"Joker" Martinez traf entscheidend

Argentinien nach fulminantem Comeback erneut im WM-Finale

Mittwoch, 15. Juli 2026 | 23:56 Uhr

Von: apa

Argentinien fehlt bei der Fußball-WM nach einem fulminanten Comeback nur noch ein Sieg auf die Titelverteidigung. Der amtierende Weltmeister setzte sich am Mittwoch in einem von Intensität geprägten Halbfinal-“Klassiker” gegen England 2:1 (0:0) durch. Die Three Lions gingen in Atlanta durch Anthony Gordon (55.) in Führung, Enzo Fernandez und Lautaro Martinez sorgten aber mit ihren Toren in der 85. und 92. Minute für eine Wende.

Im Endspiel am Sonntag in East Rutherford vor New Yorks Toren treffen Lionel Messi und Co. nun auf Europameister Spanien. Die Titelverteidigung bei Weltmeisterschaften hat zuletzt Brasilien 1958 und 1962 geschafft. “Ohne Worte”, war Argentiniens Coach Lionel Scaloni. “Es ist unbeschreiblich. Wir kämpfen für die Leute, kämpfen für das Trikot. Wir geben alles”, sagte er nach Schlusspfiff ergriffen. Für Harry Kane und seine Engländer geht das Turnier im Spiel um Platz drei am Samstag in Miami gegen Frankreich zu Ende. “Ich bin am Boden zerstört, weil wir so hart dafür gearbeitet haben, hier zu sein, und die Jungs alles gegeben haben an Kraft, Blut, Schweiß und Tränen. Dass wir es dann doch nicht geschafft haben, ist niederschmetternd”, meinte Kane zum verpassten Finaleinzug.

England gegen Argentinien – die Partie gilt spätestens seit Diego Maradonas “Hand Gottes” 1986 als Highlight mit politischer Brisanz. Argentiniens Vizepräsidentin Victoria Villarruel erinnerte vor der Partie einmal mehr an den Falkland-Krieg (1982). Gegen England gehe es immer um mehr, sagte sie. Villarruels Äußerungen standen im starken Kontrast zu denen von Scaloni, mehreren Spielern und auch Kriegsveteranen, die versucht hatten, die politische und historische Bedeutung des Spiels herunterzuspielen.

Brisanz flackert mit Anpfiff auf

In Atlanta wurde das sechste WM-Duell der beiden Fußball-Großmächte als Hochrisiko-Spiel eingestuft. Vor Anpfiff wurde die aufgeheizte Atmosphäre in der klimatisierten Arena greifbar: Die Hymnen beider Länder waren ob der Lautstärke von den Rängen kaum zu hören. Die zahlenmäßige Überzahl hatte das argentinische Lager. Englands Teamchef Thomas Tuchel hatte drei Änderungen an seiner Startelf vorgenommen. Der Deutsche bot mit Reece James und Djed Spence neue Außenverteidiger auf, Morgan Rogers lief am rechten Flügel ein. Beim Titelverteidiger war mit Giuliano Simeone nur ein Mann neu dabei. Die Südamerikaner versuchten es von Anpfiff an mit allen Mätzchen, bis zur ersten Rudelbildung dauerte es zwei Minuten.

Argentinien war in erster Linie mit Defensivaufgaben beschäftigt, auch Messi konnte den Ball kaum behaupten. Spielerischen Glanz gab es ob zahlreicher Fouls keinen zu bewundern. In der 38. Minute zischte ein Fernschuss von Fernandez in der gefährlichsten Aktion der ersten Halbzeit über die Latte. Auf englischer Seite hatte Kane zur Pause keinen einzigen Ballkontakt im gegnerischen Strafraum zu Buche stehen. Jude Bellingham war ebenfalls kein Faktor.

Argentinier nach Gegentor losgelöst

Der dreifache Weltmeister startete bei einer Chance von Julian Alvarez besser in die zweiten 45 Minuten. Jordan Pickford parierte den aufs kurze Eck angetragenen Schuss (47.). Den Torbann brach aber England. Nach einer Hereingabe von Rogers löste sich der künftige Barcelona-Profi Gordon hinter dem Rücken seines Gegenspielers und vollendete. Argentinien zeigte sich unbeeindruckt und wollte eine sofortige Antwort. Es war ein Weckruf. Spence klärte gegen Simeone per Tackling im eigenen Strafraum. Auch Messi legte nun einen Gang zu. Seine Flanke wuchtete der eingewechselte Nico Gonzelez per Kopf aufs Tor, Pickford parierte auf der Linie (69.).

Gordon ging vom Feld, England stellte auf eine Fünferabwehr um – und wankte wegen fehlender Entlastung. Alexis Mac Allister köpfelte an die Stange (76.), erneut Gonzalez kurz darauf knapp vorbei. Den Ausgleich erzwingen sollte nun auch Lautaro Martinez. Das 1:1 lag in der Luft und sollte fallen. Fernandez zog einmal mehr aus dem Rückraum ab, Pickford war geschlagen. Eine Verlängerung winkte. Doch Argentinien hatte noch nicht genug. Eine weitere Flanke sorgte für argentinische Ekstase im Stadion: Messi fand Martinez, der per Kopf leichtes Spiel hatte. Die “Albiceleste” hatte wieder unnachahmliche Comeback-Qualitäten gezeigt.

“Nach unserem Tor, ob es nun war, weil sie mehr Spieler nach vorne gebracht haben, oder weil wir nicht mehr Mann gegen Mann bestehen konnten, kam nur noch eine Welle nach der anderen”, sagte Kane. Tuchel gab an, dass seine Mannschaft zu passiv agiert habe. Über seine Wechsel meinte er: “Natürlich liegt die Verantwortung beim Trainer. Und wenn es nicht gut ausgeht, ist es leicht zu sagen, das war falsch.” England muss nach dem legendären Titelgewinn 1966 weiter auf die zweite Teilnahme in einem WM-Finale warten.

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