Von: ka
Mailand/Rogoredo – Carmelo Cinturrino beteuerte bis zuletzt, dass der 28-jährige marokkanische Drogenhändler Abderrahim Mansouri am Abend des 26. Januars eine Pistole – die sich als Schreckschusspistole entpuppte – auf ihn gerichtet habe. Daraufhin habe er ihn in Notwehr erschossen. Obwohl seine Kollegen seine Darstellung bestätigten, erregte eine ganze Reihe von Ungereimtheiten den Verdacht der Ermittler. Je tiefer die Ermittler in sein Berufs- und Privatleben eindrangen, desto dunkler wurde der Schatten, der auf den leitenden Polizeibeamten des örtlichen Kommissariats fiel.
Mehrere Zeugen aus dem Drogenmilieu von Rogoredo sagten aus, dass Cinturrino, der im Viertel unter den Namen „Thor” und „Luca” auftrat, nicht „nur” sehr gewalttätig und furchteinflößend war, sondern auch Schutzgeld von den Dealern aus Rogoredo und dem Nachbarviertel Corvetto erpresste. „200 Euro und fünf Gramm Kokain pro Tag. Im Gegenzug? Schutz und ‚Ruhe bei der Arbeit‘“, so mehrere Dealer.
Laut den Aussagen von Bekannten Mansouris habe Cinturrino das Opfer wiederholt bedroht und angekündigt, es eines Tages umzubringen. Nach und nach erhärtete sich der Verdacht, dass es sich nicht um einen Fall von Notwehr handelte, sondern dass Abderrahim Mansouri sterben musste, weil er sich geweigert hatte, wie seine Dealerkollegen und die Kunden, den 41-Jährigen „mitverdienen” zu lassen. Am Ende waren es der Schlamm, seine DNS und ein Kronzeuge, die Carmelo Cinturrino zum Verhängnis wurden. Am Montag wurde er wegen Mordes festgenommen.

Abderrahim Mansouris Leiche liegt mit dem Gesicht nach oben auf dem Boden, während er vom Blitz von Cinturrinos Smartphone beleuchtet wird. Neben ihm liegt ein großer Stein. Es ist vor allem sein Gesicht, das zur Hälfte blutverschmiert ist, in das die Kugel in die rechte Schläfe eingedrungen ist, das sofort die Aufmerksamkeit der Ermittler auf sich zieht. Denn seine Lippen, sein Kinn und seine Nase sind „mit erdeähnlichem Material verschmiert”. Ironischerweise widerlegt dieses Foto, das der 41-Jährige vor dem Eintreffen der Rettungskräfte schoss, um das Vorhandensein einer Pistole zu dokumentieren, seine Inszenierung einer Notwehr, denn es ist offensichtlich, dass die Leiche umgedreht wurde.
Als Abderrahim Mansouri getroffen wurde, fiel er kopfüber in den Schlamm. Ausgehend von diesem Bild und nicht zuletzt dank der Hartnäckigkeit der Anwälte Debora Piazza und Marco Romagnoli, die die Familie Mansouri vertreten, gelang es, einige Zeugen ausfindig zu machen, von denen keiner der anwesenden Beamten jemals gesprochen hatte.
Einer von ihnen, ein afghanischer Drogenabhängiger, war Zeuge der Bluttat. Er berichtete dem Mailänder Staatsanwalt Giovanni Tarzia, der den Fall untersucht, sowie den Polizisten, die gegen ihre Kollegen ermitteln, was er gesehen hatte. Demnach habe Mansouri in einer Hand ein Telefon und in der anderen einen Stein gehalten. Als er Cinturrino sah, habe er den Arm gehoben, als wolle er den Stein werfen. In diesem Moment zog der Beamte seine Waffe, woraufhin Mansouri versuchte zu fliehen und „nach dem Schuss frontal zu Boden fiel”.

