Nicht jeder Wettschein geht auf

Rekordeinsätze bei Sportwetten durch Fußball-WM erwartet

Sonntag, 12. Juli 2026 | 07:00 Uhr

Von: apa

Während der Fußball-Weltmeisterschaft boomt auch das Geschäft mit den Sportwetten. Die WM 2026 dürfte dabei einen Rekord bei den Wetteinsätzen aufstellen, allein schon, weil die Zahl der Spiele so hoch ist wie nie zuvor. Der Finanzdienstleister Macquarie prognostiziert weltweit Einsätze über 50 Mrd. Dollar (43,9 Mrd. Euro). Das entspricht fast einer halben Milliarde Dollar pro Spiel und damit deutlich mehr als bei der WM 2022, als rund 35 Mrd. Dollar umgesetzt wurden.

Erstmals nehmen 48 Mannschaften an der Fußball-WM der Männer teil, wodurch sich die Zahl der Spiele auf 104 erhöht. Das schafft nicht nur mehr Wettmöglichkeiten, sondern dürfte auch ein größeres (Wett-)Publikum anziehen. Zu den erwarteten Rekord-Wetteinsätzen trägt zudem bei, dass das Turnier unter anderem in den USA ausgetragen wird. Seit der Supreme Court 2018 das allgemeine Verbot von Sportwetten in den Vereinigten Staaten aufgehoben hat, können die US-Bundesstaaten eigene Gesetze zur Regulierung erlassen. Während bei der WM 2022 nur rund 40 Prozent der US-Bevölkerung Zugang zu legalen Wettangeboten hatten, können bei der diesjährigen WM bereits 65 Prozent legal Wetten platzieren, schreibt Macquarie.

Seit dem Urteil ist der US-Sportwettenmarkt rasant gewachsen. Im vergangenen Jahr wurden laut der American Gaming Association rund 167 Mrd. Dollar auf Sportereignisse gesetzt, den Schwarzmarkt nicht eingerechnet. Die beiden größten Sportwettenanbieter des Landes, FanDuel und DraftKings, rechnen während der WM mit kräftigen Umsätzen. Mehr als die Hälfte jener Amerikanerinnen und Amerikaner, die die Weltmeisterschaft verfolgen, planen auch eine Wette zu platzieren, geht aus einer Umfrage des Beratungsunternehmens PwC hervor.

Überraschungen schmälern Gewinne der Buchmacher

Auch für Wettanbieter in Österreich gelten Großereignisse wie die Fußball-WM als Umsatzbringer. Rekordhohe Einsätze bedeuteten jedoch nicht automatisch hohe Gewinne, sagt Thomas Forstner, Generalsekretär der Österreichischen Vereinigung für Wetten und Glücksspiel (OVWG). Hintergrund seien einige überraschende Ergebnisse. So endete etwa das Spiel des Europameisters Spanien gegen Außenseiter Kap Verde während der aktuellen WM torlos 0:0. Ähnlich sei es bei der 1:2-Niederlage Deutschlands gegen Ecuador gewesen: Sämtliche Buchmacher seien von einem deutschen Sieg ausgegangen, entsprechend hoch seien die Quoten auf Ecuador gewesen und entsprechend teuer die Auszahlungen. “Es gab ein paar so Ergebnisse bei der WM”, so Forstner gegenüber der APA, “und daher Überraschungen ohne Ende”.

Österreich nimmt innerhalb der Europäischen Union eine Sonderstellung ein. Denn hierzulande gelten Sportwetten als Geschicklichkeitsspiel und nicht als Glücksspiel. Überraschende Ergebnisse wie jene bei der WM werfen allerdings die Frage auf, wie stark der Erfolg bei Sportwetten tatsächlich auf Geschick beruht. Wettanbieter verfügen über umfangreiche Daten, mit denen sie ihre Quoten kalkulieren, vorhersehbar machen diese ein Ergebnis wie jenes zwischen Spanien und Kap Verde aber nicht.

Bauchgefühl schlägt Statistiken

Auch viele Wettende in Österreich verlassen sich offenbar weniger auf Statistiken als auf ihr Bauchgefühl. Laut einer im Auftrag der auf Glücksspielrecht spezialisierten Kanzlei Brandl Talos durchgeführten Umfrage setzen Österreicherinnen und Österreicher zwar bevorzugt auf Sportarten, mit denen sie vertraut sind. Letztlich verlassen sich aber fast drei Viertel beim Wetten auf ihre Intuition.

Anders als Glücksspiel unterliegen Sportwetten nicht dem Bundesmonopol, sondern fallen in die Zuständigkeit der Bundesländer. Die Folge sind unterschiedliche gesetzliche Regelungen. Auch Werbung und Sponsoring sind weniger streng reguliert als im Glücksspielbereich. Forstner, der die in Österreich nicht konzessionierten Online-Wettanbieter vertritt, sprach sich für eine bundesweit einheitliche Regelung aus – auch im Sinne des Spielerschutzes.

