Grazing4AgroEcology erfolgreich abgeschlossen

Ein Projekt, das Europas Weiden verbindet

Donnerstag, 21. Mai 2026 | 18:11 Uhr

Von: mk

Pfatten – Was auf Europas Weiden wächst, ist mehr als Gras: Es ist Wissen, Erfahrung und Zukunft. Die Weidehaltung leistet insbesondere in Bergregionen einen wichtigen Beitrag zur Landschaftspflege und zur regionalen Wertschöpfung. Mit dem Abschluss des Horizon Europe-Projekts „Grazing4AgroEcology“ (G4AE) liegen nun 121 Innovationen und Praxisbeispiele aus acht europäischen Ländern für eine zukunftsfähige Weidehaltung vor – acht dieser Innovationen stammen aus Südtirol. Sie bieten eine Vision dafür, wie Landwirtschaft im Einklang mit Natur, Tierwohl und regionalen Gegebenheiten gestaltet werden kann.

Über vier Jahre hinweg hat „Grazing4AgroEcology“ Wissenschaft, Landwirtinnen und Landwirte, Beratungseinrichtungen und Verbände aus ganz Europa zusammengebracht. Gemeinsam ging man der Frage nach, wie Betriebe bei einer ökologisch vertretbaren, wirtschaftlich tragfähigen und tiergerechten Weidehaltung unterstützt werden können. Auf 121 Partnerbetrieben in acht Ländern wurden innovative Ansätze der Weidehaltung gesammelt, bewertet, diskutiert und weitergegeben. Daraus entstanden zahlreiche Praxisempfehlungen, Videos und Schulungsmaterialien, die Landwirtinnen und Landwirten sowie Beratungs- und Bildungseinrichtungen europaweit zur Verfügung stehen und die den gegenseitigen Austausch fördern.

Mit den Projektpartnern Versuchszentrum Laimburg und Bioland Südtirol flossen auch regionale Erfahrungen und Forschungsergebnisse in das europäische Gesamtbild ein. Allein in Italien wurden 15 solcher Best-Practice-Ansätze dokumentiert – davon acht in Südtirol und sieben in Sardinien. Sie verdeutlichen, wie vielfältig Weidehaltung sein kann und umfassen angepasste Weidestrategien, Lösungen für Tierwohl und Biodiversität sowie die Bewirtschaftung schwieriger Standorte wie Steillagen. Diese innovativen Beispiele sind auf der Projektwebsite (siehe: G4AE Best Practices) gebündelt und öffentlich zugänglich. Durch ein übersichtliches Filtersystem kann man dort gezielt nach Produktionssystem, Bodenbeschaffenheit, Niederschlagsintensität, Region und vielem mehr suchen und somit die Übertragbarkeit dieser Innovationen zum eigenen Kontext bewerten. Die Praxisbeispiele erzählen von Alltag und Entscheidungen auf verschiedenen Höfen, von angepassten Lösungen für schwierige Standorte und von einer Weidehaltung, die sich an Landschaft und Tieren orientiert. Sie zeigen reale Betriebe, konkrete Maßnahmen und nachvollziehbare Entscheidungsprozesse – ein zentrales Element für den erfolgreichen Wissenstransfer in die Praxis.

