Familien - und Gemeinschaftskrankenpflege

Wohnortnahe Betreuung – Hilfe für die Angehörigen

Donnerstag, 08. Dezember 2022 | 15:43 Uhr

Bozen – Mit der Umsetzung des nationalen Wiederaufbauplans “PNRR Gesundheit” und der Entwicklung hin zur wohnortnahen medizinischen Versorgung, wird die Familien- und Gemeinschaftskrankenpflege noch flächendeckender eingesetzt. Mit diesem Thema befassen sich Pflegedirektorin Marianne Siller und Siglinde Rottensteiner, Stabstelle für wohnortnahe Versorgung beim Sanitätsbetrieb. Das Berufsbild Familien- und Gemeinschaftskrankenpfleger/in wurde schon vor einigen Jahren im Südtiroler Sanitätsbetrieb eingeführt. Ziel ist es, eine gesundheitliche Betreuung „möglichst nah dran“ am Patienten oder der Patientin anzubieten.

Mit der Umsetzung der Maßnahmen, die vom nationalen Wiederaufbauplan PNRR vorgesehen sind, wird die Familien- und Gemeinschaftskrankenpflege und somit die familienzentrierte Betreuung noch engmaschiger eingesetzt. Die Betreuung, die ein Mensch benötigt, direkt bei ihm zu Hause anzubieten, stellt nämlich eine der Säulen des nationalen Wiederaufbauplans dar.

Im folgenden Interview erläutern Pflegedirektorin Marianne Siller und Siglinde Rottensteiner, Stabstelle für wohnortnahe Versorgung beim Südtiroler Sanitätsbetrieb, die Besonderheiten dieses Berufsbildes und informieren über die Vorteile, die dieses Angebot mit sich bringt.

Können Sie uns erklären, worin die Arbeit des/der Familienkrankenpflegers/in besteht?

Rottensteiner: Die Familien- und Gemeinschaftskrankenpflegerin kümmert sich um die pflegebedürftige Person und die Familie, sie agiert auf verschiedenen Ebenene der Betreuung. Ihr Ziel ist es, den Patienten zu unterstützen bzw. den Patienten und seine Familie, und zwar so lange bis diese mit der (meist chronischen) Krankheitssituation und/oder Behinderung besser umgehen können. Im Wesentlichen ist sie Ansprechperson für die pflegebedürftige Person und deren Angehörige während des gesamten Betreuungsprozesses.

Siller: Sie hat im Laufe ihrer Tätigkeit mit vielen verschiedenen Fällen zu tun, von chronischen Krankheiten über pflegebedürftige Personen bis hin zu onkologischen Patienten, egal welchen Alters oder Geschlechts.

Der/Die Familienkrankenpfleger/in gehört zu den Hauptakteuren der wohnortnahen Gesundheitsversorgung. Welche Chancen ergeben sich durch den noch gezielteren Einsatz?

Siller: Ich sehe eine enorme Chance bei der Verbesserung der Symptombehandlung und bei den pflegebedürftigen Personen, aber auch bei der Unterstützung der Familien oder betreuenden Angehörigen. Dadurch kann den Betreuer:innen die Last der Verantwortung erleichtert werden und sie können auch wertvolle Zeit für sich selbst zurückgewinnen. Ebenso können Unsicherheiten im Umgang mit Krankheit oder Behinderung verringert werden.

Rottensteiner: Der Pflegeberuf wird aufgewertet, indem dieser Tätigkeit eine größere Sichtbarkeit gegeben wird. Die Pflegerin agiert nicht nur als Leistungserbringerin, sondern kümmert sich auch mit unterstützenden Gesprächen umfassend um die Patienten und Familien.

Sprechen wir über Familien mit einer hilfsbedürftigen Person, die ständige Pflege benötigt. Wie wichtig ist hierbei die Koordination aller beteiligten Akteure und was unternimmt der Sanitätsbetrieb, um die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen sozio-sanitären Berufen zu fördern?

