"13.000 Besucher nahmen am Gedenken teil"

Warnung vor Mitläufertum bei KZ-Gedenken in Mauthausen

Sonntag, 10. Mai 2026 | 15:19 Uhr

Von: apa

13.000 Besucher aus aller Welt haben am Sonntag an der internationalen Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen teilgenommen, die heuer Täter und Mitläufer in den Fokus stellte. Diese seien “aus der Mitte der Gesellschaft” gekommen und “ein Großteil wurde nie verurteilt”, so Willy Mernyi, Vorsitzender des Mauthausen Komitees (MKÖ). Auch der Linzer Diözesanbischof Manfred Scheuer warnte vor “gewöhnlichen Menschen” ohne Unrechtsbewusstsein.

Neben dem KZ-Überlebenden Piotr Kawa sowie den Zeitzeuginnen Lucy Waldenstein und Katja Sturm-Schnabl waren Delegationen zahlreicher Opfergruppen und -nationen zu Gast und legten Kränze auf dem ehemaligen Appellplatz nieder. Das offizielle Österreich war durch Vizekanzler Andreas Babler (SPÖ), Innenminister Gerhard Karner (ÖVP), weitere Ministerinnen und Minister sowie Oberösterreichs Landeshauptmann Thomas Stelzer (ÖVP) vertreten.

Mitläufer hielten “Industrie des Massenmords” in Betrieb

Die Feierlichkeiten zum 81. Jahrestag widmeten sich dem Schwerpunkt “Täter und Täterinnen im Nationalsozialismus”. Damit wolle man den Blick auf jene richten, die durch “Mitwirkung oder Wegsehen zur Umsetzung und Aufrechterhaltung des NS-Terrors beitrugen”, so das MKÖ, das gemeinsam mit dem Comité International de Mauthausen und der Österreichischen Lagergemeinschaft zur Befreiungsfeier lud. “Das große Böse fällt nicht vom Himmel. Es schleicht sich in unsere Herzen, es schleicht sich in unsere Köpfe in Form von Rassismus, Rechtsextremismus, Sexismus, Antisemitismus, in der Abwertung von Menschen, von Armutsbetroffenen und von Geflüchteten”, warnte Mernyi. Die Täter “waren Nachbarn, Kolleginnen, Freunde, Menschen wie du und ich. Sie wussten, was sie taten, hier als Lagerpersonal, als Wachpersonal in der gesamten Verwaltung der Mordstätten. Sie denunzierten Angehörige, Kolleginnen und Freunde. Sie hielten die Industrie des Massenmords am Laufen.”

Der Präsident des internationalen Mauthausen-Komitees, Guy Dockendorf, zitierte – ebenso wie zuvor Bischof Scheuer im ökumenischen Gottesdienst in der Kapelle der KZ-Gedenkstätte – den italienischen Auschwitz-Überlebenden Primo Levi: Monster gebe es, aber gefährlicher seien “gewöhnliche Menschen, Funktionäre, die bereit sind, zu glauben und zu handeln, ohne Fragen zu stellen”, warnten beide vor Mitläufertum.

Nur vergleichsweise wenige Prozesse nach dem Krieg

Das Lager war am 5. Mai 1945 von der US-Armee befreit worden. Knapp 200.000 Menschen aus mehr als 40 Nationen hatten die Nazis im KZ Mauthausen und seinen über 40 Nebenlagern interniert, die Hälfte von ihnen überlebte die Mordmaschinerie nicht. Rund 70 Prozent der Todesfälle im KZ-Komplex waren die Folge der unmenschlichen Bedingungen – harte Arbeit, Hunger, fehlende medizinische Versorgung etc. 30 Prozent sind nach heutigem Wissensstand auf direkte Gewaltausübung von Erschießungen bis hin zu Vergasungen und medizinischen Versuchen zurückzuführen.

Für das “Funktionieren” des Lagerkomplexes sorgten neben den Kommandanten auch zehntausende Mittäter und Mitläufer – vom Wachpersonal bis hin zu den Funktionshäftlingen (Kapos), aber auch Verwaltungsangestellte oder all jene, die die Zwangsarbeiter beschäftigten. Man geht davon aus, dass 12.000 bis 15.000 SS-Angehörige im KZ-Komplex Mauthausen tätig waren. Aber nur 506 Personen – und davon waren 70 Kapos – landeten später vor Gericht, 498 wurden verurteilt, rechnet das MKÖ auf der Website der Befreiungsfeier vor. Kapos wurden teils strenger bestraft als SS-Angehörige, viele der Verurteilten wurden rasch wieder in die Gesellschaft integriert.

Warnung vor Propaganda

Die Forschung zeige, dass die Propaganda des NS-Regimes den Boden für die schrittweise Entmenschlichung der Opfer bereitet habe, rief Sabine Schatz, SPÖ-Sprecherin für Erinnerungskultur, dazu auf, “entschieden gegen jede Form von Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsextremismus aufzutreten”.

MKÖ und Polizei zählten am Sonntag 13.000 Besucherinnen und Besucher. Die Befreiungsfeier im nächsten Jahr findet am 16. Mai 2027 statt, kündigte Mernyi an.

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