Ziegen und Kühe an alpinen Hängen – zwei konkrete Beispiele aus Südtirol

Zwei Praxisbeispiele aus Südtirol zeigen eindrucksvoll, wie standortangepasste Weidesysteme Tierwohl, Landschaftspflege und Wirtschaftlichkeit miteinander verbinden können.
Für die rund 50 Ziegen von Helena und Bertram Stecher am Ziegenhof Trumsberg im Vinschgau beginnt im Frühsommer ein genau abgestimmtes Weidejahr: im Frühling das erste frische Grün am Hof, im Juni der Auftrieb auf die Alm, im Herbst die Rückkehr auf strukturierte Koppelweiden. Sicher bewegen sich die Ziegen über steile Hänge und grasen sie ab. Ziel ist es dabei eine gleichmäßige Kurzrasenweide zu erhalten – ein fein austariertes Zusammenspiel aus Tierverhalten, Vegetation und Zeit. Die Beweidung durch die Ziegen leistet einen wertvollen Beitrag zur Offenhaltung sensibler Steillagen und zur nachhaltigen Nutzung alpiner Flächen. Ergänzt wird das System durch eine hofeigene Käseproduktion, die die regionale Wertschöpfung stärkt.
Am Ötzerhof im Sarntal zeichnet sich ein ähnliches Bild, jedoch mit anderen Akteuren: Helmut Premstaller beweist, dass auch Milchkühe auf steilem und kleinräumigem Gelände tiergerecht und pflanzenschonend gehalten werden können. Acht Kühe der lokalen Rinderrasse Tiroler Grauvieh werden gezielt stundenweise auf die Weide gelassen, in Koppeln geführt und – abhängig von Wetter und Pflanzenbestand – wieder in den Stall geholt. Es handelt sich dabei um eine sehr geländetaugliche und leichte Rasse, wodurch selbst kleine Flächen optimal genutzt und der Boden geschützt werden kann. Gleichzeitig ermöglicht er eine hohe Anpassungsfähigkeit im Betriebsalltag und eine wirtschaftlich tragfähige Milch- und Käseproduktion.
Ob Ziege oder Kuh, beide Betriebe zeigen, wie standortangepasste Beweidung nicht nur möglich, sondern zukunftsweisend ist. Die Videoporträts der beiden vorgestellten Betriebe und weitere Beispiele sind auf YouTube oder über das Online-Filtersystem der Projektwebsite zugänglich: (siehe Ötzerhof im Sarntal – Helmut Premstaller und Ziegenhof Trumsberg – Helena und Bertram Stecher)

Selbstbewertung zur eigenen Weiterentwicklung

Ein weiteres wichtiges Ergebnis des Projekts ist ein Selbstbewertungs Tool, welches vom Projektteam entwickelt wurde. Dieses Werkzeug hilft den Betrieben, ihre Weidehaltung in einer ganzheitlichen agrarökologischen Perspektive zu betrachten – von Tierwohl über Umweltwirkungen bis hin zur Organisation des Betriebs. „Durch dieses Tool kann ein Betrieb über die Zeit bewerten, welche agrarökologischen Aspekte sich verbessert oder verschlechtert haben und wo noch Entwicklungspotenzial liegt. Auf dieser Basis können dann Maßnahmen bewusst umgesetzt werden“, so Lisa Fracchetti, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arbeitsgruppe Grünlandwirtschaft am Versuchszentrum Laimburg. Auch dieses Instrument ist über die Projektwebsite in acht verschiedenen Sprachen abrufbar. Durch das Ausfüllen verschiedener Fragen zum Betrieb und seinen Managementpraktiken erhält man eine automatische Auswertung, welche die verschiedenen agrarökologischen Aspekte des Betriebs berücksichtigt.

Warum der Kontext den Unterschied macht

Ein zentraler Beitrag des Versuchszentrums Laimburg im Rahmen von „G4AE“ lag in der wissenschaftlichen Arbeit zur Kontextanalyse. „Die Kontextanalyse ist der Schlüssel dafür, Innovationen über verschiedene Regionen hinweg nutzbar zu machen. Sie zeigt, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit eine Innovation erfolgreich umgesetzt werden kann – von Bodenbeschaffenheit und Klima bis hin zur Betriebsstruktur. So wird verständlich, warum eine Innovation auf einem bestimmten Betrieb funktioniert und wie sie an andere Standorte angepasst werden kann“, erklärt Lisa Fracchetti.

Auch die Ergebnisse aller Kontextanalysen der verschiedenen Innovationen sind auf der offiziellen Projektwebsite einsehbar. Mit dem Abschluss von „Grazing4AgroEcology“ liegt nun ein umfangreicher Wissensschatz vor, der zeigt, wie Weidehaltung ökologisch sinnvoll, wirtschaftlich tragfähig und gesellschaftlich relevant gestaltet werden kann – auch über die Projektlaufzeit hinaus.

„Grazing4AgroEcology“ (G4AE) ist ein von der Europäischen Union im Rahmen von Horizon Europe gefördertes Projekt. Koordiniert wurde „G4AE“ durch das Grünlandzentrum Niedersachsen/Bremen. Die Projektergebnisse stehen dauerhaft online zur Verfügung: https://.grazing4agroecology.eu.

Bezirk: Überetsch/Unterland

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