Auch die auffällige „Zeitlücke” – zwischen dem Schuss aus Cinturrinos Waffe und der Verständigung der Rettungskräfte vergehen rund 23 Minuten – machte die Ermittler von Anfang an stutzig. Fast einen Monat später und erst nachdem gegen sie wegen Begünstigung und unterlassener Hilfeleistung ermittelt wurde, beschlossen die vier Beamten, die mit Cinturrino zusammen waren, ihre ursprünglichen Aussagen, die seine Darstellung bestätigten, zu widerrufen. Angesichts des erdrückenden Beweismaterials – Videoaufnahmen zeigen, wie er mit dem Dienstauto ins Kommissariat zurückkehrt, um Cinturrino einen Rucksack zu holen – beschloss der 28-jährige Beamte, der dem schießenden Kollegen am nächsten stand, alles zu erzählen: „Niemand hat ‚Halt, Polizei!‘ gerufen!“
Mansouri war unbewaffnet. „Ich habe gesehen, wie der Dealer eine Bewegung machte, als wolle er etwas nach uns werfen. Cinturrino zog seine Pistole. Als Mansouri die auf ihn gerichtete Pistole sah, bewegte er sich, als wolle er die Richtung ändern. Cinturrino schoss sofort auf ihn. Er fiel mit dem Gesicht nach unten. Cinturrino näherte sich ihm, drehte den Körper um und stellte fest, dass er ihn getroffen hatte.“
Sofort gab der 41-Jährige seinem 28-jährigen Kollegen die Autoschlüssel und trug ihm auf, er solle „die Aktentasche mit den Unterlagen holen“. Als der Beamte zurückkam, „öffnete er sofort den Kofferraum und holte etwas aus der Tasche. Es war ein schwarzer Gegenstand. Dann rannte er zurück zu Mansouri.“
Die Untersuchungen der Spurensicherung bestätigen, dass sich auf dem Abzug und dem Griff der Schreckschusspistole lediglich die DNA von Cinturrino befindet. Auf der Waffe wurden keine Fingerabdrücke oder biologischen Spuren von Mansouri gefunden. Die Aussage des Kronzeugen und die Tatsache, dass der Dealer unbewaffnet war und der Schütze die Leiche umgedreht hatte, führten am Montag zur Festnahme des dringend tatverdächtigen Carmelo Cinturrino. Laut den Staatsanwälten habe Cinturrino Mansouri „bewusst und gezielt getroffen“. Es habe sich ein „alarmierendes Bild vom kriminellen Potenzial des Verdächtigen“ ergeben. Nach Ansicht der Ermittler „könnte er erneut töten”.
Das genaue Motiv der Bluttat ist noch Gegenstand von Ermittlungen. Es gilt jedoch als wahrscheinlich, dass Mansouri ihn anzeigen wollte, da er von Cinturrino mit Schutzgeldforderungen in Höhe von bis zu 200 Euro und fünf Gramm Kokain pro Tag erpresst worden war. Der 28-jährige marokkanische Drogendealer war jedoch nicht länger gewillt, den nun in Untersuchungshaft sitzenden 41-Jährigen „mitverdienen” zu lassen. Um ihn zu „bestrafen” und zugleich zu verhindern, dass seine „lukrativen Nebeneinkünfte” auffliegen, habe Cinturrino Mansouri gewaltsam aus dem Weg geräumt.
Der 41-Jährige gestand die Tat. „Ich hätte dafür sorgen müssen, dass das Gesetz eingehalten wird. Ich habe einen Fehler gemacht. Ich entschuldige mich bei allen Menschen, die eine Uniform tragen. Ich habe ihr Vertrauen missbraucht.“ Trotz mehrerer gegenteiliger Aussagen beteuerte Carmelo Cinturrino, von den Drogenhändlern kein Schutzgeld erpresst zu haben.
„Wir werden sehr streng gegen diejenigen vorgehen, die sich dieses Verbrechens schuldig gemacht haben“, versicherten der Mailänder Quästor Bruno Megale und Staatsanwalt Marcello Viola. „Cinturrino? Ein Verbrecher“, so Polizeichef Vittorio Pisani.
Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni sagte hingegen, sie empfinde „tiefe Wut” über den Mord an einem Drogendealer im sogenannten „Drogenwald” von Rogoredo in Mailand. Sollte sich dieser schwere Verdacht bestätigen, würde dies laut der Ministerpräsidentin einen „Verrat an der Nation und an der Würde und Ehrbarkeit unserer Ordnungskräfte” darstellen.





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