriftlichen Interview Fragen zum aktuellen US-israelischen Angriff auf sein Heimatland. Er entwirft mögliche Zukunftsszenarien und warnt vor einem Aufflammen des Antisemitismus.

APA: Wie haben Sie die letzten Tage seit dem Angriff auf den Iran erlebt?

Amir Gudarzi: Ich hatte den Angriff eigentlich schon länger erwartet, gleichzeitig kam er dann doch unerwartet am Vormittag – dieser Angriff, der nun oft als unrechtmäßig oder illegal bezeichnet wird. Ich bin der Meinung: Es war eine moralische Pflicht, gegen so ein mörderisches Regime militärisch vorzugehen. Gegen ein Regime, das seit über 47 Jahren die schwersten Menschenrechtsverletzungen begeht, samt regelmäßiger Massaker, und nie dafür Rechenschaft ablegen musste.

Regime besitzt zum Glück noch keine Atombombe

Nach der Überraschung wegen der Uhrzeit setzte wieder die Sucht ein, das Wieder-Am-Handy-Kleben, das sekündliche Webseiten-Aktualisieren, das Internet-Durchforsten. Versuche, Familie und Freunde zu erreichen und letztendlich wieder Schlaflosigkeit. Die Genugtuung, einen schlimmen Diktator tot zu wissen, ohne ihn vor einem Gericht gesehen zu haben, gleichzeitiges Bangen um die Menschen im Land und die Zukunft. Dann kurz die Erleichterung, dass dieses Regime zum Glück noch keine Atombombe besitzt und der Gedanke, was passiert wäre, würde das Regime diese nun in der jetzigen Situation einsetzen.

Zwischendurch erinnerte ich mich auch an die Zeit, als ich in Teheran studierte. Meine Universität lag in der Palästina-Straße, Ecke Revolutionsstraße. Die älteren Menschen weigerten sich, diese neuen Namen zu nutzen, die nach der Revolution aufgetaucht waren. Für die Taxifahrer oder die Geschäftsinhaber war es nach wie vor die Kach-Straße (“Schloss-Straße”) statt der Palästina-Straße und die Schahreza-Straße statt der Revolutionsstraße. Nach dem Sturz des Regimes werden wohl viele der Namen verschwinden und wieder neue auftauchen. Oder kehren wir zu den noch älteren Namen dieser Straßen zurück? Und werde nun ich einer der Menschen sein, die sich nur schwer an neue Namen gewöhnen können?

Trump und Netanyahu “nicht gerade die größten Demokraten der Welt”

APA: Wie bewerten Sie die Rolle und Vorgehensweise von Donald Trump und Benjamin Netanyahu?

Gudarzi: Diese zwei Personen sind nicht gerade als die größten Demokraten der Welt bekannt. Natürlich verfolgen sie im Moment ihre eigene Agenda und die Demokratisierung des Irans steht recht wahrscheinlich nicht weit oben auf ihrer Liste. Aber die Welt ist eben nicht dualistisch, bestehend aus Böse und Gut, wie es die zoroastrische Religion aus dem antiken Raum Iran behauptet.

Im Moment finde ich das Vorgehen in Bezug auf das Regime im Iran verständlich. Gleichzeitig kann man das durch den Angriff ausgelöste Leid unter den Zivilist:innen nicht ausblenden.

Leider gibt es sehr viele Antisemit:innen und Amerika-feindliche Menschen, die nun in ihrer dualistischen Welt das Böse in Amerika und Israel sehen und im Iran das Gute. Es gab bereits eine Solidaritäts-Demo mit dem Regime in Wien mit dem Titel: “Hands off Iran”. Wo waren diese Leute, als das Regime neulich zwischen 30.000 und 50.000 Menschen massakrierte? Manchmal wünsche ich mir, manche dieser Leute, die aus einem sicheren Europa das Regime unterstützen, weil sie es angeblich aus einer antiimperialistischen Haltung tun müssten, würden einige Zeit im Iran verbringen, um zu verstehen, wie es ist, unter einem faschistisch-islamistischen Regime zu leben, das die Menschenwürde unter seinen Fußsohlen zerdrückt.

Sorge vor Aufflammen des Antisemitismus

Zugleich ist es wichtig, die hegemoniale Macht der USA kritisch zu betrachten und zu reflektieren. Die Aussage von Rubio (Anm. Marco, US-Außenminister) darüber, dass Israel die USA in den Krieg führte, wird etwa sicherlich wieder für großräumigen Antisemitismus à la Protokolle der Weisen von Zion sorgen. Eine solche Aussage fällt auf den fruchtbaren Boden des Antisemitismus und zahlreicher Verschwörungstheorien, die online propagiert werden: Ein Kollege aus der Schweiz versuchte mich z.B. neulich zu überzeugen, dass hinter all den jüngsten Entwicklungen die Juden stecken würden, dass diese gerade im Nahen Osten Feuer legen würden, um ihr Projekt Großisrael zu verwirklichen – als ob die Mullahs und Islamisten gerade Opfer einer Intrige wären.

Manchmal würde es uns vielleicht trotzdem gut tun, uns mit unserem Antiamerikanismus zurückzuhalten. Natürlich wünsche ich mir auch eine andere Weltordnung auf Basis anderer Prinzipien. Realistisch gesehen frage ich mich jedoch: Was sind denn heute die Alternativen, wenn wir in die Welt schauen? Russland oder China?

