Von: ka
Rom/Grinzane Cavour – Die Verurteilung des Juweliers Mario Roggero aus Grinzane Cavour in der Provinz Cuneo zu 14 Jahren und 9 Monaten Haft ist rechtskräftig. Er hatte am 28. April 2021 nach dem Überfall auf sein Juweliergeschäft zwei Räuber, Giuseppe Mazzarino und Andrea Spinelli, getötet und einen dritten Mann verletzt. Die Richter der ersten Strafkammer des Obersten Gerichtshofs bestätigten am Mittwochnachmittag nach einer über fünfstündigen Beratung das Urteil des Berufungsgerichts Turin.
Damit wiesen die Höchstrichter die vom Verteidiger des Angeklagten eingereichte Berufung zurück. Sowohl in erster Instanz als auch im Berufungsverfahren wurde die vom Angeklagten geltend gemachte Notwehr abgeschmettert. Roggero hatte die mit einer Spielzeugpistole und einem Messer bewaffneten Räuber auf dem Parkplatz verfolgt, nachdem der Raubüberfall bereits beendet war. Er feuerte eine Reihe von Schüssen in schneller Folge auf ihr vor dem Juweliergeschäft geparktes Auto ab. Alessandro Modica, der Fahrer der Bande, wurde verletzt und war der Einzige, der überlebte.

Damit zog das Kassationsgericht einen Schlussstrich unter einen der aufsehenerregendsten und politisch kontroversesten Fälle der italienischen Justiz der vergangenen Jahre – Roggero muss ins Gefängnis. Der Richterspruch des Höchstgerichts dürfte die Debatte um Notwehr oder Selbstjustiz, die während der Prozesse über Wochen die italienische Öffentlichkeit beherrschte, jedoch nicht beenden, denn neben vielen Freunden und Unterstützern haben sich auch Politiker des Falls „angenommen”.
Im Laufe der Jahre hat sich um Roggero ein Netzwerk aus Bewunderern gebildet. Unter dem Instagram-Reel, in dem er sein Handeln verteidigt und um finanzielle Unterstützung bittet, lautet es in den Kommentaren: „Anständige Menschen stehen auf seiner Seite“, „Ich hoffe, dass die Richter ihr Gewissen prüfen“ und „Die Welt steht auf dem Kopf, wir stehen alle hinter dir“.

Doch auch in der Politik hat Roggero Unterstützung gefunden. Am Tag nach dem Raubüberfall stellten sich die meisten Vertreter der Rechten auf seine Seite. Der Vizepremier Matteo Salvini betonte, dass „Selbstverteidigung immer legitim ist“, und bot ihm seine Unterstützung an. Diese bekräftigte er in den Stunden nach den Verurteilungen mit Nachrichten, Telefonaten und Beiträgen in den sozialen Medien. Die T-Shirts mit der Aufschrift „Wir sind alle Roggero“, die im Juni anlässlich einer Solidaritätsveranstaltung für den Juwelier von General Roberto Vannacci, dem Vorsitzenden von „Futuro Nazionale“, getragen wurden, blieben sicherlich nicht unbemerkt – was ja eindeutig das Ziel war.
Roggero, ein kleiner Social-Media-Star mit mehr als 70.000 Followern auf Instagram, bedankt sich und gibt die Bankverbindung für die Crowdfunding-Kampagne weiter, um die Kosten zu decken. Denn wenn die Haft eine Strafe ist, dann sind es auch die vorläufigen Entschädigungszahlungen an die Angehörigen der Opfer in Höhe von 780.000 Euro. Roggero hat bereits 300.000 Euro davon durch den Verkauf einiger Immobilien beglichen, doch er ist noch weit von der benötigten Summe entfernt. Diese wird noch weiter ansteigen, wenn man die Anwaltskosten hinzurechnet.

