Prägende Baumart in Südtirol

Kastanienanbau heute – zwischen Tradition und Innovation

Mittwoch, 25. Februar 2026 | 18:36 Uhr

Von: mk

Pfatten – Von der fachgerechten Lagerung über die Bekämpfung der wichtigsten Pflanzenkrankheiten bis zur Modernisierung der Ernte sowie zu Erfahrungen innovativer Betriebe: Das Versuchszentrum Laimburg hat am 25. Februar 2026 erstmals eine Kastanienfachtagung organisiert. Die Veranstaltung bot einen Überblick über einen sich wandelnden Sektor sowie über Praxisbeispiele, die weit über Südtirol hinausreichten. Über 120 Forschende, Vertretungen der Verbände sowie Praktikerinnen und Praktiker tauschten aktuelle Daten, praxistaugliche Lösungen und Zukunftsperspektiven aus, um die Widerstandsfähigkeit des lokalen Kastanienanbaus zu stärken.

Der Kastanienanbau befindet sich im Spannungsfeld zwischen Tradition, Innovation und neuen Herausforderungen. Die Kastanie (Castanea sativa) ist eine prägende Baumart in Südtirol. Kastanienbäume können mehrere hundert Jahre alt werden und sich an unterschiedliche Umweltbedingungen anpassen. Historisch wurde die Kastanie als „Brot der Armen” bezeichnet – heute rückt sie aufgrund ihres Nährwerts und ihrer Rolle für den Landschaftsschutz und die Artenvielfalt wieder stärker in den Vordergrund.

In Südtirol ist der Kastanienanbau eine landwirtschaftliche Nischenproduktion mit rund 400 Hektar produktiven Kastanienhainen. Diese liegen vor allem in Hügel- und Mittelgebirgslagen und werden überwiegend von kleinen Familienbetrieben bewirtschaftet.

„Der Kastanienanbau kann zur nachhaltigen Entwicklung Südtirols beitragen, indem er die Landschaft, die biologische Vielfalt und das Einkommen kleiner landwirtschaftlicher Betriebe stärkt und gleichzeitig ein wichtiges kulturelles Erbe der Region bewahrt. Angesichts der Auswirkungen des Klimawandels ist es von grundlegender Bedeutung, diesen Sektor durch angewandte Forschung, Beratung und gezielte Maßnahmen zur Innovation und Anpassung zu unterstützen“, betonte der Landesrat für Landwirtschaft, Luis Walcher.

„In heißen und trockenen Sommern sind Jungbäume besonders anfällig für Sonnenbrand, insbesondere an Ästen und Stämmen, während mildere Herbstmonate die Ausbreitung pathogener Pilze begünstigen, die für die Fäulnis der Früchte verantwortlich sind. Der Klimawandel erfordert daher neue Strategien im Kastanienanbau“, erklärte Giacomo Gatti, Forscher am Versuchszentrum Laimburg. Hinzukommt, dass pathogene Pilze zum Zeitpunkt der Ernte nicht sichtbar sind. „Im Jahr 2021 haben wir Proben von Kastanien gesammelt, die zunächst gesund wirkten. Nach nur fünf Tagen bei Raumtemperatur zeigten bereits 25 Prozent der Früchte Anzeichen von Pilzinfektionen. Dies bestätigt, wie leicht verderblich Kastanien sind“, so Gatti.

Gesunde Kastanien aus einem gesunden Wald

Vor dem Hintergrund des Klimawandels rückt die Prävention entlang der gesamten Produktionskette in den Mittelpunkt. In Agroforstsystemen besteht die erste Managementmaßnahme in einer sorgfältigen Bewirtschaftung der Kastanienbestände sowie der Säuberung des Unterholzes. Außerdem sollten an bestimmten Stellen des Kastanienwaldes Blätter und Kastanienigel aufgehäuft und der so gewonnene Kompost anschließend unter den Bäumen verteilt werden. Angesichts veränderter klimatischer Bedingungen ist es zudem notwendig, die Früchte täglich zu ernten, um zu verhindern, dass sie über längere Zeit in Bodenkontakt bleiben, wo Feuchtigkeit und hohe Temperaturen die Vermehrung von Pilzen begünstigen. Nach Ansicht der Forschenden ist ein Umdenken erforderlich: „Die Kastanie ist keine Trockenfrucht, sondern eine Frischfrucht. Wir empfehlen, die heruntergefallenen Kastanien täglich zu ernten und die Früchte unmittelbar bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt zu kühlen“, erklärte Gatti. Diese Kühlkette muss bis zum Verzehr aufrechterhalten werden. Das bedeutet, dass die Kastanien sowohl im Supermarkt als auch zu Hause im Kühlschrank gelagert werden sollten.