Viele unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft

APA: Welche Perspektiven hat das iranische Volk aus Ihrer Sicht nun? Wie schätzen Sie die Entwicklung der kommenden Wochen und Monate ein?

Gudarzi: Es gibt Zersplitterung, darin wieder Zersplitterung und daher viele unterschiedliche Vorstellungen, wie es nun weitergehen kann und soll. Es gibt jedenfalls eine nicht unbeträchtliche Gruppe, die diesen Angriff begrüßt und auf eine Befreiung hofft, und natürlich trotzdem unter diesem Krieg leidet, weil gerade Bomben neben ihnen einschlagen. Es sind diese Menschen im Iran, die mit der Nachricht des Todes von Khamenei zuhause und auf den Straßen getanzt haben. Diese Menschen wissen: Es herrscht nun Krieg, gleichzeitig führt das Regime nach Innen seit über 47 Krieg gegen die eigene Bevölkerung. Die Krone der Katastrophe war das Massaker am Anfang des Jahres.

Es gibt auch eine Gruppe von Menschen, die gegen den Krieg ist, aber das Regime nicht unterstützt. Sie denken, dass die Bevölkerung selbst in der Lage wäre, das Regime zu stürzen, obwohl das in den letzten Jahrzehnten nicht gelungen ist.

“Dürfen Opportunismus der Menschen nicht unterschätzen”

Es gibt natürlich auch noch zahlreiche Regimeanhänger:innen, die derweil noch entschieden hinter dem Regime stehen. Allerdings dürfen wir den Opportunismus der Menschen nicht unterschätzen. Auch bei der letzten Revolution im Jahr 1979 wurden viele über Nacht religiöse Muslime, obwohl sie davor Kommunisten oder was auch immer waren.

Im Moment versucht das Regime aus Angst vor den Anschlägen ihren Sicherheitsapparat in zivile Infrastruktur einzugliedern und dort zu verstecken: Orte wie Krankenhäuser und Schulen werden durch die Revolutionsgarden verwendet, um die Bevölkerung als Schutzschild auszunützen. Wenn Zivilist:innen ums Leben kommen, erreicht das Regime zwei Ziele: Die Bestrafung der Menschen, die dieses Regime loswerden wollen und den Tod des Anführers bejubelten und gleichzeitig eine Möglichkeit, die Toten als Beweis für barbarische Taten der Angreifer vorzuführen.

“Ich habe grundsätzlich ein Problem mit Vaterfiguren”

APA: Reza Pahlavi brachte sich als Übergangsführer ins Spiel. Wie bewerten Sie diese Option?

Gudarzi: Ich habe grundsätzlich ein Problem mit Vaterfiguren, die immer wieder durch Neue ersetzt werden. Zumal ich auch nicht verstehe, wie nur ein dynastisches Prinzip, Menschen zu einer Position berechtigt. Aber das ist ein Problem, das nicht nur auf den Iran beschränkt ist.

Nun zum Iran: Ich finde persönlich nicht, dass Reza Pahlavi die richtige Person ist, weil er nicht alle Ethnien hinter sich hat, weil er nicht kritisch auf die Ära seines Vaters blicken kann, weil er zu unreif und zu lebensfremd ist. Aber wenn er tatsächlich in der Lage wäre, die wichtigen Gruppen zu vereinen, um diesem Mörderregime endlich ein Ende zu bereiten, warum denn nicht. Letztendlich sollten am Ende die Menschen im Iran bei einer demokratischen Wahl entscheiden, wer an die Macht kommen sollte.

APA: Wie schätzen Sie die Zukunft des Iran nach möglichen demokratischen Wahlen ein?

Ich bin zum Glück nur ein Künstler und kein Prophet. Ich kann nicht sagen, ob der Iran endlich demokratisch wird, was mein Wunsch wäre. Aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass in Zukunft Religion zum Glück nur noch eine private Rolle spielen wird, in dem neuen System, sei es demokratisch parlamentarisch oder eine demokratische Monarchie. Da das iranische Regime sehr viele Feindseligkeiten unter den verschiedenen Ethnien im Iran schürte, um nach dem Prinzip “Teile und herrsche” zu regieren, ist mir auch etwas mulmig zumute bei dem Gedanken an die Zukunft Irans. Zumal auch die Geheimdienste der Nachbarländer ihre Agenda haben, ethnische Konflikte eine große Rolle diesbezüglich spielen, und es sicherlich auch im Interesse einiger dieser Länder ist, den Iran zukünftig schwach zu halten. Ein demokratischer Iran würde in der Region eine große Gefahr für die autoritären und religiösen Machthaber sein.

(Die Fragen stellte Sonja Harter/APA per E-Mail)

ZUR PERSON: Amir Gudarzi wurde 1986 in Teheran geboren. 2009 emigrierte er nach Österreich, seit 2017 besitzt er die österreichische Staatsbürgerschaft. Er verfasste zahlreiche Theaterstücke (u.a. “Am Anfang war die Waffe”, “Als die Götter Menschen waren”) und veröffentlichte 2023 sein Romandebüt “Das Ende ist nah”. Er erhielt zahlreiche Preise und Stipendien, darunter den Kleist-Förderpreis (2022) und den “Hermann-Hesse-Förderpreis”.

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