Protest dreier Maturantinnen entzweit Italiens Schulwelt – VIDEO

„Genug, ich lege die mündliche Prüfung nicht ab“

Freitag, 05. Juli 2024 | 07:59 Uhr

Von: ka

Venedig/Mestre – Der Protest dreier Maturantinnen, die nach einer laut ihrer Ansicht „demütigenden und unfairen“ schriftlichen Griechischprüfung die mündliche Prüfung boykottiert haben, entzweit Italiens Schulwelt.

Die drei Schülerinnen glauben, dass sie nach einem angeblichen Streit zwischen der Griechischprofessorin und ihrem Lateinlehrer von der Professorin schlecht bewertet worden seien, aber dem Ergebnis einer Inspektion durch das römische Unterrichtsministerium zufolge sei es während der Prüfungen zu keinen Unregelmäßigkeiten gekommen.

In der deutschen und italienischen Schule beginnt morgen für insgesamt rund 4000 Schülerinnen und Schüler die staatliche Abschlussprüfung der Oberstufe. (Foto: LPA/Peter Daldos)

Wie die Maturanten ganz Italiens gingen auch die Schüler einer fünften Oberschulklasse des klassischen Gymnasiums Foscarini in Mestre bei Venedig mit hohen Erwartungen in die Maturaprüfung. Die schriftliche Griechischprüfung wurde jedoch für fast die gesamte Klasse zum Desaster. Nicht weniger als zehn der 14 Maturanten fielen bei der Prüfung, die einen Text des griechischen Philosophen Platon zum Inhalt hatte, durch. Auch Schüler und Schülerinnen, die alle fünf Schuljahre hindurch in Griechisch durchwegs gute bis sehr gute Noten bekommen hatten, erhielten Bewertungen, die weit unter einem einfachen ungenügend liegen.

Nach diesem niederschmetternden Prüfungsergebnis, das sie als „demütigend und unfair“ empfinden, beschlossen drei Maturantinnen – Linda Conchetto, Virginia Gonzales y Herrera und Lucrezia Novello – die mündliche Prüfung zu boykottieren. Anstatt die Fragen der Kommission zu beantworten, verlasen sie einen Protestbrief, in dem sie mit der Prüfungskommission hart ins Gericht gingen. Eine der Prüfungskandidatinnen ließ sich ihre schriftliche Griechischarbeit aushändigen und focht einige Korrekturen der Lehrerin an.

lpa – archiv

„Ich habe die Note sechs bis sieben bekommen, aber bei der Korrektur zu Hause mit meiner Mutter, die einen Universitätsabschluss in Altgriechisch besitzt, konnte ich nur einen Fehler feststellen. Ich habe darum gebeten, die Arbeit noch einmal sehen zu dürfen. Zuerst wollten sie sie mir nicht aushändigen, aber da dies mein Recht ist, mussten sie sie mir zeigen. Ich habe die Fehler, die mir angekreidet wurden, beanstandet“, so eine der drei Maturantinnen. „Als ich sah, dass nicht nur ich, sondern auch meine Klassenkameraden unfair behandelt wurden, beschloss ich, dagegen zu protestieren und die mündliche Prüfung nicht abzulegen“, begründet die junge Frau diese einschneidende Entscheidung.

APA/APA (Archiv)/GERT EGGENBERGER

Um die Korrektur der Professorin überprüfen zu lassen, möchte die Maturantin in Absprache mit ihrer Familie Akteneinsicht beantragen.

Diese Entscheidung kommt nicht von ungefähr. Die Maturanten der betroffenen Klasse hegen einen schweren Verdacht. Ihrer Ansicht nach war sich die Griechischprofessorin, die für die schlechten Noten verantwortlich ist, mit dem Lateinlehrer, der die Klasse bis zur Matura begleitet hat, vor einigen Jahren in die Haare geraten, wofür sie sich mit den schlechten Bewertungen für „seine“ Schüler „gerächt“ haben soll. „Während sie uns sehr niedrige Noten gegeben hat, haben die Maturanten der Nachbarklasse viel bessere Bewertungen bekommen“, betont eine der drei Schülerinnen.

Der aufsehenerregende Protest, der italienweit für Aufsehen sorgte, rief die Inspektoren des römischen Unterrichtsministeriums auf den Plan. Wie der Corriere del Veneto berichtet, kamen bei den Kontrollen durch die Inspektoren jedoch keine Unregelmäßigkeiten zutage. Die Inspektoren betonen, dass die Notenbewertungen nicht durch ein einziges Mitglied der Prüfungskommission erfolgten, sondern von allen Professoren, die die Kommission bilden, gebilligt würden und somit Ausdruck einer gemeinschaftlich erfolgten Gesamtbewertung seien. Den Beamten des Ministeriums zufolge müsse sich die Beanstandung der Maturantinnen wennschon gegen die gesamte Prüfungskommission richten.

lpa – archiv

Vom Ergebnis der Inspektion werden viele Schülerinnen und Schüler enttäuscht sein. Durchgefallen dürfte zwar niemand sein, aber die niedrige Maturanote stellt für den kommenden Lebensweg eine nicht zu unterschätzende Hypothek dar. Die Schülerinnen meinen zwar, dass der Protest, auf die mündliche Prüfung zu verzichten, es wert gewesen sei, aber die Tatsache, dass der Zugang zu bestimmten Universitäten oder zu Stipendien ihnen verwehrt bleiben wird, wiegt schwer. Nach dem Bericht der Inspektoren des römischen Unterrichtsministeriums bleibt den jungen Maturanten nur mehr der ungewisse Gang zum Verwaltungsgericht.

