Von: mk
Bozen – Die Fähigkeit, eine Benachrichtigung zu ignorieren, Langeweile auszuhalten oder den Griff zum Smartphone bewusst aufzuschieben, entscheidet heute oft über Konzentration, psychische Gesundheit und gelingende Beziehungen. Während junge Menschen digitale Technologien selbstverständlich nutzen, geraten Fähigkeiten wie Geduld, Frustrationstoleranz und Selbststeuerung zunehmend unter Druck. Darauf macht youngHANDS anlässlich des Welttags zum Kompetenzerwerb junger Menschen am 15. Juli aufmerksam. Das diesjährige Motto der Vereinten Nationen lautet „Skills for a Shared Future“ und rückt die Kompetenzen in den Mittelpunkt, die junge Menschen für die Zukunft brauchen.
Künstliche Intelligenz, soziale Medien und digitale Plattformen verändern den Alltag junger Menschen rasant. Die technischen Fähigkeiten wachsen mit jeder Generation. Gleichzeitig beobachten die Fachpersonen von youngHANDS, dass viele Jugendliche immer häufiger Schwierigkeiten haben, mit Wartezeiten, Frustration, Unsicherheit oder Langeweile umzugehen. Genau hier entscheidet sich laut Alessia Corazza, seit 2023 Psychologin und Psychotherapeutin bei youngHANDS, eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen: „Digitale Kompetenzen sind wichtig. Entscheidend ist jedoch, ob junge Menschen lernen, die Technologie bewusst zu nutzen und sich nicht von ihr steuern zu lassen“, erklärt die Psychotherapeutin. „Die Fähigkeit, innezuhalten, abzuwägen und eine Entscheidung bewusst zu treffen, wird in Zukunft mindestens so wichtig sein wie der sichere Umgang mit digitalen Werkzeugen.“

Die Entwicklung zeigt sich auch in den Zahlen des Dienstes. Während youngHANDS im Jahr 2020 insgesamt 73 Fälle mit problematischer Nutzung digitaler Technologien und Gaming begleitete, waren es 2025 bereits 125. Das entspricht einem Anstieg der klinischen Tätigkeit um rund 70 Prozent in nur fünf Jahren. Gleichzeitig stieg die Zahl der betreuten Patientinnen und Patienten von 51 auf 100. Das Durchschnittsalter sank leicht, was zeigt, dass die Problematik immer jüngere Menschen betrifft. Lag der Anteil der Behandlungen wegen Gaming Disorder 2020 noch bei 41 Prozent, machte er 2025 bereits 62,4 Prozent aller Fälle aus.
Diese Zahlen beschreiben die Entwicklung innerhalb des Dienstes und spiegeln zugleich eine Erfahrung wider, die das Team täglich in der therapeutischen Arbeit macht. Viele Jugendliche (auch Erwachsene) greifen automatisch zum Smartphone, sobald eine kurze Pause entsteht. Sie scrollen während des Wartens, beim Essen, beim Lernen, aber auch mitten in Gesprächen. Enttäuschung, Angst, Traurigkeit oder Stress werden häufig mit sozialen Medien, Gaming oder ständig neuen digitalen Reizen beantwortet.
„Das eigentliche Problem ist selten das Smartphone oder das Videospiel“, sagt Alessia Corazza. „Hinter dem Verhalten stehen meist sehr menschliche Bedürfnisse. Jugendliche suchen Anerkennung, Zugehörigkeit, Ablenkung von belastenden Gefühlen oder einen Ort, an dem sie sich kompetent erleben.“ In der therapeutischen Arbeit von youngHANDS zeige sich immer wieder, dass digitale Angebote Bedürfnisse erfüllen, die im Alltag oft unerfüllt bleiben. Alessia Corazza erzählt von einem Jugendlichen, der sich in seiner Schulklasse kaum akzeptiert fühlte. In seiner Gaming-Community dagegen übernahm er Verantwortung, wurde geschätzt und gehörte dazu. Im Mittelpunkt der Therapie stand deshalb nicht das Verbot des Spielens. Ziel war es, dieses Gefühl von Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit Schritt für Schritt auch im realen Leben aufzubauen.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die sogenannte „aufgeschobene Belohnung“. Gemeint ist die Fähigkeit, auf eine unmittelbare Belohnung zu verzichten, um ein langfristiges Ziel zu erreichen. Wer lernt, für eine Prüfung zu lernen, obwohl gerade ein Video lockt, ein schwieriges Gespräch zu führen oder an einer Aufgabe dranzubleiben, trainiert genau diese Fähigkeit. Sie bildet eine wichtige Grundlage für schulischen Erfolg, psychische Gesundheit und stabile Beziehungen.
Digitale Plattformen funktionieren nach einem anderen Prinzip. Benachrichtigungen, Likes, neue Videos oder der nächste Level liefern in kurzen Abständen kleine Belohnungen. Das ist Teil ihres Geschäftsmodells. Umso wichtiger wird es, junge Menschen darin zu unterstützen, eigene Entscheidungen zu treffen und automatische Reaktionen zu erkennen. Auch Langeweile verdient aus Sicht der Psychologin einen neuen Blick. „Viele versuchen heute, jede freie Minute sofort mit digitalen Reizen zu füllen. Dabei entstehen Kreativität, neue Ideen und die Verarbeitung von Erlebnissen oft genau in den Momenten, in denen scheinbar nichts passiert.“
Mit dem Aufkommen künstlicher Intelligenz gewinnt diese Entwicklung zusätzlich an Bedeutung. Die entscheidende Frage sei längst nicht mehr, ob junge Menschen KI nutzen können. Viel wichtiger sei, ob sie kritisch denken, Quellen hinterfragen, Unsicherheit aushalten und eigene Urteile bilden können. Prävention geht daher über das Begrenzen von Bildschirmzeiten hinaus. YoungHANDS setzt darauf, junge Menschen in ihrer Selbstregulation zu stärken, Gefühle wahrzunehmen, Hilfe anzunehmen, echte Beziehungen aufzubauen und Erfahrungen zu machen, die auch außerhalb der digitalen Welt Anerkennung und Zugehörigkeit vermitteln. Eltern, Lehrpersonen und Erziehende können diesen Weg begleiten, indem sie klare Regeln mit Gesprächen verbinden und Räume schaffen, in denen Jugendliche Verantwortung übernehmen, Gemeinschaft erleben und ihre Stärken entdecken.
„Die Technologien der Zukunft werden immer leistungsfähiger werden“, sagt Alessia Corazza. „Umso wichtiger wird es, dass junge Menschen die Fähigkeit entwickeln, selbst zu entscheiden, wann und wie sie diese Technologien nutzen.” Darin liege eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen.




Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden
Kommentare anzeigen