Schaden in der Steinernen Stadt

“Was zerstört wurde, bleibt unwiederbringlich”

Freitag, 12. Juni 2026 | 16:07 Uhr

Von: mk

Sellajoch – Mit einer gemeinsamen Pressekonferenz direkt in der Steinernen Stadt am Sellajoch haben Umwelt- und Alpinverbände heute eine Bilanz zum Fall des geschädigten Naturdenkmals gezogen und eindringlich vor einer Verharmlosung der erfolgten Eingriffe gewarnt. Vertreterinnen und Vertreter von Heimatpflegeverband Südtirol, Dachverband für Natur- und Umweltschutz, AVS, CAI Alto Adige, CAI Bolzano, Mountain Wilderness und Nosc Cunfin machten vor Ort deutlich: Die von der Landesregierung bereits Anfang März angeordnete Wiederherstellung des betroffenen Bereichs sei ein wichtiger Erfolg, der entstandene Schaden bleibe jedoch teilweise unwiederbringlich.

Hintergrund der Auseinandersetzung sind umfangreiche Geländeveränderungen im Bereich der Steinernen Stadt im Zuge von Arbeiten an einer skiwegartigen Verbindung. Dabei wurden Felsblöcke entfernt, Gelände modelliert und geschützte Landschaftsstrukturen massiv verändert. „Als der Skiverbindungsweg durch die Steinerne Stadt eröffnet wurde, war er provisorisch und sollte wieder geschlossen werden. Stattdessen wurde er im Laufe der Jahrzehnte immer weiter verbreitert und eingeebnet. Im Jahr 2023 wurden Arbeiten ausgeführt, die nicht der landschaftsschutzrechtlichen Genehmigung entsprachen – weshalb die Provinz die Wiederherstellung des Geländes angeordnet hat. Genau deshalb sind wir heute hier”, erläuterte Gianluca Vignoli von Mountain Wilderness Italia die Vorgeschichte. Die Landesregierung hatte bereits vor über einem Monat die Wiederherstellung des betroffenen Bereichs angeordnet und einen Rekurs dagegen abgelehnt.

„Die Entscheidung der Landesregierung bestätigt klar, dass hier weit über die genehmigten Maßnahmen hinaus eingegriffen wurde”, erklärten die beteiligten Organisationen. Sichtbar gemacht wurde dies direkt vor Ort durch Dokumentationsmaterial, historische Fotos, Karten sowie eine symbolische Rekonstruktion eines entfernten Felsblocks im Maßstab 1:1. Auch die Dimension der Eingriffe entlang der Trasse wurde anhand der veränderten Geländestrukturen veranschaulicht.

Wiederherstellung ja – aber keine vollständige Reparatur möglich

Die Verbände begrüßten ausdrücklich, dass die Wiederherstellung des Naturdenkmals angeordnet und der Rekurs dagegen abgelehnt wurde. „Mit der Ablehnung der Aufsichtsbeschwerde der Piz de Sella AG hat die Landesregierung endlich einmal jene Verantwortung gezeigt, die sie für die Erhaltung unserer einzigartigen Naturlandschaft eigentlich trägt. Sie hat verstanden, dass derart fragile alpine Lebensräume, wie das Gebiet am Fuße des Langkofel, zu schützen sind! Leider zu spät, denn jeglicher Eingriff wäre von vornherein absolut zu verbieten gewesen. Ein wertvolles Naturdenkmal, wie eben die Steinerne Stadt, ist deshalb bereits teilweise unwiederbringlich zerstört worden”, so Elisabeth Ladinser, Vorsitzende des Dachverbands für Natur- und Umweltschutz.

„Ein beschädigtes Naturdenkmal lässt sich nicht einfach zurückbauen. Was zerstört wurde, bleibt zumindest teilweise verloren”, so die gemeinsame Botschaft der beteiligten Organisationen. Entscheidend sei nun, dass die angeordneten Maßnahmen fachgerecht, landschaftsverträglich und qualitativ überzeugend umgesetzt werden.

Die Verbände kündigten an, die Wiederherstellungsarbeiten weiterhin aufmerksam begleiten zu wollen. Es dürfe nicht bei einer formalen Erfüllung von Auflagen bleiben; notwendig sei eine tatsächliche und ernsthafte Renaturierung der betroffenen Flächen. Im Februar 2025 wurde bereits von einem professionellen Expertenteam ein Vorschlag zur Erweiterung des Naturdenkmals an das zuständige Amt für Natur eingereicht. „Es ist Auftrag und Verpflichtung der Landespolitik, effektiv, rasch und nachhaltig zu handeln, um das Naturdenkmal Steinerne Stadt mit seinen charakteristischen Dolomitblöcken sowie seiner sensiblen Flora und Fauna mit angemessenen Schutzmaßnahmen zu erhalten”, betonte Heidi Stuffer, Vorsitzende von Nosc Cunfin.

Fall mit Signalwirkung

Für die beteiligten Organisationen hat der Fall der Steinernen Stadt weit über das Sellajoch hinaus Bedeutung. „Wozu gibt es Naturdenkmäler, die per se ausgewiesene Schutzgebiete wären, wenn dann respektlose und zerstörerische Eingriffe erlaubt sind? Was nützen alle Gesetze und Vorschriften, wenn sie nicht kontrolliert und exekutiert werden?”, fragte Georg Simeoni, Präsident des Alpenvereinsvereins Südtirol, und richtete einen klaren Appell an die Verantwortlichen: „Das größte Kapital Südtirols sind unsere einmaligen Berge und die Natur. Das ständige Immer-mehr-Wachstum muss einem Immer-mehr-Bewahren und Schützen weichen.”

„Es wird Zeit, Tourismus, Natur und Berge mit anderen Augen zu betrachten – mit einem Blick, der nicht auf Zerstörung ausgerichtet ist, sondern auf eine Zukunft, die solidarisch und naturverträglich gestaltet wird”, mahnte Carlo Alberto Zanella, Präsident des CAI Alto Adige. Eingriffe in geschützte Natur- und Landschaftsräume dürften weder nachträglich legitimiert noch verharmlost werden.

„Was wir heute hier sehen, ist mehr als der Schauplatz eines Eingriffs in ein Naturdenkmal. Es ist ein Symptom – dafür, wie wir in Südtirol mit unserer Kulturlandschaft umgehen. Felsblöcke, Wiesen, eine zarte alpine Flora: gewachsen über Jahrtausende, unwiederbringlich verändert in nur wenigen Tagen”, so Valentine Kostner, Vorstandsmitglied des Heimatpflegeverbandes Südtirol. „Tourismus und Natur können nebeneinander bestehen – aber nur, wenn klare Grenzen respektiert und von der Politik mit Konsequenz durchgesetzt werden.”

Zum Abschluss der Pressekonferenz erneuerten die Verbände ihre Forderung nach einer Ausweitung der bestehenden Schutzzone rund um die Steinerne Stadt und nach der Einrichtung eines Naturparks Langkofelgruppe. Gerade der aktuelle Fall zeige, wie notwendig ein umfassender Schutz dieses einzigartigen Landschaftsraumes – rechtlich verbindlich, politisch gewollt und mit den nötigen Kontrollmechanismen hinterlegt – sei.

Bezirk: Salten/Schlern

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