Von: APA/AFP
Gefeiert, provokativ und von epischer Länge: Mit seinen Inszenierungen prägt Frank Castorf die deutschsprachige Theaterlandschaft wie kaum ein anderer. Vor allem in seinen 25 Jahren als Intendant der Berliner Volksbühne machte Castorf mit seinen avantgardistischen Stücken von sich reden. Am heutigen Freitag feiert der Regisseur seinen 75. Geburtstag.
Seine Adaptionen klassischer Texte von Autoren wie Dostojewski, Goethe oder Brecht verbindet Castorf mit Elementen der Popkultur, Videoinstallationen und körperlichen Höchstleistungen der Schauspieler. “Ich brülle bei den Proben, laut, leise, schnell, langsam, nehme die Schauspieler, reiße sie über die Bühne, schubse sie von links nach rechts “, sagte er im Jahr 2011 dem Magazin “Cicero”. Die Stücke sind kraftvoll, bildgewaltig, provokativ und oft sechs, sieben Stunden lang wie einst Goethes “Faust” an der Volksbühne. Das verlangt auch dem Publikum einiges ab.
Von der DDR in den Westen
Castorf wurde am 17. Juli 1951 als Sohn eines Eisenwarenhändlers in Ost-Berlin geboren. Nach dem Schulabschluss machte er in der DDR zunächst einen Facharbeiterabschluss, bevor er nach dem Armeedienst Theaterwissenschaften an der Berliner Humboldt-Universität studierte. Sein erstes Engagement als Dramaturg führte ihn ans Theater Senftenberg.
Nach einer Zwischenstation als Regisseur in Brandenburg an der Havel ging Castorf an das Provinztheater Anklam, wo er deutliche künstlerische Akzente setzte. Castorf geriet dabei auch zunehmend in Konflikt mit SED-Kulturverantwortlichen, 1985 wurde ihm aus politischen Gründen gekündigt.
Doch Anklam wurde zum Sprungbrett an führende Bühnen der DDR. So inszenierte er in den folgenden Jahren unter anderem an Stadttheatern in Halle und Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Noch vor dem Zusammenbruch der DDR 1989 festigte Castorf mit Arbeiten im Westen auch dort seinen Ruf als Theatererneuerer, der Kritiker polarisierte wie kein anderer.
Legendäre Jahre an der Volksbühne
Mit der Spielzeit 1992/1993 wurde Frank Castorf Intendant der Berliner Volksbühne und zog mit seinen experimentierfreudigen Inszenierungen ein junges Publikum an. Bereits nach seinem ersten Jahr kürten Kritiker das Haus zum Theater des Jahres. Castorf selbst wurde von der Zeitschrift “Theater heute” zweimal in Folge zum Regisseur des Jahres gewählt. Nebenbei arbeitete er als Gastregisseur an anderen Theatern und Opernhäusern, unter anderem in Basel, Hamburg, Wien, Zürich und bei den Salzburger Festspielen.
“Theater ist kein politischer Raum, sondern ein Raum der Freiheit”, sagte Castorf in dem “Cicero”-Interview. Von Politikern unterscheide er sich “durch meinen ausgeprägten, pöbelnden Zynismus”. In der Vergangenheit äußerte er sich gleichwohl auch politisch. So kritisierte er während der Pandemie 2020 die Coronamaßnahmen der Bundesregierung und bezeichnete 2024 in der “Berliner Zeitung” die AfD als “die Rache des Ostens”. Sympathie äußerte er in der Vergangenheit nicht nur mit dem kubanischen Revolutionär Fidel Castro, den Linken-Politiker Gregor Gysi zählt er zu seinen Freunden.
Neben dem Theater tat sich Castorf als Operetten- und Opernregisseur hervor. 2013 inszenierte er zum 200. Geburtstag Richard Wagners bei den Bayreuther Festspielen seinen umstrittenen wie gefeierten 16-stündigen “Der Ring des Nibelungen” – vom Premierenpublikum gab es damals minutenlange Buhrufe, von der Kritik Anerkennung.
Im Sommer 2017 endete Castorfs Intendanz an der Volksbühne – nach einem Vierteljahrhundert. Der Berliner Senat verlängerte seinen Vertrag nicht. Nach seinem unfreiwilligen Abgang blieb er aber ein gefragter und vielbeschäftigter Theaterregisseur und war zu Gast an den angesehensten deutschsprachigen Bühnen.
Zuletzt einige Inszenierungen in Österreich
Auch in Österreich waren in den vergangenen Jahren immer wieder Arbeiten von ihm zu sehen. So führte er 2024 Thomas Bernhards “Heldenplatz” als fünfstündige Neuinszenierung samt Verschränkung mit Texten von Thomas Wolfe am Burgtheater auf. Vor fünf Jahren setzte er an der Burg Elfriede Jelineks Stück “Lärm. Blindes sehen. Blinde sehen!” und im Akademietheater Peter Handkes “Zdeněk Adamec” in Szene, 2022 brachte er Irina Kastrinidis’ “Schwarzes Meer” am Landestheater NÖ in St. Pölten auf die Bühne. Und kommendes Jahr nimmt sich die Theaterlegende Heimito von Doderers “Strudlhofstiege” an. Premiere ist am 13. Mai 2027 im Burgtheater.
Castorfs Arbeit als Intendant und Regisseur wurde vielfach ausgezeichnet. Der siebenfache Vater erhielt unter anderem den Theaterpreis Berlin, den Nestroy-Preis als bedeutendsten österreichischen Theaterpreis, den Verdienstorden des Landes Berlin und den Deutschen Theaterpreis “Der Faust”.
Auf die Frage von “Cicero”, ob er einmal in Frieden sterben wolle, antwortete Castorf vor 15 Jahren: “Nö, ich will sterben, wie ich immer war – großmäulig, treibend, echt.” Er wolle auch nicht auf den Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, wo bedeutende und prominente Persönlichkeiten ihre letzte Ruhestätte fanden. Er wolle “irgendwo verscharrt werden”, sagte Castorf damals. Da sei er “vollkommen unsentimental”.




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