Hauptausschlaggebend für alle Verurteilungen war ein achtminütiges Video, das den gesamten Ablauf des Raubüberfalls und der Morde zeigt. Zu sehen ist, wie die Räuber am 28. April 2021 ab 18.45 Uhr nacheinander das Juweliergeschäft betreten und Roggero, seine Frau und seine Tochter bedrohen. Sie sind vermummt und halten ein Messer und eine Pistole in der Hand, die sich später als Spielzeugwaffe herausstellen wird.

Im Laden herrscht eine angespannte Stimmung. Nachdem die Täter den Tresor geleert haben, verlassen sie das Geschäft durch den Hinterausgang und gehen zu dem wenige Meter entfernt geparkten Auto. Modica setzt sich auf den Fahrersitz, die beiden anderen versuchen auf der anderen Seite einzusteigen.
Roggero läuft ihnen nach, den Revolver in der Hand, den er unter der Kasse versteckt hat. Er holt die Banditen ein und feuert in schneller Folge fünf Schüsse ab, vier davon ins Innere des Wagens, während die verfolgten Kriminellen versuchen zu fliehen. Modica wird am Bein getroffen. Mazzarino versucht sich hinter dem Auto zu verstecken, sinkt jedoch zu Boden und stirbt.

Modica steigt aus dem Auto und flieht. Auch Spinelli versucht zu fliehen. Er fällt jedoch auf den Asphalt. Roggero holt ihn ein und versetzt ihm mehrere Tritte gegen Kopf und Rücken. Dann richtet er die Pistole erneut auf ihn und drückt ab, doch das Trommelmagazin ist leer. Spinelli versucht noch einmal, sich zu entfernen, bricht dann jedoch zusammen und stirbt. Schließlich kehrt der Goldschmied in sein Geschäft zurück und verständigt den Notruf.
Von Anfang an beruft er sich auf Notwehr und beteuert lautstark seine Unschuld. Wenige Monate später klagt die Staatsanwaltschaft von Asti ihn wegen mehrfachen vorsätzlichen Mordes und Körperverletzung an. Roggero entscheidet sich für eine mündliche Verhandlung, die von Zeugenaussagen und psychiatrischen Gutachten geprägt sein wird.
Die Verteidigungslinie ist klar. „Ich habe in Notwehr gehandelt. Ich wollte meine Frau retten und die Gefahr abwenden, dass sie, da sie wussten, dass sie gesehen worden waren, in den Laden zurückkehren und uns töten würden. Ich wollte nur meine Familie beschützen.“ Dies ist die These, die der Juwelier den Richtern vorträgt. Dabei erinnert er auch an den Raubüberfall, den er 2015 erlitten hatte.
Zunächst fällten das Schwurgericht und anschließend das Berufungsgericht ein Schuldurteil. Dieses Urteil wurde vom Kassationsgericht, das sich mit der korrekten Auslegung der im Jahr 2019 eingeführten Reform zur Notwehr befasste, bestätigt.
Laut dieser Reform gilt im Falle eines gewaltsamen Eindringens oder der Androhung von Waffengebrauch oder körperlicher Nötigung die Notwehr als gegeben und eine Strafbarkeit ist ausgeschlossen, sofern die Überschreitung der Notwehrgrenzen unter den Umständen einer verminderten Verteidigungsfähigkeit oder einer schweren Verunsicherung aufgrund der bestehenden Gefahrensituation erfolgte.
Offensichtlich gelangte auch das Kassationsgericht zu der Ansicht, dass der Raubüberfall in Grinzane Cavour vor mehr als fünf Jahren auch unter Berücksichtigung der im Jahr 2019 erfolgten Gesetzesänderung keinesfalls als Notwehr angesehen werden kann.
Das Urteil stößt auf Kritik, doch viele, die eine „Überdehnung” des Notwehrbegriffs ablehnen, befürworten es. Sie zitieren gerne den Staatsanwalt von Asti, Biagio Mazzeo, der die Schuld des Juweliers anhand des Videos als eindeutig betrachtet. „Er ist ihnen nachgerannt und hat sie umgelegt, erschreckend!”, so Mazzeo.






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