Siller: Was die Initiativen von Seiten des Sanitätsbetriebes betrifft, verweise ich auf den PNRR Gesundheit in seinem vollen Umfang, im speziellen auf die neuen Einrichtungen, die bis 2026 geschaffen werden, wie die Wohnortnahen Einsatzzentralen, die Gemeinschaftshäuser sowie dieGemeinschaftskrankenhäuser. Besonders durch letztere können nicht notwendige Zugänge in die Krankenhäuser des Landes verhindert und somit die Notaufnahmen und Krankenhausabteilungen entlastet werden. Dabei muss auch die Notwendigkeit der Zusammenarbeit der verschiedenen Berufe berücksichtigt werden; dieser Aspekt wird auch durch die Errichtung einer integrierten sozio-sanitären Taskforce vertieft.

Warum hat der vermehrte Einsatz der Familienkrankenpflege einen Einfluss auf die Notaufnahme und Krankenhausaufnahmen?

Siller: Weil eine Pathologie nicht nur in der akuten Krankheitsphase behandelt wird. Auf Selbstmanagement und Prävention wird nämlich besonders Wert gelegt, indem mit einem proaktiven Ansatz gearbeitet wird und eine Orientierung hin zu möglichen Gesundheitsrisiken erfolgt. All dies ist entscheidend, um rechtzeitig eine mögliche Verschlechterung des Gesundheitszustandes bei der hilfsbedürftigen Person zu vermeiden.

Wie sieht die Ausbildung für jene genau aus, die eine Tätigkeit in der Familienkrankenpflege anstreben?

Rottensteiner: Der Spezialisierungslehrgang für Familien- und Gemeinschaftskrankenpflege ist Anfang Dezember in seiner dritten Auflage zu Ende gegangen. Er hat eine Dauer von drei Jahren und ist in verschiedene Module unterteilt, die sowohl Frontalunterricht als auch interaktive Lehreinheiten umfassen. Der Lehrgang ist an das Konzept der Family Health and Family Systems Nursing, welches von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlen worden ist, angelehnt. Für jeden Lehrgang ist eine maximale Anzahl von 15 Teilnehmer/innen vorgesehen.

Die Beziehung zwischen dem Familienkrankenpfleger/der Familienkrankenpflegerin und dem Patienten einerseites, und mit der Familie andererseits: diese „Zweispurigkeit“ birgt auch ein gewisses kritisches Potential in sich, denn eine Beziehung funktioniert möglicherweise besser als die andere. Wie werden die Synergien in diesem komplexen Netz aus menschlichen Interaktionen gefördert?

Rottensteiner: Die Beziehungen basieren auf der Bildung gegenseitigen Vertrauens und die Eingriffe in das Familiensystem, welche die Pflegerinnen beim Gespräch umsetzen, funktionieren in diesem Sinne. Unter anderem wirken sie sich auch positiv auf die Kommunikation innerhalb der Familie aus.

Siller: In der Vergangenheit wurden die Angehörigen nicht gezielt einbezogen, heute ist es jedoch einfach diesen Weg zu beschreiten. In Studien konnte nachgewiesen werden, dass z.B. bei onkologischen Patienten die posttraumatische Belastung geringer ist, wenn die Angehörigen in den Heilungspfad involviert werden. Gleiches gilt auch für Diabetespatienten, die deutlich bessere Blutwerte aufwiesen, wenn sie von jemanden unterstützt worden sind. Man kann also davon ausgehen, dass der Empathie eine ebenso bedeutende Rolle im Heilungsprozess zukommt wie der Rehabilitation.

Wie wird die wohnortnahe Gesundheitsversorgung in 5 Jahren aussehen?

Siller: Der Bevölkerung stehen mehr gleichwertige Dienste zur Verfügung, eine wohnortnahe Betreuung sowie ein besser strukturierter Maßnahmenplan mit weniger Schwachstellen. Darüber hinaus wird mehr über den Erhalt der Gesundheit als über die Krankheit gesprochen. Natürlich hängt alles davon ab, ob es uns gelingt, die gemäß PNRR vorgesehenen Einrichtungen umzusetzen. Dank dieser können wir schließlich die wohnortnahe Betreuung verwirklichen.

Rottensteiner: In der familienzentrierten Betreuung setzen wir eine vertraute Ausdrucksweise ein und wir messen den Familien- und Gemeinschaftskrankenpfleger:innen mehr Bedeutung bei und verschaffen ihnen Gehör.