Die Forschungsaktivitäten rund um die Kastanie sind Teil des Forschungsprogramms „NURBS“ (Nuts&Herbs), das in Zusammenarbeit mit der Fondazione Edmund Mach durchgeführt und von den Autonomen Provinzen Bozen und Trient gefördert wird.

Vom Steilhang zum Kastanienhain: Anpassung als Erfolgsstrategie

Johann Laimer bewirtschaftet einen kleinen Landwirtschaftsbetrieb auf fast 600 m ü.d.M. in Burgstall in der Nähe von Meran. Bis vor 25 Jahren waren die steilen Hänge rund um den Hof mit Apfelbäumen bepflanzt. Unter den Kronen zweier großer, jahrhundertealter Kastanienbäume auf dem Hof reifte schließlich die Idee, die steilen Flächen in einen Kastanienhain umzuwandeln. Laimer begann, selbst junge Kastanienbäume zu vermehren. Heute umfasst der Landwirtschaftsbetrieb „Kösti“ rund einen Hektar produktiven Kastanienhain sowie eine Baumschule, die auf die Produktion hochwertiger Jungpflanzen spezialisiert ist.

Doch es bestehen weiterhin Herausforderungen: Der Mangel an Arbeitskräften hat die Ernte im Laufe der Jahre zunehmend erschwert und unsicherer gemacht. Durch den Austausch von Ideen und Erfahrungen, auch auf internationaler Ebene, hat Laimer eine praktikable Lösung gefunden: Er verwendet große Netze aus der Olivenernte, die unter den Kastanienbäumen ausgebreitet werden, bevor die Früchte zu fallen beginnen. Die Netze und das Gefälle sorgen dafür, dass die Kastanien bergab rollen und sich an zuvor errichteten Sammelstellen anhäufen. Anschließend werden sie mit einer speziellen Saugmaschine eingesammelt und die Früchte von den Kastanienigeln getrennt. Die Kastanienigel werden zerkleinert, um im Sinne der Kreislaufwirtschaft als organische Substanz wiederverwertet zu werden.

„Dank der Zusammenarbeit mit dem Versuchszentrum Laimburg konnten wir die Lagerung der Früchte weiter optimieren“, so Laimer. „Wir haben einen Kühlraum angeschafft, in dem wir die Kastanien bei niedrigen Temperaturen lagern können. So bleibt ihre Qualität bis zu zwei Monate lang unverändert.“

Alice Chiarani: Mit 20 Jahren Leiterin des Familienbetriebs

Im Rahmen der Kastanienfachtagung erzählte Alice Chiarani von ihrer unternehmerischen Erfahrung sowie von der Bewirtschaftung und Wiederbelebung eines Kastanienanbaugebiets im Trentino. Chiarani übernahm 2012 im Alter von 20 Jahren die Leitung des Familienbetriebs in Drena und trat damit die Nachfolge ihres Vaters an, der plötzlich verstorben war. Der Betrieb befand sich damals in einer schwierigen Phase: Der etwa fünf Hektar große Kastanienhain, der größtenteils aus jahrhundertealten Marone di Drena-Bäumen besteht, war durch die Ausbreitung der invasiven Gallwespe stark beeinträchtigt. Auf dem Betrieb von Chiarani führte die Gallwespe zu einem Produktionsrückgang von 5.000-6.000 kg auf etwa sechs 600 kg.

Im Laufe der Jahre hat Chiarani einen Weg des Aufschwungs und der Konsolidierung eingeschlagen. Die Gallwespe konnte dank der wissenschaftlichen Forschung der Fondazione Edmund Mach durch die Einführung eines natürlichen Gegenspielers wirksam eingedämmt werden. Heute liegen die Erträge des Kastanienhains wieder bei rund 5.000 kg. Parallel dazu hat Chiarani den Betrieb diversifiziert, indem sie Bio-Kastaniencreme herstellt und den Betrieb als „Agriturismo“ mit B&B-Angebot zertifizieren ließ.

„Forschung bleibt ein zentrales Element für die Zukunft des Kastanienanbaus. Der Klimawandel begünstigt die Entwicklung von pathogenen Pilzen und macht forschungsbasierte Lösungen notwendig – auch mit dem Beitrag von Einrichtungen wie der Fondazione Edmund Mach und dem Versuchszentrum Laimburg“, so Chiarani.

Bezirk: Überetsch/Unterland

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