Ihr Protest hingegen sorgt italienweit für Diskussionen. Darüber, ob sie zu Recht gegen eine angebliche ungerechte Behandlung protestiert haben, darüber scheiden sich weit über die Schulwelt hinaus die Geister.

Kommentare

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17 Kommentare auf "„Genug, ich lege die mündliche Prüfung nicht ab“"


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user6
user6
Superredner
20 Tage 12 h

heutige jugend

N. G.
N. G.
Kinig
20 Tage 5 h

Dienheutigen Alten! Haben alles besser gemacht…. gell… . Wenn ich mir die Welt so ansehe dann haben sie mehr falsch als richtig gemacht. Es kann nur besser werden!

neidhassmissgunst
neidhassmissgunst
Universalgelehrter
19 Tage 12 h

Wenn sie nicht zur mündlichen Prüfung antreten wollen dann sollte man ihnen einfach mal 1 Jahr das Abschlussdiplom verwehren. Dann in 1 Jahr können sie sich überlegen ob sie nochmal antreten wollen.

Gredner
Gredner
Kinig
20 Tage 12 h

Ich zweifle stark, dass die anderen Lehrer in den Kommission gut genug Altgriechisch beherrschen um die Aufgaben bewerten zu können. Vielmehr hat nur eine Person die Korrekturen der Arbeiten vorgenommen und die anderen blind ihre Unterschrift beigesteuert.

MartinSchmidt
MartinSchmidt
Tratscher
20 Tage 11 h

Die Matura wird immer ungerecht sein, so hatten wir ja Jahrelang in ganz Südtirol gleich viele 100er wie eine Schule in Kalabrien…

Gredner
Gredner
Kinig
20 Tage 10 h

du meinst: alle deutschen Oberschulen in Südtirol zusammen hatten gleich viele Höchstnoten (6) wie eine einzige Klasse einer italienischen Oberschule in Bozen? So habe ich das in Erinnerung!

Homelander
Homelander
Universalgelehrter
20 Tage 7 h

Wer bitte brauch heutzutage noch Altgriechisch bitte… auch für die Tonne in der heutigen Zeit…

magg
magg
Superredner
20 Tage 4 h

Historiker, ein guter Restaurator und Priester

guenne
guenne
Superredner
20 Tage 3 h

Nur weil du es nicht brauchst, heißt es noch lange nicht, dass es niemand mehr braucht. 🤔🤣

nemesis
nemesis
Tratscher
20 Tage 10 h

Kann ich mich wirklich sehr gut vorstellen. Exakt solche kindischen Streitereien unter “Professoren” (lach), unter denen die Studenten dann zu leiden hatten, sind an der Claudiana des heiligen Landes Südtirol auch schon vorgekommen. Selbst erlebt.

Staenkerer
20 Tage 10 h

i bin oltersmäsig zwor weit weg vom schulalltag, bin ober der meinung das der überwiegenste teil der bewertung auf der leistung, der strebsamkeit, des benehmens, der aufmersamkeit, dem sozialen verholten de der schüler, de schülerinn unterm schuljohr bringt und zoag, liegn soll und nit so sehr auf der momentaufnahme prüfung – matura!

Grantelbart
Grantelbart
Universalgelehrter
20 Tage 10 h

Wenn man die Grafik betrachtet könnte man meinen Süditalien hätte die schwierigsten Prüfungen… oder?

Doolin
Doolin
Kinig
20 Tage 10 h

…genug ist genug…
🤪

Olm sgleiche
Olm sgleiche
Tratscher
20 Tage 5 h

Ja,ja… komisch nur das die Inspektoren alles für korrekt erklärt haben

milchmann
milchmann
Superredner
20 Tage 59 Min

@Olm sgleiche
Die selber auch kein Altgriechisch können nehme ich an.

milchmann
milchmann
Superredner
19 Tage 12 h

@olmsgleiche.
Warum du mir ein Minus drückst wenn ich dir Recht gebe, weil die Inspektoren selber auch kein Altgriechisch können und folglich die Bewertung gar nicht machen könnten…..

krokodilstraene
19 Tage 12 h

das sind doch fadenscheinige Argumente!
die jeweiligen Professoren vergeben die Bewertungen allein, der Mathematik Professor wird wohl kaum altgriechisch beherrschen…
diese Ungerechtigkeit bei Prüfungsbewertungen ist auch nichts neues

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