Wirtschaftselite wird beschuldigt, den Krieg zu sabotieren

Russischer Finanzsektor droht einzubrechen

Mittwoch, 15. Juli 2026 | 07:02 Uhr

Von: red

Moskau – Die russische Zentralbank sowie die Rohstoffindustrie und der Bankensektor spüren die finanziellen Belastungen des Krieges zunehmend. Hinter den Kulissen wachsen die Spannungen, während Vertreter der Wirtschaftselite dafür kritisiert werden, ihr privates Vermögen nicht umfassender zur Finanzierung des Krieges einzusetzen.

Wladimir Solowjow, einer der prominentesten und einflussreichsten Fernsehmoderatoren in Russland, nutzte Anfang Juli seine Sendung im staatlichen Fernsehen, um äußerst harte Kritik an der zunehmenden Frustration der russischen Oligarchen über die desaströsen finanziellen Kosten des Krieges zu üben.

In seiner Wutrede bezeichnete er sie als „erbärmliche Händler-Schweine“, die „auf ihren Milliarden sitzen und nur an ihre schmutzigen Profite und Lieferketten denken, während an der Front die Menschen ihr Blut für den Sieg des Landes vergießen“. Er beschuldigte sie als gierig und unpatriotisch, weil sie primär in wirtschaftlichen Profiten und globalen Märkten denken statt in imperialen Siegen.

Russische Zentralbank unter zweiseitigem Druck

Solowjow verschonte auch die russische Zentralbank nicht und beschuldigte die Zentralbankchefin Elwira Nabiullina, zu liberal und westlich zu handeln, als ob sie die massiven finanziellen Probleme ihres Landes nicht sehen würde. Schon zu Beginn des Jahres wurde sie aufgefordert, die Geldpolitik zu lockern und zusätzliche Mittel für die militärische Finanzierung bereitzustellen.

Gleichzeitig wirft die Wirtschaftselite Nabiullina vor, den zivilen Sektor zugunsten der Rüstungsindustrie ausbluten zu lassen, da nur Militärbetriebe staatlich subventionierte Kredite erhalten. Auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg kritisierten Andrei Melnitschenko und andere sanktionierte Milliardäre wie Roman Trozenko offen, wie durch die neue Zinspolitik jede private Investition unmöglich sei. Um die kriegsbedingte Inflation einzudämmen, hielt die Zentralbank nämlich den Leitzins trotz einer leichten Senkung auf extrem hohen 14,25 Prozent.

Für ein noch größeres Beben sorgte Melnitschenko dann in einem exklusiven Interview mit The Economist, in dem er auf eine wirtschaftliche Katastrophe Russlands hindeutete.

Die russische Zentralbank befindet sich damit in einem wirtschaftlichen Dilemma: Sowohl eine Zinssenkung als auch eine Hochzinspolitik könnten die wirtschaftliche Stabilität Russlands erheblich gefährden.

In den öffentlichen Pressekonferenzen entgegnete Nabiullina der Kritik mit reiner mathematischer Logik. Trotz des politischen Drucks hält die Zentralbank an ihrer strikten Geldpolitik fest. Sie warnt vor den Folgen einer unkontrollierten Geldschöpfung, benennt die tatsächlichen Ursachen der Inflation – darunter die Auswirkungen des Krieges und die Treibstoffkrise – und setzt damit wirtschaftliche Stabilität über kurzfristige politische Interessen.

Mitte Juni 2026 löste ihr mehrtägiges Fernbleiben von wichtigen Wirtschaftstreffen im Kreml, darunter Termine mit Wladimir Putin, Spekulationen in Moskau aus. Da sie Berichten zufolge bereits zu Beginn des Krieges ihren Rücktritt angeboten hatte, werten einige Experten ihre Abwesenheit als mögliches Zeichen wachsender Distanz zur kriegsbedingten Wirtschaftspolitik.

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