Tobias Kratzer nimmt Olga Neuwirth ins Visier

Kratzer: “Intendantenstelle aktiviert andere Hirnareale”

Montag, 02. Februar 2026 | 11:44 Uhr

Von: apa

Der Beginn der neuen Opernsaison an der Elbe stellte auch für Tobias Kratzer einen Neubeginn dar – hat der 46-Jährige doch inmitten seines kometenhaften Aufstiegs als Regisseur den Posten des Intendanten der Hamburgischen Staatsoper übernommen. Mit “Monster’s Paradise” des österreichischen Duos Olga Neuwirth/Elfriede Jelinek, das nach 23 Jahren erstmals wieder zusammenarbeitete, ist Kratzer gleich mit seiner ersten Uraufführung eine veritable Sensation gelungen.

Aus diesem Anlass sprach Tobias Kratzer mit der APA über Medaillen im Marathonlauf, die Aktivierung neuer Hirnareale, die offene Zusammenarbeit mit Olga Neuwirth und seine Tendenz, das Schiff wie Magellan zu beladen.

APA: Sie haben mit dem Wechsel von der reinen Regie in die Intendanz nun einen radikalen Karriereschritt gesetzt. Blüht der Zauber des Anfangs noch oder machen sich die Mühen der Ebene schon bemerkbar?

Tobias Kratzer: Da ich noch nicht einmal ein halbes Jahr im Amt bin, wäre es ja ziemlich traurig, wenn der Zauber jetzt schon ein Ende hätte. Natürlich geht die Kurzstrecke und der fulminante Startschuss jetzt in den Marathon über. Aber ich habe damals bei den Bundesjugendspielen sowohl im 100-Meter- als auch im 1.000-Meter-Lauf Medaillen gekriegt. (lacht)

APA: Was ist der Vorteil für Sie, inszenierender Intendant und nicht mehr “lediglich” Regisseur zu sein?

Kratzer: So eine Intendantenstelle aktiviert andere Hirnareale. Ansonsten ist man für eine Produktion immer nur sechs Wochen an einem Haus, während ich jetzt einfach über einen längeren Zeitraum hinweg gestalten kann.

APA: Dennoch haben Sie sich just in dem Moment für den Wechsel auf den Intendantenposten entschieden, als Ihre Regiekarriere so richtig durchgestartet ist. Das machen viele Kolleg:innen erst weit später …

Kratzer: Das war einerseits die Angebotslage, denn es wird auch nicht jedes Jahr eine Stelle an einem Haus von diesem Rang frei – zumal ich mich nicht beworben hatte, sondern die Findungskommission an mich herangetreten ist. Dann ist zeitgleich noch ein anderes, sehr großes deutsches Haus auf mich zugekommen, und ich dachte mir: Wann, wenn nicht jetzt?! Ich fand es immer gut, wenn regieführende Intendanten das auf der Höhe ihrer künstlerischen Möglichkeiten gemacht haben und nicht erst dann, wenn ihr Stern schon wieder zu sinken beginnt. Eine Intendanz ist ein wichtiges Amt, das man nicht aus der Defensive angehen sollte, sondern dann, wenn sich noch viele für die eigenen Regiearbeiten interessieren. Es wäre ja schlimm, wenn ich ein Haus nur übernähme, um mir selbst noch Regieaufträge geben zu können.

APA: Zugleich sind momentan eher die verwaltenden, nicht künstlerisch tätigen Intendanzen dominant …

Kratzer: Es stimmt, dass es unter den Mitgliedshäusern der deutschsprachigen Opernkonferenz nach den Abgängen von Barrie Kosky und Jossi Wieler zuletzt kein deutsches Haus mehr gab, das von einem Künstler oder einer Künstlerin geleitet wurde. Da dachte ich mir: Zumindest einer in dieser Monokultur schadet nicht. Die gesunde Mischung macht es. Auch innerhalb der Häuser ist so ein Wechsel zwischen kreativer und dann wieder eher organisatorischer Leitung klug. Schließlich gibt es verschiedene Approaches. Ich habe eher die Magellan-Tendenz und weiß, wohin ich mit diesem Schiff möchte, und nun versuche ich, es so zu bestücken und mit Karotten und Rum aufzuladen, dass man dieses Ziel erreicht. Oder man baut ein sehr schönes Schiff und überlegt dann erst mal, wohin es gehen soll.

APA: Jetzt haben Sie ja mit dem Repertoire schon einiges an Ladung an Bord. Wie gehen Sie damit um?