Von: sis

Kommentare

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8 Kommentare auf "Wohnortnahe Betreuung – Hilfe für die Angehörigen"


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ebbi
ebbi
Universalgelehrter
1 Monat 23 Tage
Es wäre wirklich wünschenswert, wenn die Angehörigen zu Hause mehr Hilfe bekommen würden. Ich lege aber wie immer den Finger in die Wunde: 3 Jahre Ausbildung, es wird Jahrzehnte dauern bis der Bedarf dieser Familienkrankenpfleger gedeckt sein wird, wenn es überhaupt möglich sein wird (!). Ich denke, es sind Luftschlösser, dass Angehörige damit weiß Gott welche Unterstützung bekommen, vielleicht fachlich, aber zeitlich wird dies mit Sicherheit kaum ins Gewicht fallen. Die Krankenpflegerin wird nicht die Zeit dazu haben, stundenlang bei den Familien zu sein. Weiters: ich hoffe, dass man versteht, dass es die klassische Familie immer weniger gibt, in der… Weiterlesen »
thomas
thomas
Kinig
1 Monat 23 Tage

heisse Luft blablabla – kostet viel bindet viel Personal leistet sehr wenig. Ein klassischer Rohrkrepierer

Wunder
Wunder
Superredner
1 Monat 23 Tage

Wer es nicht selbst mitmacht, kann sich nicht vorstellen,was es heißt, einen pflegebedürftigen Angehörigen im häuslichen Umfeld zu pflegen!!!
Da istvein Familienpfleger ein Tropfen auf dem heißen Stein!
Jeder sillte das Recht auf angemessene, zahlbare Pflege im Alter oder in Notsituationen haben. Leider sind wir weit weit weg davon.

ebbi
ebbi
Universalgelehrter
1 Monat 22 Tage

Genau, ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es wäre gescheider, in ambulante Hauspflegedienste zu investieren und das Berufsbild des Familienhelfers zu reaktivieren!

oh ja
oh ja
Neuling
1 Monat 23 Tage

Zu Hause plegen klingt super – bis die Zeit dafür aufzubringen ist. Schlussendlich geht es zu Lasten aller, des Patienten und der Angehörigen. Es ist meist Zeitlich und Räumlich nocht möglich. Sinnvoller wären mehr Plätze in Pflegeinstitutionen zu denen man auch ohne die Überweisung der Hausärzte kommt. Aber das wollen die Hausärzte ja nicht. Mit Parienten die zu Hause gepflegt werden haben sie relativ wenig Arbeit verdienen aber recht gut dabei.

ebbi
ebbi
Universalgelehrter
1 Monat 22 Tage

Vergiss es, es wird nicht mehr Plätze in Pflegeeinrichtungen geben. In Zukunft werden nur mehr Personen einen Platz im Pflegeheim bekommen, die entweder zu schwer pflegebedürftig sind um daheim gepflegt zu werden oder soziale Härtefälle sind, also niemanden haben, der sich um sie kümmert oder keinen Platz für Badante. Alle Anderen werden daheim gepflegt werden müssen.

obr jetz.
obr jetz.
Tratscher
1 Monat 23 Tage

Ist das nicht das was Sprengelkrankenpfleger schon seit Jahren tun? Wir hatten einen Pflegefall in der Familie und wir wurden vom Sprengelteam optimal betreut. Ich glaube nicht, dass eine dreijährige Ausbildung, mit vermutlich wieder an haufen angelernter auszufüllender und analysierende Zettelwirtschaft, dies noch toppen könnte. Vermutlich versinkt dann die eigendliche Pflege wieder in Bürokratie.

ebbi
ebbi
Universalgelehrter
1 Monat 22 Tage
Der Familienkrankenpfleger bindet die Angehörigen noch mal mehr ein, schult sie im Umgang mit der Erkrankung. Ich habe die Befürchtung, dass dies darauf hinausläuft, Druck auf die Angehörigen auszuüben, damit die pflegebedürftige Person ja zu Hause gepflegt wird. Also die Angehörigen sozusagen mehr in die Verantwortung zu ziehen. Ich weiß nicht, ob hier auch daran gedacht wurde, dass es die klassische Familie von früher mit zahlreichen Kindern, die sich dann in der Pflege abwechseln, nicht mehr oder kaum noch gibt. Stattdessen gibt es meistens nur noch 2 berufstätige Kinder, die teilweise nicht mehr in der Nähe wohnen und selbst berufliche… Weiterlesen »
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