Österreichs WM-Teilnahme kurbelte Geschäft an

Dass Österreich erstmals seit 1998 wieder an einer Fußball-WM teilgenommen hat, dürfte den Wettanbietern hierzulande zusätzliches Geschäft beschert haben. “Dann ist das Interesse der Österreicher größer, keine Frage”, so Forstner. Die Zeitverschiebung zu den Spielorten in den USA, Mexiko und Kanada dürfte das Wettverhalten hingegen kaum beeinflussen, erwartet er. Außerhalb großer Turniere sei die typische Zielgruppe normalerweise eher jung und männlich, während sich das Wettpublikum bei einer WM deutlich verbreitere: “von alt bis jung, von Mann bis Frau”.

Der überwiegende Teil der Kundschaft betreibe Sportwetten als Freizeitvergnügen, um Spiele spannender zu machen, und setze meist kleinere Beträge zwischen zehn und 20 Euro ein, sagte der Branchenvertreter. Zwar ziehe eine Weltmeisterschaft neue Kundinnen und Kunden an, diese blieben nach dem Turnier aber meist nicht dauerhaft aktiv. Problematisches Spielverhalten gibt es laut Forstner zwar nur bei einem überschaubar kleinen Teil der Kundschaft, “aber es gibt sie, und diese Leute muss man schützen”, räumte er ein. Er sprach sich für anbieterübergreifende Sperren aus, die in Zukunft auch kommen sollen. Das Problem sei zudem nicht die Sportwette selbst, sondern andere, dahinterliegende Themen, die mit Wetten überlagert würden und therapeutisch behandelt werden müssten.

Spielerschützer warnen vor gesellschaftlicher Normalisierung

Spielerschützer sehen die Entwicklung kritischer. Sie warnen davor, dass Sportwetten durch TV-Spots, Bandenwerbung oder Sponsoring bei Großereignissen wie der WM gesellschaftlich zunehmend normalisiert werden. “Zahlreiche Studien zeigen, dass Werbung das Spielverhalten beeinflussen kann – insbesondere bei Jugendlichen und anderen vulnerablen Gruppen”, sagte Lisa Brunner, Leiterin der ARGE Suchtprävention, in einer aktuellen Aussendung.

Besonders problematisch ist aus Sicht von Ewald Lochner, Koordinator für Psychiatrie-, Sucht- und Drogenfragen der Stadt Wien, das Wetten über Online-Angebote. “Dabei überschätzen viele Menschen den Einfluss ihres Fachwissens auf ihre Gewinnchancen – eine sogenannte Kontrollillusion, die problematisches Spielverhalten begünstigen kann”, erklärte er.

Zufall und Trends

Dass beim Wetterfolg der Zufall eine große Rolle spielt und man sich lieber nicht auf vermeintliches Fachwissen verlassen sollte, wollte der deutsche Ökonom Joachim Klement zeigen. Er entwickelte für die Fußball-WM 2012 ein Modell zur Vorhersage des Turnier-Siegers. Dabei berücksichtigte er unter anderem das BIP pro Kopf, die Einwohnerzahl, das Klima in den Teilnehmerstaaten, die FIFA-Rangliste sowie den Heimvorteil des Gastgeberlands. Mit dem Modell sagte Klement – unbeabsichtigt – den Sieger der WM 2012 vorher, auch bei der WM 2018 und 2022 traf seine Prognose zu und zog damit größere Aufmerksamkeit auf sich. Für die WM 2026 sah sein Modell die Niederlande als Sieger – und lag daneben. “Ich hatte mir zum Ziel gesetzt, zu beweisen, dass Wirtschaftsmodelle nicht so genau sind, wie viele Menschen glauben. Endlich hat sich herausgestellt, dass ich Recht hatte”, kommentierte Klement auf seiner Substack-Seite das Ausscheiden der Niederländer im Sechzehntelfinale.

Wie stark Emotionen und Trends das Wettverhalten beeinflussen können, zeigt ein Beispiel aus den Vereinigten Staaten. Eine Folge der US-Zeichentrickserie “Die Simpsons” aus dem Jahr 1997 zeigt ein Fußballspiel zwischen Mexiko und Portugal. Serienfans konstruierten daraus fälschlicherweise eine Vorhersage für ein WM-Finale mit diesen beiden Ländern, obwohl weder die WM noch das Jahr 2026 in der Folge erwähnt wurden. Dennoch führten die Diskussionen auf Social-Media-Plattformen zu einem spürbaren Anstieg der Wetteinsätze auf dieses Aufeinandertreffen im WM-Finale, berichtete die US-Nachrichtenagentur AP Ende Juni. Beide Mannschaften sind mittlerweile ausgeschieden.

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