Lange Wartezeiten, Personalmangel und fehlende Zweisprachigkeit 

„Ist unser Gesundheitswesen krank?“ – Diskussion in Schlanders

Montag, 20. Januar 2020 | 10:21 Uhr

Schlanders – Am 17. Jänner fand im Kulturhaus Schlanders eine Podiumsdiskussion zum Gesundheitswesen statt. Kritisiert wurden dabei vor allem die mangelnde Zweisprachigkeit des Personals, die fehlende Gesetzgebungskompetenz Südtirols und die Abwanderung der heimischen Ärzte und Pfleger ins benachbarte Ausland.

Am Podium diskutieren Landtagspräsident Josef Noggler (Südtiroler Volkspartei), der Landtagsabgeordneter Franz Ploner (Team K), der Landtagsabgeordneter Hanspeter Staffler (Grüne), der Landtagsabgeordneter Sven Knoll (Süd-Tiroler Freiheit), der Landtagsabgeordneter Andreas Leiter Reber (Freiheitliche) und Landeskommandant Jürgen Wirth Anderlan (Südtiroler Schützenbund). Der Abend wurde moderiert von Thomas Sinha.

Die Podiumsdiskussion stand unter dem Motto „Ist unser Gesundheitswesen krank?“. Schnell war man sich am Podium einig, dass das Gesundheitswesen nicht krank sei, aber dass es zahlreiche Missstände gebe, die gelöst werden müssten. Vor allem die mangelnden Deutschkenntnisse von immer mehr Ärzten wurden beklagt. Gleich mehrmals wurde betont, dass die Medizin eine sprechende Kunst sei. Eine korrekte Diagnose und erfolgreiche Behandlung hänge zu etwa 80 Prozent von einer guten Kommunikation zwischen Arzt und Patient ab, meinte etwa Landtagsabgeordneter Franz Ploner (Team K), der selbst Arzt ist.

Beklagt wurde unter anderem auch, dass die internen Abläufe immer mehr nur in italienischer Sprache stattfinden würden. So sei es gang und gäbe, dass deutschsprachige Ärzte im Kontakt mit ihren Kollegen im Krankenhaus Bozen nur noch auf Italienisch kommunizieren würden. Auch die EDV, z.B. zur Materialbestellung, sei immer mehr rein italienischsprachig.

Der zunehmende Personalmangel in Südtirols Krankenhäusern wurde vor allem darauf zurückgeführt, dass heimische Ärzte und Pflegekräfte ins benachbarte Ausland abwandern bzw. nach dem Studium erst gar nicht mehr in die Heimat zurückkehren. Grund dafür seien bürokratische Hürden bei der Anerkennung der Studientitel, die fehlende Möglichkeit zur Facharztausbildung in Südtirol und die besseren Arbeitsbedingungen und das höhere Lohnniveau in Österreich, Deutschland und der Schweiz. Aber auch die zentralistische Ausrichtung der Südtiroler Krankenhäuser und die damit einhergehende Schwächung der Kleinkrankenhäuser wurden genannt.

Die langen Wartezeiten auf Facharztvisiten wurden auf organisatorische Mängel und vor allem auf den Personalmangel zurückgeführt. Selbst für einfachste Tätigkeiten wie etwa die Auffrischung einer Zeckenimpfung müssen man in Bozen ein halbes Jahr warten, berichtete etwa Moderator Thomas Sinha aus eigener Erfahrung, und dann sei die zuständige Ärztin nicht einmal in der Lage Deutsch zu sprechen.

Landtagspräsident Josef Noggler (SVP) berichtete, dass man auf einem guten Weg sei, die Probleme in den Griff zu bekommen. So werde das Problem der langen Wartzeiten bald der Vergangenheit angehören, weil für nicht wahrgenommene Vormerkungen jetzt Strafen gezahlt werden müssten. Auch seien die Primariate in der Peripherie ausgeschrieben worden, was zu einer Verbesserung der Versorgung vor Ort führen werde.

Der Landtagsabgeordnete Andreas Leiter Reber (F) forderte eine Stärkung und Förderung der Privatmedizin. Diese könne das öffentliche Gesundheitswesen unterstützen und entlasten. Dann könne sich jeder Patient einen Arzt in seiner Muttersprache aussuchen und von kurzen Wartezeiten profitieren. Voraussetzung sei hier aber, dass die Privatmedizin dank öffentlicher Kostenübernahme allen Bevölkerungsschichten zugänglich gemacht werde.

Der Landtagsabgeordnete Hanspeter Staffler (Grüne) war der Meinung, dass es zu viele Entscheidungsebenen im Gesundheitswesen gebe. Diese seien zu weit von den Patienten entfernt und würden Entscheidungen unnötig in die Länge ziehen und verkomplizieren. Beim Sprachproblem plädierte Staffler für den zeitweiligen Einsatz von Dolmetschern, um die Kommunikation Arzt-Patient zu unterstützen.

Der Landtagsabgeordnete Sven Knoll (STF) betonte, dass es selbstverständlich sein müsste, dass sich die deutschsprachige Mehrheitsbevölkerung in der Muttersprache mit dem Arzt verständigen kann. Die Südtiroler Autonomie beruhe nämlich auf dem Recht auf Gebrauch der Muttersprache. Wenn Südtirol sich sein Gesundheitswesen schon alleine finanziere, dann solle es auch alleine entscheiden können.

