Von: APA/Reuters
Der Grazer Anlagenbauer Andritz muss wegen der schwachen Nachfrage aus der Automobilindustrie im laufenden Jahr weiter restrukturieren. Dies gelte “insbesondere bei Schuler und in Deutschland”, sagte Konzernchef Joachim Schönbeck in einem Reuters-Interview zum 25-jährigen Börsenjubiläum des Konzerns. Bei der deutschen Tochter sollen heuer über rund 500 weitere Stellen abgebaut werden. Bereiche wie Werkzeugbau und Pilotproduktionen würden voraussichtlich eingestellt.
Bei Schuler im deutschen Göppinger, das die Autoindustrie mit Anlagen zur Metallumformung sowie für die Batterieproduktion beliefert, fielen in den vergangenen fünf Jahren mehr als 2.000 Stellen weg. Ziel sei eine Aufstellung, mit der das Unternehmen auch bei einem geringeren Marktvolumen sehr profitabel agieren könne. Zwar steige die Profitabilität, doch Schönbeck betonte: “Aber wir sind halt nicht dort, wo wir sein möchten”. Im Bereich Metals, zu dem Schuler gehört, soll die operative Rendite (Ebita-Marge) bis 2027 von 6,1 auf 7,0 Prozent steigen.
Hoffnung auf E-Mobilität
Für die Nachfrage zeigte sich der Manager vorsichtig optimistisch: “Wir haben durchaus die Hoffnung, dass sich gegen Ende dieses Jahres oder Anfang nächsten Jahres die Marktlage wieder etwas bessern wird und die Investitionsneigung etwas zunehmen wird.” Langfristig werde sich die Elektromobilität auch in Europa durchsetzen, sobald die Fahrzeuge günstiger würden und sich die Reichweitenproblematik löse. Statt staatlicher Kaufprämien forderte Schönbeck niedrige Strompreise, weniger Bürokratie und mehr Vertrauen in Marktkräfte.
Der österreichische Konzern mit rund 30.000 Beschäftigten in über 80 Ländern liefert Anlagen unter anderem für die Zellstoff-, Papier- und Metallindustrie, Wasserkraftwerke sowie den Umweltsektor. Dabei positioniert sich Andritz zunehmend als Ausrüster für den klimafreundlichen Umbau der Industrie. Für 2026 peilt das Unternehmen einen Umsatz von 8,0 bis 8,3 Mrd. Euro sowie eine Ebita-Marge von 8,7 bis 9,1 Prozent an.
Börsengang als Win-Win-Situation
Zum Börsenjubiläum zog Schönbeck eine positive Bilanz: Seit dem Börsengang habe sich der Umsatz verachtfacht und die Belegschaft versiebenfacht. Die Gesamtrendite für Aktionäre liege bei über 6.000 Prozent. Einen Wechsel an einen anderen, liquideren Börsenplatz schloss er aus: “Wir schätzen den Börsenplatz in Wien sehr und fühlen uns dort wohl.”
In Gesprächen mit den Tageszeitungen “Kurier” und “Presse” betonte Schönbeck, dass vom Börsengang alle – Kunden, Mitarbeiter, Aktionäre – “in gleichem Maß profitiert haben”, so der Manager. Sein Fazit: “Ich glaube, das zeigt, dass ein guter Börsengang für alle Beteiligten ein echtes Win-win ist. Wir bereuen nichts.”
Boom im Wasserkraftgeschäft
Rückenwind kommt derzeit aus dem Wasserkraftgeschäft, wo Andritz das stärkste Wachstum erwartet. Die Umstellung auf erneuerbare Energien und die Dekarbonisierung der Wirtschaft seien ein Trend, “bei dem der Weg zwar nicht immer gerade ist”, der aber unumkehrbar sei, so Schönbeck. Auch der steigende Strombedarf durch Rechenzentren sorge für zusätzliche Nachfrage, was in den kommenden Jahren anhalten dürfte. Hoffnungen setzt Andritz zudem auf neue Technologien wie grünen Wasserstoff, E-Fuels oder die CO2-Abscheidung.
Auch in der Zellstoff- und Papierindustrie rechnet der Konzern mit Wachstum. Druck von Investoren, sich aus diesem Bereich zurückzuziehen, spürt Andritz nicht. “Unsere gesamten Aktivitäten im Bereich Papier und Zellstoff sind ja zu einem ganz großen Teil im Kern sehr grüne Aktivitäten”. Holz sei klimaneutral, ersetze Kunststoffe und setze bei der Umwandlung in Zellstoff gewaltige Mengen grüner Energie frei. “Ich glaube, das grüne Potenzial dieser Industrie ist noch gar nicht richtig ausgeschöpft”, so der Manager.
Gefahr der Abschottung
Größtes Risiko sei eine Abschottung des Welthandels. “Der grassierende Protektionismus” stelle die größte Gefahr dar, sagte Schönbeck. Das Geschäftsmodell basiere auf dem Export von Gütern und Dienstleistungen: “Wir sind auf den freien Handel angewiesen.” Gegen geopolitische Risiken sieht sich Andritz vergleichsweise gut gewappnet. Die Lieferketten seien seit der Corona-Pandemie stärker lokalisiert worden, zudem machten Energiekosten weniger als ein Prozent der Gesamtkosten aus. Mit Blick auf die USA erklärte der Manager, das Geschäft laufe dort zwar gut, die Investitionen der Kunden blieben jedoch hinter den Erwartungen zurück. Ob dies an der Zollpolitik liege, sei unklar. Die durch US-Importzölle verursachten Mehrkosten würden die Kunden jedenfalls tragen.




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