Kratzer: Ich versuche, hier in Hamburg einen neuen Ansatz zu erproben, wie man mit vorgefundenen Inszenierungen umgeht. Denn ältere Regiearbeiten haben als interpretierende Kunstform ihre eigene Geschichtlichkeit. Das ist wichtig. Es geht mir nicht darum, das vorhandene Kernrepertoire nach eigenem Geschmack möglichst schnell zu erneuern. Ich wähle sehr genau aus und sehe keinen Grund, theaterhistorisch bedeutende Aufführungen wie Peter Konwitschnys “Lohengrin” oder Ruth Berghaus “Tristan” zu ersetzen.

APA: Nun zur Aufstockung des Repertoires: Sie haben für Ihre erste Uraufführung am Haus Olga Neuwirth angesprochen. Weshalb?

Kratzer: Sie ist eine großartige Komponistin, und ich habe immer sehr bedauert, dass sie in den letzten 23 Jahren mit Elfriede Jelinek nicht mehr zusammengearbeitet hat, obwohl sie davor unbestreitbare Meisterwerke geschaffen haben, bevor die Frustration über den Opernbetrieb dann zu einer Pause geführt hat. Ich hatte einfach das Gefühl, die Zusammenarbeit der beiden ist noch nicht auserzählt. Und wenn ich jetzt schon mal in der Situation bin, einen solchen Auftrag vergeben zu können … Olga Neuwirth hat dann tatsächlich die Zusammenarbeit mit Elfriede Jelinek als Bedingung genannt.

APA: Sie haben dabei nicht nur den Auftrag vergeben, sondern inszenieren “Monster’s Paradise” auch. Fühlen Sie sich als Regisseur einer Uraufführung freier als bei einem Klassiker?

Kratzer: Es ist weder freier noch unfreier – es ist anders. Es gibt keine Rezeptionsgeschichte, aber dafür sehr klare Vorgaben und Visionen der Komponistin, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Also andere Herausforderungen, der gleiche Spaß!

APA: Olga Neuwirth gilt ja als Künstlerin, die sich immer aktiv in die szenische Umsetzung ihrer Werke einbringen möchte. Wie war die Zusammenarbeit?

Kratzer: Ich setze mir selbst für verschiedene Projekte verschiedene Spielregeln. In diesem Fall ging es mir darum, eine Regie zu schaffen, die in keinem Punkt der Vision von Olga Neuwirth widerspricht, die oft kein Glück mit den Uraufführungsinszenierungen ihrer Werke hatte. Das war ein sehr offener Prozess, bei dem wir in einem sehr engen Austausch gestanden haben. Und ich glaube, Olga ist mit dem grundsätzlichen Ergebnis happy. Ich muss mich nach mehr als 15 Jahren im Beruf als Regisseur nicht gegenüber dem Personalstil eines Komponisten oder einer Komponistin profilieren – und ich hätte ja auch nicht Olga Neuwirth gefragt, wenn ich ihre Ästhetik nicht spannend fände.

APA: “Monster’s Paradise” ist als dystopische Satire auf unsere Zeit angelegt. Hat das Werk das Potenzial, unsere Zeit zu überdauern?

Kratzer: Da mache ich keine Prophezeiungen. Bei welchem Stück hätte man das bei seiner Uraufführung sagen können? Manche Stücke bleiben sozusagen als Zeitdokument, das sich dann wieder in etwas anderes überhöht. Ob das in diesem Fall so sein wird, weiß ich nicht. Ich kann nicht mit den Augen der Nachwelt sehen, sondern muss in dem Moment, in dem das Stück erstmals auf die Bühne kommt, auf die Relevanz, Qualität und den Spaß achten.

APA: Welche Funktion erfüllt die selbstreferenzielle Positionierung von Alter Egos Jelineks und Neuwirths auf der Bühne?

Kratzer: Das ist ungeheuer spannend, wenn man den Werkkosmos der beiden kennt. “Monster’s Paradise” hat unverkennbar Züge eines selbstreflexiven Alterswerkes, in dem die beiden durch diese Figuren darüber reflektieren, was 50 Jahre feministischer Literatur, engagierter Musik und Kunst gebracht haben. Ist es zum Verzweifeln? Müsste man jetzt komplett die Waffen strecken? Oder gilt: Jetzt erst recht?

APA: Hat “Monster’s Paradise” für Sie etwas typisch Österreichisches?

Kratzer: Abgesehen von den musikalischen Zitaten, die von Johann Strauss bis zum Lied “Bergvagabunden” reichen, gibt es darin diesen bitterbösen, fast Karl Kraus’schen Blick auf die Welt. Das ist sehr stark in der österreichischen Literaturtradition verankert. Und dennoch muss ich sagen: “Monster’s Paradise” ist kein lokales oder nationales Stück, sondern Weltliteratur.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

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