Landeskommandant Jürgen Wirth Anderlan (SSB) rief dazu auf, dass sich jeder selbst für sein Recht auf Muttersprache stark machen solle. Nur wenn jeder einzelne sein Recht einfordere, könne sich etwas ändern. Das Geheimnis des Erfolges habe drei Buchstaben, nämlich „tun“. Und genau das müsse auch passieren: tun statt nur reden. Zu den mangelnden Deutschkenntnissen der Ärzte meinte er, dass hier wohl vor allem der Wille fehle. Aus eigener Erfahrung wisse er, dass sich beispielsweise italienische Skilehrer aus dem Fleimstal innerhalb weniger Woche ausreichende Deutschkenntnisse aneignen konnten, weil es ihnen sonst im Skigebiet Obereggen ganz einfach an Kundschaft fehle.

Auch das Publikum hatte Gelegenheit mitzudiskutieren. Während ein Arzt aus dem Krankenhaus Schlanders die Meinung vertrat, dass alles halb so schlimm sei, wie es dargestellt werde, bemängelte eine freiberufliche Frauenärztin aus Meran, dass auch aus dem Krankenhaus Schlanders oft rein einsprachig italienische Befunde an deutschsprachige Patientinnen ausgegeben würden. Thema beim Publikum waren aber auch die fehlenden deutschen Beipackzettel bei Medikamenten. In anderen Ländern wie der Schweiz seien diese eine Selbstverständlichkeit und in Südtirol scheinbar ein Ding der Unmöglichkeit.

Es zeigte sich, dass man sich der Probleme im Gesundheitswesen durchaus bewusst ist, die notwendigen Lösungen aber vielfach an der fehlenden Gesetzgebungskompetenz im Land scheitern. So sei eine automatische Anerkennung österreichischer Studientitel oder die Facharztausbildung nach österreichischem Modell nur mit Zustimmung Roms möglich.

Im Anschluss an die Podiumsdiskussion wurde an der Bar der Schützenkompanie Schlanders, die zusammen mit dem Südtiroler Schützenbund und dem Schützenbezirk Vinschgau den Diskussionsabend organisiert hatte, noch lange und lebhaft weiterdiskutiert. Das Thema Gesundheit scheint die Bevölkerung wirklich zu bewegen.

Von: mk

Bezirk: Vinschgau

Kommentare

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13 Kommentare auf "„Ist unser Gesundheitswesen krank?“ – Diskussion in Schlanders"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
Jiminy
Jiminy
Superredner
1 Monat 12 h

Eine Insider-Expertin hat uns ein mal eine kleine-grosse Wahrheit gesagt: die Situation kann nicht besser werden, denn die Bevölkerung wird immer älter! Das grosse Baby-boom der Nachkriegszeit ist seit Jahrzehnte chronisch krank und wird jetzt über 70 Jahre alt und immer älter. Auf der anderen Seite findet man immer weniger Ärzte und Hausärzte noch weniger. Also kann die Politik noch so alles schön reden und lächeln, die Fakten sind ganz andere!

toeeuni
toeeuni
Tratscher
1 Monat 9 h

medizin studieren wollen genug, nur brauchts 100er matura und arztpraktikum beim tata.

traktor
traktor
Universalgelehrter
1 Monat 11 h

ein riesiges problem sind die wartrzeiten…
wer nicht privat bezahlt stirbt wohl vor der behandlung…
also keinen cent mehr der mittelschicht für das kranje system aus der tasche ziehen, stattdessen wie in amerika ausschliesslich privat versichern!!!

Fahrenheit
Fahrenheit
Tratscher
1 Monat 9 h

Mich ärgert das blöde Gerede, von wegen die Patienten sterben wegen der langen Wartezeiten. Für dringende Termine gibt es keine Wartezeiten! Und dessen sollten wir uns alle bewusst sein. Wir haben angesichts der Umstände ein sehr gut funktionierendes Gesundheitssystem!

alles oder nichts
alles oder nichts
Grünschnabel
30 Tage 11 h

hast du eine ahnung wieviel eine privatversicherung wie zb. in Amerika kostet?? Leute wie du verstehen unser system nicht…

Jo73
Jo73
Tratscher
1 Monat 9 h

Südtirol ist bald vollends italienisch in jeder Hinsicht. Und viele Südtiroler finden das auch noch gut! Kopfschüttel.

Septimus
Septimus
Universalgelehrter
1 Monat 11 h

Nicht nur das Gesundheitssystem kränkelt…
auch das Geldsystem…all diese utopischen Phantasien,verichten unsere Zivilisation,aber ich hoffe, wir werden nicht eines Tages zurückblicken und sagen, dass das Ende damals seinen Anfang nahm…

falschauer
1 Monat 8 h

und ich würde zum gesundheits- und geldsystem, auch noch die wirtschaft hinzufügen, denn die globalisierungsfalle klappt zu….aber vor allem kränkelt die menschheit und das ist das größte problem!!!

Avalon
Avalon
Tratscher
1 Monat 6 h

@falschauer Genau ,wäre die Menschheit gesund ,ginge es auch dem Gesundheitssystem bestens.

vitus
vitus
Tratscher
1 Monat 10 h

Man muss nichts Neues erfinden, es genügt bei denen abzuschauen, wo es funktioniert!

Rabe
Rabe
Tratscher
1 Monat 10 h

Net lei kronk sondern scheintot

So ist das
So ist das
Universalgelehrter
1 Monat 13 h

Nein, wie kommt man darauf 😂😂😂

Sag mal
Sag mal
Kinig
1 Monat 9 h

antwort :ja

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