Von: APA/dpa
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erwartet nach den jüngsten Angriffen Kiews auf russische Ziele einen Vergeltungsschlag Moskaus mit der besonders gefürchteten neuen Oreschnik-Mittelstreckenrakete. “Unsere Nachrichtendienste haben Berichte über eingegangene Daten erhalten, einschließlich von amerikanischen und europäischen Partnern, wonach Russland einen Schlag mit der Oreschnik-Rakete vorbereitet”, teilte Selenskyj in den sozialen Netzwerken mit.
Die Hauptstadt Kiew ist demnach auch in Gefahr. Russland hat die ballistische Rakete mit besonders großer Zerstörungskraft bereits zweimal in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine eingesetzt – einmal in der Großstadt Dnipro im Südosten des Landes ohne Sprengköpfe und zuletzt im Jänner in der Westukraine.
Selenskyj warnte vor einem möglichen kombinierten russischen Angriff mit verschiedenen Waffentypen. “Es ist wichtig, ab heute Abend verantwortungsvoll auf Luftalarme zu reagieren”, appellierte er an seine Landsleute. “Der russische Wahnsinn kennt wirklich keine Grenzen, schützen Sie daher Ihr Leben – nutzen Sie Schutzbunker.”
Selenskyj ruft Weltgemeinschaft zu Reaktion auf
Zugleich rief Selenskyj die Weltgemeinschaft zu einer “präventiven Reaktion” auf. Was genau er damit meint, sagte Selenskyj nicht. Es dürfe aber nicht erst im Nachhinein reagiert werden, führte er aus. “Druck muss auf Moskau ausgeübt werden, damit es den Krieg nicht ausweitet”, sagte Selenskyj. Die Ukraine werde ihre Luftverteidigung soweit wie möglich vorbereiten und reagieren.
“Dieser Krieg muss beendet werden – wir brauchen Frieden, keine Raketen, die die kranken Ambitionen eines Einzelnen befriedigen”, sagte Selenskyj mit Blick auf Kremlchef Wladimir Putin, der seit mehr als vier Jahren einen Angriffskrieg gegen das Land führt.
Die auch in Belarus von Moskau stationierte Oreschnik-Rakete (auf Deutsch: Haselstrauch) kann sowohl konventionelle als auch atomare Sprengköpfe tragen. Ihre extrem hohe Geschwindigkeit von bis zu 12.000 Kilometer pro Stunde und ihre Reichweite von bis zu 5.000 Kilometer machen sie zu einer potenziellen Gefahr für den gesamten europäischen Kontinent.
Reaktion auf tödlichen Schlag gegen Wohnheim angedroht
Putin hatte sein Verteidigungsministerium aufgefordert, eine Reaktion auf den ukrainischen Angriff auf ein Wohnheim in der Stadt Starobilsk im russisch besetzten Gebiet Luhansk vorzubereiten. Dabei starben nach russischen Angaben mindestens 21 Studentinnen und Studenten eines pädagogischen Instituts. Außerdem gab es nach Angaben der russischen Behörden 42 Verletzte.
Die Behörden setzten für Sonntag und Montag Trauer an. Die Opfer waren nach offiziellen Angaben zwischen 14 und 18 Jahren alt. Kremlchef Wladimir Putin hatte dem ukrainischen Militär einen “Terrorakt” vorgeworfen. Seinen Krieg gegen die Ukraine hatte er selbst 2022 begonnen und danach unter anderem das Gebiet Luhansk annektiert, das Kiew nun von Moskaus Besatzung befreien will.
Der ukrainische Generalstab warf Russland nach den Vorwürfen Putins Desinformation vor. In Starobilsk habe eine auf Drohnenangriffe gegen die Ukraine spezialisierte russische Militäreinheit operiert. Sie sei Ziel der Attacke gewesen.
Angriff auch Thema bei Vereinten Nationen
Putin hatte behauptet, es habe dort kein militärisches Ziel gegeben. Er kündigte auch eine Antwort auf den ukrainischen Schlag an. Auf Antrag Russlands befassten sich außerdem die Vereinten Nationen mit dem Angriff.
UN-Generalsekretär António Guterres kritisierte die Attacke. “Jeden Angriff auf Zivilisten und zivile Infrastruktur verurteilen wir scharf, egal wo sie geschehen”, sagte ein Sprecher von Guterres in New York. Der UNO-Generalsekretär habe immer wieder betont, dass solche Angriffe völkerrechtswidrig seien und sofort aufhören müssten.
Beide Kriegsparteien behaupten stets, nur militärische Ziele anzugreifen. Trotzdem kommt es auf beiden Seiten immer wieder zu Toten und Verletzten unter Zivilisten sowie zur Zerstörung ziviler Infrastruktur. Die Verluste durch die russischen Angriffe in der Ukraine sind dabei um ein Vielfaches höher. Gleichwohl gibt es inzwischen mit Fortschreiten der ukrainischen Drohnentechnologie und vermehrten Angriffen Kiews auf Ziele in Russland auch mehr Opfer in der Zivilbevölkerung des Landes, das den Krieg vor mehr als vier Jahren begonnen hatte.




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