Von: Ivd
Bozen – Heute wird weltweit der Weltkrebstag begangen. Unter dem erweiterten Motto „Gemeinsam einzigartig: Prävention, Individualisierung, Hoffnung“ steht erneut der Mensch im Mittelpunkt – mit seiner persönlichen Geschichte, seinen Bedürfnissen und seinen Hoffnungen. Das Motto vereint drei zentrale Bereiche, die heute die moderne Krebsmedizin prägen: Vorbeugung, individuelle Behandlung und Zuversicht.
Maria Claudia Bertagnolli, Präsidentin der Südtiroler Krebshilfe, bringt es auf den Punkt: „Die moderne Krebsversorgung verfolgt zunehmend einen ganzheitlichen Ansatz, bei dem der Mensch im Mittelpunkt steht. Hinter jeder Diagnose steht eine einzigartige Geschichte – und genau diese Individualität wollen wir respektieren und stärken. Prävention, maßgeschneiderte Medizin und psychoonkologische Unterstützung sind entscheidend, um Betroffene und ihre Familien zu begleiten und zu entlasten.“
Prävention und die Bedeutung der Ernährung
Der Bereich Prävention spielt dabei eine besonders wichtige Rolle. Internationale Analysen des World Cancer Research Fund und der WHO zeigen, dass 30 bis 50 Prozent aller Krebserkrankungen auf Lebensstilfaktoren zurückzuführen sind und somit beeinflusst werden können – etwa durch Ernährung, Bewegung, Körpergewicht oder Alkoholkonsum. Prim. Dr. Michael Kob vom Dienst für Diätetik und klinische Ernährung am Krankenhaus Bozen fasst es prägnant zusammen: „Eine pflanzenbetonte Ernährung, tägliche Bewegung und ein gesundes Körpergewicht sind die wirksamsten Mittel, um das persönliche Krebsrisiko nachhaltig zu reduzieren.“
Er verweist darauf, dass Übergewicht und Adipositas heute als Risikofaktoren für mindestens dreizehn Tumorarten gelten. Bereits kleine Veränderungen im Alltag – weniger verarbeitetes und rotes Fleisch, mehr ballaststoffreiche Lebensmittel, ein bewusster Umgang mit Alkohol – können das Risiko deutlich senken. „Prävention ist unmittelbar wirksam und für jede und jeden zugänglich“, betont Kob.
Individualisierung als Schlüssel der künftigen Krebsmedizin
Parallel dazu entwickelt sich die individualisierte Krebsmedizin mit großer Dynamik weiter. Wie Dr. Gilbert Spizzo, Medizinischer Leiter des onkologischen Day Hospital am Krankenhaus Brixen, erläutert, befindet sich die Onkologie im Übergang zu einer Medizin, die genetische Profile, molekulare Tumormerkmale und individuelle Stoffwechselsignaturen nutzt, um Therapien präziser und verträglicher zu gestalten. „Die Onkologie bewegt sich weg von standardisierten Therapieschemata hin zu einer Medizin, die die biologische Einzigartigkeit jedes Menschen berücksichtigt“, erklärt er.
Dank Fortschritten in Genomik, Molekularpathologie und digitaler Medizin sind heute diagnostische Genauigkeit und therapeutische Strategien möglich, die vor wenigen Jahren noch undenkbar gewesen wären. „Die Zukunft liegt in der Verknüpfung biologischer Daten mit klinischer Erfahrung, damit wir Therapien entwickeln, die so individuell sind wie die Menschen, für die sie bestimmt sind“, so Spizzo.
Häufigkeit und Arten von Krebserkrankungen in Südtirol
Wie wichtig Prävention und individualisierte Medizin sind, zeigt ein Blick auf die epidemiologischen Entwicklungen in Südtirol, die Dr. Guido Mazzoleni, Volontär beim Tumorregister Südtirol und Präsident des Ärztebeirates der Südtiroler Krebshilfe, für den Zeitraum 2018–2024 analysiert hat. „Zwischen 2018 und 2022 wurden in Südtirol jedes Jahr im Durchschnitt 3.065 neue Krebsfälle registriert – eine Zahl, die uns wachrütteln sollte“, erklärt er.
Die Erkrankungen betreffen Männer (1.684 Fälle pro Jahr) häufiger als Frauen (1.381 Fälle pro Jahr). Bei Männern ist Prostatakrebs mit 25 Prozent der häufigste Tumor – deutlich über dem nationalen Durchschnitt von 19 Prozent. Es folgen Blasen‑ (elf Prozent), Darm‑ (zehn Prozent) und Lungenkrebs (neun Prozent). Bei Frauen steht Brustkrebs mit 29 Prozent an erster Stelle, gefolgt von Darmkrebs (elf Prozent) und Lungenkrebs (7,3 Prozent).
Auch die Mortalitätszahlen verdeutlichen die Bedeutung von Prävention und Früherkennung: Zwischen 2020 und 2024 starben jährlich durchschnittlich 1.189 Menschen in Südtirol an einer Tumorerkrankung – 637 Männer und 552 Frauen.
Besonders aufschlussreich sind die Screening-Programme, die eine entscheidende Rolle bei der frühzeitigen Diagnose spielen. Im Jahr 2024 nahmen 36,1 Prozent der Bevölkerung am Zervixkarzinom‑Screening teil, 59 Prozent nutzten die Mammographie, und lediglich 28,6 Prozent beteiligten sich am Screening auf Darmkrebs. „Diese Zahlen zeigen klar: Bevor wir über eine Ausweitung der Screening‑Altersgruppen sprechen, müssen wir die Zugänge vereinfachen und die Teilnahmebereitschaft erhöhen“, betont Mazzoleni. Effiziente Terminorganisation, einfache Abläufe und gezielte Information seien dafür entscheidende Voraussetzungen.
Die Südtiroler Krebshilfe setzt seit über vier Jahrzehnten alles daran, Betroffene und ihre Familien bestmöglich zu unterstützen – mit psychoonkologischer Begleitung, therapeutischen Maßnahmen, sozialen Hilfen und zahlreichen entlastenden Angeboten. Ihre Arbeit richtet sich stets nach einem Grundsatz: Die Krankheit zu behandeln, aber vor allem den Menschen zu sehen.
Zum Abschluss richtet Präsidentin Bertagnolli einen Appell an die Öffentlichkeit: „Bitte helfen Sie mit, die Botschaft von Prävention, Individualisierung und Hoffnung weiterzutragen. Nur gemeinsam können wir das Bewusstsein stärken und einen wirksamen Beitrag im Kampf gegen Krebs leisten.“




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