Nichts ist mehr wie vorher – ein Kommentar

Böses Erwachen

Donnerstag, 21. Mai 2026 | 01:35 Uhr

Von: ka

Bozen/Modena – Lange glaubte man in Italien, dass das gewohnte Glück dem Stiefelstaat treu bleiben und das Land vor feigen und hinterhältigen Anschlägen wie jenem in Nizza vor zehn Jahren, als ein Lkw am französischen Nationalfeiertag in eine Menschenmenge raste, oder dem auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt vor eineinhalb Jahren, bei dem sechs Menschen durch ein Auto ihr Leben verloren, gefeit sein würde.

Reuters

Doch die Hoffnung, verschont zu bleiben, war eine Illusion. Es war ein Kleinwagen, der an einem frühlingshaften Samstagnachmittag zielgerichtet in die flanierende Menschenmenge der Altstadt von Modena fuhr. Die Bilder der schreienden Menschen, die schwer verletzt auf dem Pflaster liegen blieben, schockten Italien.

ANSA/Francesco Vecchi

Es war ein böses Erwachen, obwohl die Gefahr seit Jahren bekannt war. Das Schreckliche ist, dass die Perfidie, alltägliche Fahrzeuge als terroristische Waffen zu missbrauchen, den Terroristen völlig neue Möglichkeiten eröffnet. Früher mussten lange im Verborgenen Pläne geschmiedet und mühsam terroristische Zellen aufgebaut werden, wobei stets die Gefahr der Entdeckung lauerte. Nun genügt eine einzelne psychisch gestörte oder bis zum äußersten Fanatismus radikalisierte Person, um maximalen Schaden anzurichten und großen Schrecken zu verbreiten.

ANSA / FILIP SINGER

Natürlich entfachte die Amokfahrt in Modena erneut die Debatte um Integration und alle offensichtlichen sowie gefühlten Missstände in Zusammenhang mit Einwanderung. Zwar mag vieles im Argen liegen, doch die Tatsache, dass Ägypter und Pakistaner mithalfen, den mit einem Messer bewaffneten Täter zu überwältigen, zeigt, dass viele „neue Italiener” an ein gedeihliches Miteinander glauben und notfalls auch dafür einstehen.

APA/APA/dpa/Dörthe Hein

Dennoch ist seit dem Vorfall in Modena nichts mehr wie vorher, denn niemand weiß, wie viele potenzielle „Zeitbomben” wie der Amokfahrer von Modena unter uns sind. Er hatte zwar „psychische Probleme”, besaß aber auch einen Hochschulabschluss und galt als gut integriert. Nach Modena werden wir kaum umhinkommen, Fußgängerzonen noch besser zu schützen. Aber wo auch immer viele Menschen zusammenkommen, könnte sich für Terroristen oder psychisch Kranke die Gelegenheit zu einem Anschlag ergeben.

APA/APA/AFP/-

Feiernde Menschenmassen und belebte Innenstädte sind nur schwer zu schützen. Heute wie schon vor einem Jahrzehnt stehen wir vor einer Herausforderung, die eine freie, offene und demokratische Gesellschaft seit Generationen nicht mehr hatte. Werden wir ihr begegnen können? Und wie? Diese Fragen stellen sich seit Samstag nicht nur die Italiener.

Bezirk: Bozen

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